21.06.2021

Was Wissenschaft in einer Pandemie leisten kann

Was trägt die Wissenschaft zur Bewältigung einer Pandemie bei? Das wollte die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einer öffentlich ausgeschriebenen Preisfrage wissen. Aus über 100 eingereichten Essays wählte eine Jury nun die drei besten Beiträge aus. Der mit 12.000 Euro dotierte erste Preis geht an den Soziologen Alexander Bogner.

© Unsplash/Prasesh Shiwakoti

Seit Ausbruch der Coronapandemie vor mehr als einem Jahr steht die Wissenschaft im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Was sie zur Bewältigung der Pandemie beitragen kann, aber auch wo ihre Grenzen liegen könnten, das wollte die ÖAW mit der öffentlichen Preisfrage „Was kann die Wissenschaft bei Pandemien leisten?“ feststellen, die sie im Sommer 2020 ausgeschrieben hat.

Die Teilnahme war für Menschen aus der ganzen Welt mit oder ohne wissenschaftlichen Hintergrund offen. Eingereicht werden konnten Essays auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Russisch ohne Zeichenbegrenzung. Für die besten drei Antworten wurden insgesamt 24.000 Euro bereitgestellt. Ausgewählt von einer interdisziplinär besetzten Jury, stehen die Gewinner/innen jetzt fest.

Ohne Wissenschaft keine Eindämmung des Virus

Der erste Preis in Höhe von 12.000 Euro geht an den Beitrag des Soziologen Alexander Bogner, der am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW forscht. Sein Essay betont die Rolle der Wissenschaft als wesentliche Instanz der Aufklärung: „Ohne die Wissenschaft wäre das Coronavirus gar kein Virus, sondern eine dunkle Heimsuchung des Schicksals. Und ohne die Wissenschaft hätten wir auch keine Hoffnung darauf, Covid-19 eindämmen zu können.“ In der aktuellen Krise habe die Forschung Fakten und Daten bereitgestellt und zudem ihre eigenen Lernprozesse transparent gemacht. Damit hat sie an Glaubwürdigkeit gewonnen. Doch Bogner betont auch, was die Wissenschaft nicht leisten kann: Sie hat kein politisches Mandat und kann nicht bestimmen, welche Maßnahmen umgesetzt werden sollen – das ist die Aufgabe der Politik.

Der zweite und mit 8.000 Euro dotierte Preis geht an den Schweizer Quantenphysiker Fabien Clivaz von der Universität Ulm und die Sozialanthropologin Raya Polishchuk von der Universität Wien. Das interdisziplinäre Team zeigt in seinem Beitrag unter anderem auf, dass nur ein Teil der wissenschaftlichen Expertise in der Coronakrise im öffentlichen Diskurs genutzt wurde: „Die  Medien berichteten ständig darüber, was die Naturwissenschaften über die laufende Pandemie zu sagen hatten“, während die Sozialwissenschaften weit weniger medial aufgegriffen wurden. Das habe auch für die Politik gegolten, in deren Entscheidungen sozialwissenschaftliche Erkenntnisse – beispielsweise über die Auswirkungen spezifischer Corona-Maßnahmen auf die soziale Ungleichheit – kaum eingeflossen seien. Eine Folge davon: Frauen sind weitaus stärker von den Auswirkungen der Krise betroffen als Männer.

Den dritten, mit 4.000 Euro dotierten Preis, erhalten Thomas König vom Institut für Höhere Studien und Michael Stampfer vom Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds. In ihrem Essay beleuchten sie einerseits, was die Wissenschaft erfolgreich zur Bewältigung der Pandemie beigetragen hat, etwa in Gestalt der Entwicklung von Impfstoffen. Am Beispiel Österreich nehmen sie aber auch die Frage in den Blick, „welche Ressourcen und Strukturen die Politik wann und warum der Wissenschaft bereitstellt“ – auch unter dem Gesichtspunkt der Forschungsfinanzierung. Diesbezüglich plädieren die Autoren für langfristige aktive Förderungen vonseiten der Politik, die die kompetitive wissenschaftliche Forschung, wissenschaftliche Institutionen sowie Sektorforschung und interdisziplinäre Forschung für zukünftige Herausforderungen stärken würden.

Gewinner/innen aus über 100 Beiträgen ausgewählt

Das Echo auf die Preisfrage war groß: Von über 150 Personen, die einzeln oder als Team eingereicht haben, wurden insgesamt 114 Essays zur Begutachtung herangezogen. Knapp zwei Drittel der Beiträge wurden auf Deutsch eingereicht, ebenfalls ein knappes Drittel auf Englisch. Insgesamt wurden Texte aus 27 Ländern eingesandt. Diese wurden in einem mehrstufigen Verfahren von einer interdisziplinär besetzten wissenschaftlichen Jury bewertet.

Die Beiträge der Gewinner/innen sind auf der Website der ÖAW via Open Access veröffentlicht. Zudem werden sie in einem Band der ÖAW-Reihe „Forschung & Gesellschaft“ auch in gedruckter Form publiziert.

Diskussion mit Expert/innen am 28. Juni

Das Thema der Preisfrage stand schließlich auch im Zentrum einer Diskussionsveranstaltung am 28. Juni ab 15 Uhr im Festsaal der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Auf Einladung der ÖAW hat dort der Gewinner der Preisfrage, Alexander Bogner, mit dem Impfstoffexperten Florian Krammer (Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York), der Physikerin Viola Priesemann (Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen) und der Politologin Barbara Prainsack (Universität Wien) diskutiert. Dabei ging es etwa darum, welche Forschungsleistungen für die Krisenbewältigung besonders wichtig sind und welche Rolle die Wissenschaft in der Beratung der Politik spielen sollte.

Video mit Preisfrage-Gewinner Alexander Bogner

Fotos der PreisträgerInnen


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