31.03.2021

Wie man Gesellschaften gesünder machen kann

Die Coronapandemie legt schonungslos die Verletzlichkeit unserer Gesellschaften offen. Wie können wir unsere Gesellschaften jetzt und in Zukunft gesünder machen? Das war eine der Fragen, mit denen sich der Joint Academy Day von ÖAW und Royal Society of Canada auseinandersetzte, bei dem Expert/innen über aktuelle gesellschaftspolitische Herausforderungen diskutierten.

Die einzelnen Panels des Joint Academy Day konnten im Livestream verfolgt werden und finden sich auf dem ÖAW-YouTube-Channel zum Nachschauen.
Die einzelnen Panels des Joint Academy Day konnten im Livestream verfolgt werden und finden sich auf dem ÖAW-YouTube-Channel zum Nachschauen. © ÖAW

Wer möchte nicht gern wissen, wie es einem gelingt, länger zu leben? Die Wissenschaft hat diesbezüglich interessante Antworten. „Unsere biologischen Ausgangsbedingungen und Gene prägen unsere Lebenserwartung nur zu 25 Prozent“, sagt Marc Luy, Bevölkerungswissenschaftler am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW: „Der Rest sind Entscheidungen, die wir treffen.“ Klingt gut, aber das Problem dabei ist: Nicht alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten. „Die Lebenserwartung von Akademiker/innen ist in Österreich und der EU um sieben Jahre höher“, erklärt Judit Simon, Expertin für Gesundheitsökonomie an der MedUni Wien. Gerade die Covid-19-Krise habe gezeigt, dass verletzliche Gruppen wie alte Menschen, Obdachlose, People of Colour oder eine indigene Bevölkerung besonders hart getroffen werden. Wie kann man gegen diese Benachteiligungen vorgehen?

Globale Herausforderungen und wie man sie gemeinsam lösen kann, waren ein zentrales Thema des heurigen „Joint Academy Day“, der 2018 von der ÖAW ins Leben gerufen wurde, um die Zusammenarbeit mit Partnerakademien aus aller Welt zu stärken und wissenschaftliche sowie wissenschaftspolitisch relevante Themen zu erörtern. Aufgrund der Corona-Pandemie fanden die Diskussionen in Zoom-Webinaren statt. Der Vorteil davon war, dass sich auch eine breite Öffentlichkeit weltweit zuschalten konnte. Der Gesprächspartner am 18. März 2021 war die Royal Society of Canada (RSC).

Mehr Flexibilität für Krisensituationen

Covid-19 spielte naturgemäß in fast allen Diskussionen eine Rolle. Oft wurde das Thema aber von einem neuen, überraschenden Blickwinkel beleuchtet. In der eingangs beschriebenen Panel-Diskussion „Healthy Societies” etwa wurde erörtert, wie man eine Gesellschaft gesünder machen kann. „In Österreich und Europa fließen nur rund drei Prozent in die Prävention. Das sollte sich ändern“, sagt Simon. Eine weitere Herausforderung sei, Krankenhäuser flexibler zu machen, um sich an Krisensituationen besser anpassen zu können. „Es hat sich in Japan gezeigt, dass nicht nur die Anzahl der Krankenhausbetten wichtig ist, sondern auch die Flexibilität, diese schnell in Intensivbetten umzuwandeln. Bei Covid-19 ist man in Japan trotz guter Ausgangssituation daran gescheitert.“

Entscheidend sei auch der Unterschied zwischen der Lebenserwartung und den gesunden Jahren, die man hat, erklärte Demograph Luy. Um diesen Wert zu ermitteln, wurden Menschen gefragt, ob sie sich in den letzten sechs Monaten gesundheitlich eingeschränkt fühlten. In Deutschland und Österreich klaffen diese Werte auseinander: Die Lebenserwartung ist hoch, die gesunden Jahre niedrig. Schweden änderte den Fragebogen – und damit auch die Ergebnisse. Man musste zuerst ankreuzen, ob man sich prinzipiell eingeschränkt fühlt. Nur, wenn man mit „Ja“ antwortet, wird man zu den nächsten Unterpunkten weitergeleitet. In deutschsprachigen Ländern hingegen kann man alle Punkte ankreuzen, was zu Verwässerungen führt. „Die Deutschen haben immer etwas, worüber sie sich beschweren können“, sagt Luy: „Man sieht daran auch, wie absurd Gesundheitsstatistiken sein können.“

Aufklärungsoffensive zu Corona in Kanada

Die Covid-19-Krise habe möglich gemacht, direkt zu beobachten, wie die Wissenschaft arbeitet, betonte Astrid Mager vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW. Ist das Vertrauen in die Wissenschaft dadurch gestiegen? Wie geht man mit Fake News um? Der Infektionsexperte Tom Marrie von der kanadischen Dalhousie University (mehr von ihm in einem Interview auf der ÖAW-Website) erzählte, welche Aufklärungsoffensive Kanada gestartet hat: In der „Task Force on Covid-19“ engagierten sich 400 Expert/innen, um Briefings für die Politik und Öffentlichkeit zu erarbeiten. Und auch um Internet-Mythen entgegen zu wirken. Unter dem Hashtag #sciencefirst wurde eine Medienkampagne gestartet, die wissenschaftlich fundierte Daten promoten und das Vertrauen in die Forschung stärken sollte. „Covid hat die Schwächen unserer Gesellschaft offengelegt“, sagt Marrie – in Kanada sind überproportional viele Menschen in Altersheimen gestorben. „Wir müssen daraus lernen, kleinere, bessere Pflegeheime zu bauen, und mit den Betroffenen zu reden, um ihre Bedürfnisse zu erfahren.“

Um Covid-Ausbrüche im Gefängnis zu verhindern, wurden zahlreiche Häftlinge mit einer digitalen Fußfessel in die Freiheit entlassen. „Es sind keine Verbrechen passiert. Wir müssen uns daher fragen: Warum sind unsere Gefängnisse so voll? Gibt es da nicht andere Lösungen, als Menschen einzusperren?“, so Marrie.

Transatlantischen Austausch stärken

Aber auch das Themenfeld, wie ein transatlantischer Austausch besser funktionieren könnte, wurde erörtert. Im Panel „Ideas Crossing the Atlantic: Multicultural Citizenship, Minority Cultures and Religious Diversity as Challenges in Liberal Democracies” erzählte die Literaturwissenschaftlerin Maria Löschnigg vom Institut für Anglistik der Universität Graz, warum die Kurzgeschichte aufgrund ihrer fragmentierten Form besonders gut geeignet ist, über Krisen und Migration zu erzählen. „Literatur gibt marginalisierten Gruppen nicht nur eine öffentliche Stimme, sie kann Migration erfahrbar machen“, so Löschnigg. 35 von 78 ihrer Diplomand/innen beschäftigen sich mit kanadischer Literatur. Ein gutes Beispiel eines gelungenen Kulturaustausches.

 

AUF EINEN BLICK

Was Akademien zur Bewältigung von aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen beitragen können, darum geht es traditionell beim jährlichen „Joint Academy Day“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Dieses Jahr war die Royal Society of Canada zu Gast in Wien. Aufgrund der Pandemie fand das Zusammentreffen am 18. März virtuell als Webinar statt und wandte sich explizit auch an die Öffentlichkeit. Die gesamte Veranstaltung, bei der es in einzelnen Sessions neben der Coronakrise auch um den Klimawandel, Biodiversität oder Public Health ging, kann auf dem YouTube-Kanal der ÖAW angesehen werden.

Joint Academy Day auf YouTube

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