Was haben die gegenwärtige Krise der Europäischen Union und eine geschiedene Ehe gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Das erste ist ein politisches Geschehen, das zweite eine sehr persönliche Angelegenheit. Aus wissenschaftlicher Sicht ist beides aber sehr wohl vergleichbar, denn im einen, wie im anderen Fall handelt es sich um Beispiele, in denen soziale Kohäsion problematisch geworden ist.
Die Frage, was Menschen, Gruppen oder sogar ganze Gesellschaften eint und was sie trennt stand im Mittelpunkt des Diskussionsforums "Eigene/s und Andere/s. Gruppenbildung und sozialer Zusammenhalt", das am 26. Juni im Rahmen der öffentlichen Gesamtsitzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) abgehalten wurde.
Moderiert von Junge Kurie-Mitglied Pavlina Rychterova vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW, beleuchteten drei hochkarätige Vertreter ihres Faches, der Soziologe Max Haller, der Biologe Kurt Kotrschal und der Linguist Martin Reisigl, im Festsaal der ÖAW aus den unterschiedlichen Perspektiven ihrer Disziplinen ein Thema, das nicht erst seit der sogenannten Eurokrise hochaktuell ist, sondern schon vor mehr als 350 Jahren Denker wie den Staatsphilosophen Thomas Hobbes beschäftigte: Wie ist sozialer Zusammenhalt möglich, wenn im „Naturzustand“, wie er im "Leviathan" schrieb, "der Mensch dem Menschen ein Wolf ist"?
Max Haller, Professor für Soziologie an der Universität Graz und korrespondierendes Mitglied der ÖAW, machte vier zentrale Faktoren aus, die Gesellschaften zusammenhalten: wirtschaftliche Verflechtungen, politische Macht, geteilte Werte und gemeinsame historische Erfahrungen. So sei die europäische Einigung zunächst eine wirtschaftliche Einigung gewesen, der eine politische Union gefolgt sei und mit der Grundrechtecharta im Vertrag von Lissabon auch eine klar formulierte Wertegemeinschaft. Doch Haller warnte, dass diese integrativen Faktoren auch desintegrativ wirken können, zum Beispiel dann, wenn wirtschaftliche Verflechtungen zu hoher sozialer Ungleichheit führen oder wenn ein "zuviel" an Integration politische Gemeinschaften formt, die keine abweichenden Meinungen mehr dulden. Auf lange Sicht drohen Gesellschaften in beiden Fällen zu zerbrechen.
Der Mensch, ein kooperatives Wesen?
Doch ist der Mensch überhaupt für kooperatives Verhalten gemacht? Oder ist doch jeder des anderen Wolf? Kurt Kotrschal, Professor für Verhaltensbiologie an der Universität Wien, ist für die Beantwortung beider Fragen prädestiniert, schließlich hat er nicht nur menschliches Verhalten sondern bekanntlich auch Wölfe studiert. "Der Mensch", so Kotrschal, "ist ein genuin soziales Wesen" - eine Eigenschaft übrigens, die er mit dem Wolf teile. Die schlechte Nachricht: Mensch und Wolf kooperieren in erster Linie innerhalb ihres Klans und zwar nach dem Motto "wir gegen die anderen". Jüngste neuropsychologische Studien zu menschlicher Empathie scheinen dies zu bestätigen. Wir leiden vor allem mit jenen mit, die uns ähnlich sind. Doch Kotrschal machte Hoffnung. Nicht nur die Biologie beeinflusst unser Verhalten, unser Verhalten kann auch die Biologie beeinflussen. So besteht eine Korrelation zwischen der Gehirngröße des Menschen und seiner im Vergleich zu anderen Primaten größeren Sozialität - und die wird dadurch gewährleistet, vereinfacht gesagt, dass wir viel miteinander sprechen.
Ist Sprache also der Kitt, der die soziale Welt im Inneren zusammenhält? Eines sei klar, so Martin Reisigl von der Universität Bern: "Sprache ist ohne koordiniertes Verhalten nicht denkbar und umgekehrt ist es die Sprache, die menschliches Verhalten koordiniert." Doch so wie Sprache vereinen kann, kann sie im gleichen Atemzug auch trennen. Wenn zum Beispiel rechtspopulistische Politiker auf Facebook ihre Community ansprechen, erzeugen sie damit eine scheinbare interpersonelle Nähe, schließen aber gleichzeitig all jene aus, gegen die sich ihre Politik richtet, so der Linguist.
Partizipation statt Exklusion
Eine gemeinsame Sprache, die soziale Natur des Menschen oder wirtschaftlicher Wohlstand - all das, darin waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, seien zentrale Voraussetzungen für Integration. Worauf es letztlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt aber ankomme, sei das Vermeiden von Exklusion und die Möglichkeit der Partizipation. Durch Demokratie und Rechtstaatlichkeit können Bürger/innen am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben und ihre Interessen einbringen. Eine Gesellschaft, die Menschen davon ausschließt, droht auf Dauer Probleme mit ihrer sozialen Kohäsion zu bekommen.