

Es kam nicht gänzlich unerwartet, aber dennoch überraschend: Die britischen Wähler haben in einem Referendum dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen. Bis zuletzt war Europa davon ausgegangen, dass die Abstimmung zugunsten eines Verbleibs in der Union ausfallen würde. Nun sitzt der Schock über den „Brexit“ tief – selbst in Großbritannien. Immerhin rund 48 Prozent der Briten waren für ein „Bremain“ eingetreten und auch unter den Brexit-Befürwortern scheint es inzwischen einige zu geben, die ihre Entscheidung am Wahltag bedauern. „Bregret“ ist in sozialen Medien wie Twitter inzwischen ein häufig verwendeter Hashtag.
Doch wie geht es nun mit Europa weiter? Welche Folgen hat ein Austritt des Vereinigten Königreichs für Großbritannien und die EU? Steht „Europa am Abgrund“? So lautet der Titel eines neuen Buchs der Europaexperten Brendan Simms und Benjamin Zeeb, das die beiden auf Einladung des Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) am 27. Juni 2016 an der Akademie präsentierten.
Im Interview erzählen sie, warum Europa jetzt erst recht seine Integration vertiefen muss, was der Brexit für Wissenschaft und Forschung bedeutet und welche Gründe für den britischen Austrittswunsch eine zentrale Rolle gespielt haben.
Europa brauche mehr Integration, sagen Sie in Ihrem neuen Buch. Sind die „Vereinigten Staaten von Europa“ nach dem Brexit überhaupt noch eine realistische Option?
Mehr als jemals zuvor! Wir haben stets argumentiert, dass Großbritannien eine vertiefende demokratische Integration, die Europa dringend benötigt, wahrscheinlich nicht mitmachen wird. Der Brexit gibt der Eurozone nun die einmalige Möglichkeit die beschädigte Union zu reparieren und zu tun was notwendig ist, um Demokratie, Wohlstand und Sicherheit wiederherzustellen.
Der Brexit ist nur eines von vielen Problemen der EU. Warum scheint Europa in einem permanenten Zustand der Krise zu sein?
Wir betrachten die Krise Europas nicht als eine bloße Anhäufung unzusammenhängender Herausforderungen. Vielmehr sind alle Probleme, denen wir gegenüberstehen miteinander verbunden und verstärken sich wechselseitig. Sie resultieren aus derselben systemischen Krise, die in vielen Ländern zu einer Rückkehr des rechten Populismus geführt hat und zu einem aggressiven Wiedererstarken Russlands im Osten. Einer Krise, die eine unglückliche Außenpolitik im Mittleren Osten und Afrika zur Folge hat, die sich schließlich zu einer Flüchtlingskrise ausgeweiten konnte und einer Krise, die das Risiko des Zerbrechens der gemeinsamen Währung heraufbeschwört.
Keines dieser Probleme wird automatisch von einer demokratischen Europäischen Union gelöst werden. Aber alle diese Probleme erfordern eine demokratische Union um sie überhaupt angehen zu können.
Was werden die Konsequenzen des Brexit für Großbritannien sein? Und welche Konsequenzen wird der Brexit für Europa haben?
Das hängt sehr davon ab, wie es nun tatsächlich weitergeht. Es ist niemals weise, das letztendliche Resultat eines dermaßen bedeutenden Ereignisses in den ersten Tagen und Wochen danach zu bewerten, in denen zumeist Panik und Verwirrung herrschen. Es ist absolut möglich, dass sich das Vereinigte Königreich nun wieder zurück zu einer starken politischen Union entwickelt, das es historisch seit der Gründung der angloschottischen Union im Jahre 1707 war. Aber auch ein Auseinanderbrechen Großbritanniens ist nicht ausgeschlossen – und keineswegs wünschenswert.
Für Europa hängt nun alles davon ab, ob wir den politischen Willen haben, das zu tun, was jetzt nötig ist, um die Eurozone zu einer starken Union zu machen, die eine vielversprechende Zukunft für ihre Bürgerinnen und Bürger gewährleisten kann.
Wie wird sich der Brexit auf die Wissenschaft und Forschung auswirken?
Wir sind überzeugt, dass angesichts der Bedeutung britischer Institutionen in der Wissenschaft eine Übereinkunft gefunden werden kann, um die Kooperation in diesem Bereich mit den Mitgliedsstaaten der EU fortzuführen. Eine Teilung würde der Forschung auf beiden Seiten des Kanals ernsthaft Schaden zufügen. Wir hoffen daher, dass die Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Ebene nicht zur Verhandlungsmasse in den Austrittsverhandlungen wird, die beginnen, wenn man den Artikel 50 des EU-Vertrags tatsächlich angewendet.
Warum war es nicht möglich, die britische Bevölkerung insgesamt von einem Verbleib in Europa zu überzeugen? Ist die EU einfach kein ansprechendes Modell mehr?
Dazu muss man zunächst sagen, dass Großbritannien immer ein europäisches Land war und bleiben wird. Was auf dem Kontinent passiert, betrifft die Briten weit mehr als jedes Ereignis irgendwo anders auf der Welt. Das wird sich nicht ändern. Was das Referendum, die EU zu verlassen, betrifft, spielten hier verschiedene Faktoren eine Rolle. Zwei Aspekte waren dabei besonders von Bedeutung.
Der erste betrifft nicht nur Großbritannien sondern bezeichnet ein globales Phänomen, das sich auf den gesamten Westen auswirkt. Eine immer größere Anzahl von Menschen hat das Gefühl, zu den Verlierern der Globalisierung zu gehören. Sie fühlen sich wirtschaftlich benachteiligt und haben kein Vertrauen mehr in ihre politischen und ökonomischen Eliten. In dieser Hinsicht war der Brexit lediglich ein Beispiel für den Ausbruch populistischer Stimmungen. Angesichts steigender sozialer Ungleichheit und fehlender demokratischer Repräsentation ist es wahrscheinlich, dass wir in Zukunft weitere Beispiele erleben werden.
Zweitens muss man kein Populist sein, um festzustellen, dass Europa und die EU dringend reformiert werden müssen. Es braucht nicht bloß eine Imagekampagne, notwendig ist ein kompletter Neuanfang.
Was glauben Sie: Wird Großbritannien eines Tages wieder Mitglied der Europäischen Union sein?
Das wäre wünschenswert. Auf jeden Fall sollten nun beide Seiten alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um eine starke und freundschaftliche Partnerschaft aufrechtzuerhalten.
Brendan Simms ist irischer Historiker und Professor
für die Geschichte der internationalen Beziehungen an der University of
Cambridge. Er ist Autor mehrerer Bücher zur europäischen Geschichte und
Vorsitzender des Thinktanks Project for Democratic Union. Benjamin Zeeb
ist Historiker sowie Mitbegründer und Geschäftsführer des Project for
Democratic Union.
Gemeinsam haben Simms und Zeeb kürzlich das
Buch „Europa am Abgrund. Plädoyer für die Vereinigten Staaten von
Europa“ publiziert, das sie am 27. Juni 2016 auf Einladung des
ÖAW-Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichte an der Akademie
vorstellten.
Veranstaltung „Europa am Abgrund“
ÖAW-Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichte