

Die Welt wird zunehmend digitaler: Altes und neues Wissen aus Literatur, Musik, Kunst oder Archäologie kann im Zeitalter von Internet und sozialen Medien von vielen Menschen ganz einfach am Computer, Tablet oder Smartphone aufgerufen werden. Seit einigen Jahren hält das Digitale auch Einzug in die Geisteswissenschaften. Die computergestützte Analyse digitaler Quellen hat sich als „Digital Humanities“ inzwischen sogar zu einem eigenständigen Forschungsgebiet entwickelt, das darauf spezialisiert ist, für die Forschung neue Verfahren zur Datenrepräsentation, -visualisierung und -analyse einzusetzen.
Das Austrian Center for Digital Humanities (ACDH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist seit seiner Gründung im vergangenen Jahr zu einer österreichischen Drehscheibe für eine breite Palette solcher „Digital Humanities“-Projekte auf nationaler und internationaler Ebene geworden. Was der technische Wandel für geisteswissenschaftliche Traditionen bedeutet, was eine „Tool Gallery“ ist und warum sein Fach eine Grenzgängerin ist, erklärt ACDH-Direktor Karlheinz Mörth.
Die „ACDH Tool Gallery“ stellt neue digitale Methoden zur Erstellung von Datenmanagementplänen vor. Warum ist das für die Geisteswissenschaften von Bedeutung?
Beim Datenmanagement geht es um Fragen der Speicherung, Veröffentlichung und Langzeitverfügbarkeit von Daten, es geht um Workflows, Standards, Dokumentation und Struktur. All das hat auch sehr viel mit „Best Practices“ zu tun. Die Situation in den Geisteswissenschaften ist durch teilweise sehr unterschiedliche Anforderungen der diversen Fächer kompliziert. Akademische Institutionen haben im Informationszeitalter aber die Verpflichtung, sich um die Verfügbarkeit ihrer Forschungsdaten langfristig zu bemühen.
Wie wichtig der Aspekt „Datenmanagement“ inzwischen geworden ist, sieht man etwa daran, dass bei vielen Förderprogrammen ein Datenmanagementplan fixer Bestandteil von Anträgen ist. Mit den regelmäßig stattfindenden „Tool Galleries“ wollen wir unsere Kolleg/inn/en auf diese neuen Anforderungen vorbereiten.
Wie verändern die neuen digitalen Methoden die traditionellen Geisteswissenschaften?
Die „Digital Humanities“ – kurz: DH – haben sich um die Jahrtausendwende aus dem „Humanities Computing“ entwickelt. Hier haben die Geisteswissenschaftler/innen gewissermaßen das Ruder von den Techniker/inne/n übernommen, um sich die neuen Möglichkeiten zu Nutze zu machen und Entwicklungen gezielt voranzutreiben. Es ist ein junges und sehr dynamisches Gebiet, das mit einer veränderten Kultur des Forschens Hand in Hand geht.
Die experimentelle und anwendungsbezogene Natur vieler Projekte führt beispielsweise dazu, dass oft früh publiziert wird, um anhand des Feedbacks erkennen zu können, ob das richtige Konzept verfolgt wird. Transparenz, Nachvollziehbarkeit und intensiver Gedankenaustausch sind zentrale Arbeitsgrundsätze. An DH-Projekten sind in der Regel Expert/inn/enteams beteiligt, deren Mitglieder in aller Welt verstreut sind und aus unterschiedlichen Fachrichtungen kommen können. Mir ist es hierbei wichtig zu betonen, dass wir in den DH nicht nur interdisziplinär, sondern auch transdisziplinär arbeiten.
Worin besteht der Unterschied?
Beim interdisziplinären Arbeiten tauschen sich die Disziplinen untereinander aus, bleiben in ihrer Grundstruktur aber unverändert. Transdisziplinär bedeutet für uns die Integration neuer Impulse in unser eigenes Fachgebiet, das dadurch dauerhaft verändert wird. Darüber hinaus heißt „Trans-“ für uns auch, dass alles, was wir im akademischen Bereich tun, potentiell viel direkter in die Gesellschaft hinein wirkt, als dies in der Vergangenheit der Fall war.
Werden die „Digital Humanities“ die bestehenden Disziplinen nachhaltig verändern?
Es gilt das alte Prinzip: „Omnia mutantur, nihil interit“ – alles verändert sich, nichts vergeht. Ich verstehe die DH als Erweiterung des traditionellen methodologischen Kanons. Trotzdem bedeuten die DH eine fundamentale Umstellung für viele Forschungsbereiche. Vieles ist natürlich sehr graduell.
Beispielsweise ist die Notwendigkeit, Implizites explizit zu machen, beim digitalen Arbeiten viel größer. Kontrollierte Vokabularien spielen darum in unserem Bereich eine immer bedeutendere Rolle. Es ist wichtig, dass sich in den einzelnen „Scientific Communities“ eine gemeinsame digitale „Sprache“ entwickelt, man sich auf gemeinsame Standards und „Best Practices“ verständigt. In manchen Bereichen geht das schneller, in manchen langsamer. Gemeinschaftliches Arbeiten und partizipative Werkzeuge stellen wichtige Aspekte des Arbeitens in den DH dar. Schlagwörter in diesem Zusammenhang sind etwa „Citizen Science“ und „Crowdsourcing“.
Also Schwarmintelligenz?
Es wird häufig so genannt, auch wenn ich den Begriff in diesem Zusammenhang nicht besonders treffend finde, weil er suggeriert, dass Einzelne in einem Kollektiv aufgehen. DH beruht aber auf der Kommunikation individueller Persönlichkeiten, auf Ideenaustausch und Vernetzung zwischen Expert/inn/en, die eben nicht zu einer anonymen Masse verschmelzen. Gerade das digitale Medium macht es mögliche individuell erbrachte Teilleistungen transparent zu machen und den Forschenden auf diese Art zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.
An welchen Digital Humanities-Projekten ist das ACDH beteiligt?
Wir betreuen sehr unterschiedliche Projekte, und sind darum bemüht, effiziente Infrastrukturen für eine breite Palette geisteswissenschaftlicher Forschung zu entwickeln. Wir kooperieren etwa mit Archäolog/inn/en, Latinist/inn/en, Kunsthistoriker/inne/n oder Zeithistoriker/inne/n, denn wir sind daran interessiert, die Forschungspraxis in vielen unterschiedlichen Disziplinen kennenzulernen, um mit unserem Know-how auf spezielle Bedürfnisse eingehen zu können.
Ein gutes Beispiel stellt „ABaC:us“ dar, das Österreichische Barockcorpus. Es ist aus einem Projekt hervorgegangen, in dem wir informationstechnologische Methoden und Werkzeuge zur Analyse historischer Varietäten des frühen Neuhochdeutschen und der Repräsentation solcher Daten im digitalen Medium entwickelt haben. Dabei wurde traditionelles philologisches Arbeiten mit moderner Texttechnologie verbunden. Auf der Website des ACDH ist durch dieses Projekt nun eine einzigartige strukturierte Sammlung digitaler Volltexte frei verfügbar. Diese Texte von Abraham a Sancta Clara sind zudem als Open Access jedem, der damit arbeiten möchte, unter https://acdh.oeaw.ac.at/abacus frei zugänglich.
Ist „Open Access“ in den Digital Humanities besonders wichtig?
Ich bin davon überzeugt, dass „Open Access“ gerade für die Geisteswissenschaften großes Potential besitzt. Und wenn ich von „Open Access“ spreche, dann meine ich besonders auch Forschungsdaten und nicht nur Forschungsresultate in Form von Artikeln oder Monographien. Unsere Arbeitsweise beruht auf kontinuierlichem Dialog, unsere Wissenschaftler/innen sind international vernetzt und auf der Basis digitaler Daten erzeugte Forschungsresultate sind nur durch direkten Zugang zu diesen Daten nachvollziehbar.
„Open Access“ stellt somit keine Gefahr für die Forschenden dar, sondern befördert ihre Arbeit. Wenn man gemeinsam an Daten arbeitet, muss man diese naturgemäß teilen.
„Offen für alle“ könnte also ein Motto der digitalen Geisteswissenschaften sein?
Durch die neuen Methoden und Herangehensweisen sind die DH in vielerlei Hinsicht an Grenzen angesiedelt, befinden sich im Grunde oft „dazwischen“: zwischen den traditionellen Disziplinen, zwischen den Medien – ganz gleich ob Texte, Bilder, 3D-Visualisierungen, Tonaufnahmen – und zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, indem sie Materialien und Forschungsresultate digital und somit über alle Grenzen hinweg für möglichst viele Forschende und Interessierte zugänglich machen.
Karlheinz Mörth ist Direktor des Austrian Center for Digital Humanities der ÖAW, das im Jahr 2015 neu an der Akademie eingerichtet wurde. Er unterrichtet zudem am Institut für Orientalistik der Universität Wien und ist Österreich-Koordinator des europaweiten Forschungsnetzwerks DARIAH – Digital Research Infrastructure for the Arts and Humanities.
Austrian Center for Digital Humanities der ÖAW