06.08.2021

Was Freiheit in einer Pandemie bedeutet

Wie hat COVID-19 unser Verständnis von Freiheit und Autonomie verändert? Über erschütterte Selbstverständlichkeiten, den Verlust von Freiheit und die sogenannte „alte Normalität“ sprechen die Moraltheologin Sigrid Müller und der Soziologe Manfred Prisching.

Freiheit in Zeiten der Pandemie bedeutet auch, solidarisch zu sein. Denn das Virus lässt sich nur gemeinsam bekämpfen. © Unsplash/Branimir Balogović

Österreich befindet sich (noch) auf Öffnungskurs. Nach 16 Monaten sind im Juli zahlreiche Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus gefallen. Doch ist damit – auch angesichts aktuell wieder steigender Infektionszahlen - alles wie früher? Die kollektive Erfahrung der Pandemie hat unsere Gesellschaft nachhaltig verändert. Nie dagewesene Einschränkungen zum Schutz von Menschenleben haben vermeintliche Selbstverständlichkeiten infrage gestellt.

„Es war wie Science-Fiction“, blickt Sigrid Müller, Moraltheologin und Mitglied der Ethikkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), auf die Anfänge der Pandemie zurück. Was hat COVID-19 mit unserem Verständnis von Freiheit und Autonomie gemacht? Derzeit habe man den Eindruck, dass sich der Freiheitsbegriff des Menschen an der Sperrstunde der Lokale festmache, sagt Manfred Prisching, Soziologe und ÖAW-Mitglied. Ein Gespräch über den Verlust der Freiheit in Zeiten der Pandemie und warum ein Zurück zur alten Normalität dennoch keine Option darstellt.

Die Pandemie ist noch nicht vorbei, dennoch ist Österreich derzeit weitgehend geöffnet. Hat der Sommer die Freiheit zurück gebracht?

Manfred Prisching: Es geht auch um die Qualität von Freiheit. In diesen Sommertagen wollen wir alle „Freiheiten“ nachholen. Derzeit hat man den Eindruck, dass sich in Österreich der Freiheitsbegriff des Menschen an der Sperrstunde der Lokale festmacht. Wenn die große Freiheit des Menschen hierzulande darin besteht, endlich wieder shoppen zu gehen oder die Nacht durchzutrinken, dann ist das – scharf formuliert – schon erbärmlich.

Freiheit bedeutet zunächst einmal eine Domestizierung von Freiheiten. Tun und lassen zu können, was man will – das wäre Thomas Hobbes' Naturzustand.

Sigrid Müller: Gegenwärtig merkt man wieder den Versuch, sich dieses alte ungezähmte Freiheitsverständnis zurück erobern zu wollen. Wenn Freiheit heißt, dass ich tun und lassen kann, was ich will, wird sie negativ als Freiheit von Pflichten, Freiheit von Einschränkungen, von Regelungen gedacht. Zu Beginn der Pandemie war viel Solidarität spürbar, nämlich dass man auf andere achtet und z.B. bei der Nachbarin fragt, ob man für sie einkaufen kann. Ein ausgewogenerer Freiheitsbegriff, der ein Gespür für die Bedingtheit von Freiheit voraussetzt, nämlich dass ich auch einen Beitrag leisten muss, damit alle in Freiheit leben können, droht jetzt wieder zu verschwinden.

Wie hat die Pandemie unser Verständnis von Freiheit und Autonomie verändert?

Müller: Derartige Freiheitseinschränkungen, wie wir sie während der Pandemie erlebten, hatte man nie erwartet. Es war wie Science-Fiction. Diese Autonomie oder diese Freiheit, von der wir immer dachten, sie zu besitzen, hängt davon ab, dass viele Menschen einen Beitrag leisten.
Die eindrücklichste Phase war zu Beginn der Epidemie, als wir auf etwas aufmerksam gemacht wurden, das wir lange vergessen hatten: Dass wir angewiesen sind auf andere. Plötzlich haben wir darüber nachgedacht: Was wäre, wenn es keine Müllabfuhr gäbe? Was wäre, wenn wir kein funktionierendes Gesundheitssystem und keine offenen Supermärkte hätten?

Prisching: Freiheit ist immer eine Beziehung zu anderen Menschen. Die Institutionen des Staates und alle sozialphilosophischen Überlegungen laufen auf die Frage hinaus: Wie kann man Freiheit sichern, aber auch zuteilen? Freiheit bedeutet zunächst einmal eine Domestizierung von Freiheiten. Tun und lassen zu können, was man will – das wäre Thomas Hobbes' Naturzustand, wo der Mensch des Menschen Wolf ist, wo sich der Stärkste durchsetzt. Das deckt sich nicht mit unserer Vorstellung von Demokratie und Freiheit.

Übersetzt auf die aktuelle Situation: Die Freiheit, sich nicht impfen zu lassen, bedeutet für alle anderen, insbesondere jene, die aufgrund ihres Alters oder ihrer Gesundheit nicht die Möglichkeit zur Impfung haben, die Beseitigung ihrer Freiheit, den bestmöglichen Schutz auf körperliche Unversehrtheit zu genießen. Fast jede Freiheit nimmt einem anderen Freiheit weg.

Sind in der Pandemie die Begriffe Freiheit und Fürsorge in Gegensatz zueinander geraten?

Müller: Freiheit wird in unserer Gesellschaft sehr stark als Selbstbestimmung definiert. Umgekehrt wollen wir niemandem zur Last fallen und niemandem etwas schuldig sein. Dabei wird der Mensch als Einzelheit vorgestellt, losgelöst von seiner Umgebung. Aber: Wir sind soziale Wesen. Das heißt nicht nur, dass wir mit anderen Menschen aufwachsen, sondern dass wir zutiefst angewiesen sind auf Rückmeldungen und auch auf Berührungen von anderen Menschen. Dass wir auf etwas so Wesentliches verzichten mussten, war ein schmerzlicher Moment in der Pandemie.

Eine Epidemie fällt als Phänomen in die Kategorie Kollektivgut. Das heißt: Alle müssen in irgendeiner Weise dazu beitragen, dieses Biest zu bekämpfen.

Prisching: Beides gehört zum Menschsein. Die Einsicht, dass man eine Epidemie nur gemeinsam bekämpfen kann, kollidiert mit den individualistischen Auffassungen eines Freerider-Verhaltens gemäß dem Motto: Sollen sich doch alle anderen an die Regeln halten und sich impfen lassen, dann muss ich es nicht machen. Eine Epidemie fällt als Phänomen aber in die Kategorie Kollektivgut. Das heißt: Alle müssen in irgendeiner Weise dazu beitragen, dieses Biest zu bekämpfen. Sonst geht es nicht.
Doch dieser Gemeinwohlaspekt ist in der Gesellschaft nicht zur Gänze angekommen.

Einiges an Selbstverständlichkeiten ist seit Ausbruch der Pandemie erschüttert worden und zu Bruch gegangen. Welche Scherben müssen wir jetzt aufsammeln?

Prisching: Es hat im Zuge dieser Epidemie einige Irritationen eines selbstverständlichen Weltbildes gegeben, das für diese postmoderne Gesellschaft typisch zu sein scheint. Das eine ist die grundlegende Perspektive der Machbarkeit: Die Vorstellung, dass wir aufgrund der medizinischen und technischen Ressourcen alles im Griff haben.

Zum zweiten wurde auch der Wert der Mobilität erschüttert. Die Moderne heißt schlicht Mobilität – um die Welt reisen; logistische Vernetzungen. Plötzlich saßen wir zuhause und die Container am falschen Kontinent und vieles konnte nicht nachgeliefert werden.

Und drittens die Frage der Körperlichkeit, der biologischen Substanz des Menschen: Wir haben Krankheit und Tod bekanntermaßen an die gesellschaftliche Peripherie abgeschoben, als ein Phänomen, das allenfalls Krankenhäuser etwas angeht und in der Palliativmedizin zum Abschluss geführt wird. Seit dem Ausbruch der Pandemie kommt nun die Todesstatistik beständig in den Hauptnachrichten vor. Sterben assoziieren wir meist nicht mit Freiheit. Welche Spuren das bei uns hinterlassen hat, werden wir in den nächsten Jahren erforschen dürfen.

Die Vermeidung des Todes im Sinne seiner Verdrängung prägte unsere Gesellschaft vor der Pandemie. In der Pandemie haben wir gespürt, wie sehr auch das Sterben zum Leben gehört.

Müller: Die Vermeidung des Todes im Sinne seiner Verdrängung prägte unsere Gesellschaft vor der Pandemie. In der Pandemie haben wir gespürt, wie sehr auch das Sterben zum Leben gehört. Nicht bei sterbenden Angehörigen sein zu dürfen, hat viele Menschen zutiefst verletzt. Es bleibt spannend, zu erforschen, welche Erfahrungen der Pandemie sich psychologisch eingegraben haben und welche Folgen wir erst später sehen werden.

Gilt es jetzt, zur alten Normalität zurückzukehren?

Prisching: Das klingt wie eine gefährliche Drohung: alles wieder so zu machen wie vorher, also die alte Normalität wiederherzustellen. Wenn von der Krise nichts in den Köpfen übrig bleibt, dann ist das eine verpasste Chance für Reflexion.

Müller: Was mich bei der Einschränkung der Reisefreiheit zutiefst erstaunt hat, war, dass dadurch plötzlich Dinge möglich waren, die lange zuvor für das Klima und unsere Zukunft von vielen Menschen eingefordert wurden. Es gab keine Flugzeuge am Himmel, es fuhren weniger Autos. Das Gute an dieser Erfahrung: Es gibt Alternativen zur unbegrenzten Mobilität. Vielleicht entsteht dadurch eine verantwortungsvolle Reisefreiheit, eine neue Mobilität, die das Wohl der Menschheit berücksichtigt? Was wäre, wenn jeder, der die Freiheit genießt und in Urlaub fahren will, einen Solidaritätsbeitrag leistet, wenn die Sicherung der Gesundheit in den Urlaubsländern anders nicht hergestellt werden kann. So könnte man auch internationale Solidarität zeigen. Denn: Wir sind auch international aufeinander angewiesen, etwa bei Lieferketten.

Wenn von der Krise nichts in den Köpfen übrig bleibt, dann ist das eine verpasste Chance für Reflexion.

Abschließend noch die Frage: Was zählt und was fehlt in Pandemie-Zeiten?

Müller: Es war eine extrem schwierige Situation für die Politik in dieser Zeit. Aber: Was gefehlt hat, war die Beschäftigung mit der Frage, welche Bedürfnisse haben Menschen in dieser Ausnahmesituation und wie kann die Politik gewisse situationsbedingte Spielräume ermöglichen? Etwa zu überlegen, wie man es organisieren kann, dass ältere Menschen wenigstens eine Bezugsperson treffen können. Oder wie man es für jüngere Menschen gestalten kann, dass sie doch in die Schule gehen oder Gleichaltrige treffen können. Also: Was kann man anders machen, wenn so etwas wiederkommt?

Prisching: Es reicht nicht, wenn wir innerhalb der Landesgrenzen das Virus bekämpft haben, solange es sonst auf der ganzen Welt herumflattert. Mit der Pandemie haben wir gelernt, was Globalisierung und internationale Verflechtung bedeuten. Epidemien der vergangenen Jahrzehnte sind meistens lokal ziemlich überschaubar geblieben – und wurden deshalb unterschätzt. Jetzt haben wir offensichtlich eine Phase von Globalität erreicht, die ein Virus binnen weniger Wochen über die ganze Welt verbreitet.

 

AUF EINEN BLICK

Sigrid Müller ist Lehrstuhlinhaberin für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Mitglied der Ethikkommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Manfred Prisching ist Professor am Institut für Soziologie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Graz. Seit 2000 ist er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

 


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