13.01.2021

Wer soll das alles bezahlen?

Der Schaden durch die Corona-Pandemie geht weltweit bereits in die tausende Milliarden US-Dollar. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden uns daher noch lange begleiten. Davon ist der österreichische Ökonom Gabriel Felbermayr überzeugt.

Die Coronakrise kostet Geld. Milliarden gehen weltweit an Wirtschaftsleistung verloren.
Die Coronakrise kostet Geld. Milliarden gehen weltweit an Wirtschaftsleistung verloren. © Shutterstock

Erster, zweiter, dritter Lockdown. Das Herunterfahren der Wirtschaft zur Eindämmung der Corona-Pandemie kostet inzwischen Milliardensummen. „Unseren Prognosen zufolge sind es für Deutschland ungefähr 400 Milliarden Euro und für Österreich etwa 50 Milliarden Euro“, sagt der Ökonom Gabriel Felbermayr. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft geht deswegen davon aus, dass die wirtschaftlichen Folgen der Krise langfristig sein werden: „Kein Konjunkturpaket und keine noch so cleveren Hilfsprogramme werden Einbußen in dieser Größenordnung aus der Welt schaffen können“, so Felbermayr.

Der aus Österreich stammende Wirtschaftswissenschaftler, der neben Forscher/innen aus weiteren Fächern als Experte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum Thema Corona fungiert, erzählt im Interview, welche Länder wirtschaftlich besonders betroffen sind, warum wir dringend über Generationengerechtigkeit sprechen sollten, aber auch welche Chancen die Krise für eine Wende zur Green Economy bieten könnte.   

Lässt sich inmitten der Pandemie schon sagen, wie hoch die wirtschaftlichen Einbußen sein werden?

Gabriel Felbermayr: Wir können uns schon während der Krise ein ziemlich genaues Bild davon machen, welche Einkommen, die normalerweise in diesem Zeitraum erwirtschaftet würden – in der Gastronomie, in der Hotellerie, im Veranstaltungsbereich, im Einzelhandel –, jetzt nicht erwirtschaftet werden. Weltweit wird dabei von etwa 10.000 Milliarden US-Dollar ausgegangen. Das ist annähernd so hoch wie die gesamte jährliche Wirtschaftsleistung der USA. Unseren Prognosen zufolge sind es für Deutschland ungefähr 400 Milliarden Euro und für Österreich etwa 50 Milliarden Euro.

Vielerorts werden jetzt Hilfspakete geschnürt. Aber wer wird letztlich die Kosten dafür tragen?

Felbermayr: Kein Konjunkturpaket und keine noch so cleveren Hilfsprogramme werden Einbußen in dieser Größenordnung aus der Welt schaffen können. Diese nicht erwirtschafteten Einkommen können nicht nachgeholt werden. Das sind Schäden, die bleiben und die wir alle bezahlen werden. Aber: Diese Einkommensverluste können über die Zeit umverteilt werden – und auch über Bevölkerungsgruppen. Das ist auch richtig so, damit nicht die jetzigen Betroffenen akut alles selber tragen müssen.

Die nicht erwirtschafteten Einkommen können nicht nachgeholt werden. Das sind Schäden, die bleiben, und die wir alle bezahlen werden.

Fest steht: Was immer der Staat jetzt kompensiert, dafür werden in der Zukunft entweder mehr Steuereinnahmen notwendig oder weniger Steuersenkungen möglich sein. Zudem werden soziale oder andere staatliche Leistungen, die man sich hätte leisten können, nicht ausbezahlt werden. Diese Krise wird langfristige Effekte haben. Die Kosten werden sich über die Zeit verteilen. 

Inwiefern wird die ökonomische Krise die junge Generation belasten?

Felbermayr: Aus vergleichbaren Studien wissen wir, dass die Schulkinder, die jetzt durch Schulschließungen betroffen sind, ihr Leben lang die Auswirkungen spüren. Wer jetzt ein Jahr verliert, hat eine niedrigere Lebensverdienstsumme. Selbst ein kleiner Lohnnachteil, der über das ganze Leben mitgeschleppt werden muss, summiert sich. Und das betrifft natürlich besonders die junge Generation.

Die Schulkinder, die jetzt von Schulschließungen betroffen sind, werden ihr Leben lang die Auswirkungen spüren.

Wer jetzt auf den Arbeitsmarkt gehen muss, hat ein Problem. Nicht nur, dass es weniger Jobs gibt, sondern, dass diese wenigen Jobs kaum Zulagen und ein niedriges Einstiegsgehalt bieten werden. Aus der Arbeitsmarktforschung wissen wir aber, dass diese Einstiegskonditionen bis zum Tage der Pensionierung extrem wichtig sind. Das Thema der Generationengerechtigkeit müsste man sehr viel stärker adressieren. Diese Ungleichheit gehört zumindest diskutiert. 

In Ihrem Vortrag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2019 sind Sie der Frage nachgegangen, ob Europas Wohlstand bedroht sei. Wie sieht es mittlerweile aus?

Felbermayr: Damals habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was in zehn Jahren passiert, wenn die Weltordnung eine ganz andere ist. Mittlerweile hat sich diese Perspektive in einer Kurzfristigkeit verändert, wie ich sie in dem Ausmaß noch nie gesehen habe. Es ist eine neue Sorte von Risiko, die da plötzlich aufgetaucht ist, die man so nicht am Radar hatte.  Eine Art „Black Swan“, wie manche sagen.

Dieses Trauma wird den Unternehmergeist wahrscheinlich längerfristig eindämmen.

Die Schäden, die wirtschaftlich von einigen wenigen getragen werden, sind de facto notwendig, damit wir alle profitieren und die Pandemie eingedämmt wird. Aber: Die Rechnung dafür bezahlen diese wenigen Branchen, die jetzt vor echten existenziellen Bedrohungen stehen. Ihnen wird auch nur sehr ungenau geholfen. Während Staatsbeamte und Pensionisten komplett ungeschoren durchkommen, wird dieses Trauma den Unternehmergeist wahrscheinlich längerfristig eindämmen.

Ist es schon absehbar, inwiefern sich weltwirtschaftlich betrachtet etwas an der Gewichtung der Industriestaaten, Entwicklungsländer oder Schwellenländer verschiebt?

Felbermayr: Das lässt sich mit Blick nach Asien schon recht klar sagen: Chinas Wirtschaft wächst dieses Jahr immerhin mit zweieinhalb bis drei Prozent. Auch Südkorea steht wirtschaftlich gut da. Noch ein Stück besser sieht es in Taiwan aus. Am anderen Spektrum haben wir Länder, durchaus auch in derselben Region, etwa Indien, wo es einen Einbruch des Bruttoinlandsproduktes von 9 bis 10 Prozent gibt, ganz anders als man das vor der Pandemie erwartet hätte. Der Abstand von dem, was tatsächlich realisiert wird und dem, was man eigentlich ohne Pandemie erreichen hätte können, macht etwa 15 Prozent aus.

Gesamt betrachtet kommt Ostasien besser durch die Krise und der Aufstieg Chinas beschleunigt sich.

Im Vergleich: In Österreich werden es wahrscheinlich 6 Prozent sein. Davon wird man 2021 etwas zurückholen. Aber: Wir sind relativ wohlhabend. Es muss deswegen keiner hungern. Wir können uns die Pandemie leisten. In einer Region wie Indien sind die existenzbedrohenden Effekte sehr viel stärker. Gesamt betrachtet kommt Ostasien – bis auf einige wenige Länder – besser durch die Krise und der Aufstieg Chinas beschleunigt sich.

Und – Stichwort Klimakrise – wie stehen derzeit die Chancen für ein ressourcenschonendes Wirtschaftssystem?

Felbermayr: Es gibt eine ganz klare Tendenz und die ist dem Umstand zu verdanken, dass viele Länder – und auch die Europäische Union – Maßnahmen ergreifen wollen, um die kurzfristige Krise besser zu bewältigen - Investitionsprogramme zum Beispiel. Sie nehmen die langfristige Herausforderung des Klimawandels jetzt zum Anlass, um in der kurzen Frist Konjunkturmaßnahmen zu ergreifen, die einem langfristigen Ziel dienen. Das passiert, allerdings vielleicht nicht schnell genug.

Beim europäischen Next Generation EU-Fonds ist noch kein Cent geflossen, aber immerhin 30 Prozent sollen in grüne Projekte gehen. Das wäre ohne Krise wahrscheinlich so nicht passiert. In jedem Fall wäre es nicht dazu gekommen, dass die EU gemeinsam auf europäischer Ebene 750 Milliarden Euro Schulden aufnimmt. Jede Krise ist auch Beschleuniger und verändert den Blickwinkel und die Dringlichkeiten.

 

AUF EINEN BLICK

Gabriel Felbermayr ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. 2019 hielt Felbermayr eine Akademievorlesung unter dem Titel "Rückkehr der Machtpolitik im Welthandel: Ist Europas Wohlstand bedroht?" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

 


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