19.07.2021

„Demokratie integriert die Gesellschaft“

Welche Faktoren sind für eine Integration von Migrant/inn/en wichtig? Dazu diskutierten ÖAW-Mitglied und Politologe Rainer Bauböck und die Sozialanthropologin Sabine Bauer-Amin.

Die Sozialanthropologin Sabine Bauer-Amin und ÖAW-Mitglied und Politologe Rainer Bauböck im Gespräch. © ÖAW/Klaus Pichler
Die Sozialanthropologin Sabine Bauer-Amin und ÖAW-Mitglied und Politologe Rainer Bauböck im Gespräch. © ÖAW/Klaus Pichler

Die Integration von Geflüchteten und Migrant/innen zählt zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Aber was bedeutet Integration eigentlich? Wie kann sie gelingen? Und welche Chancen hält sie bereit? Diesen Fragen gehen Rainer Bauböck, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Obmann der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW, und die Sozialanthropologin Sabine Bauer-Amin, die dazu am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW forschte, nach. Im Gespräch geben sie Einblicke in den aktuellen Stand der Forschung.

Integration ist sehr viel mehr als Spracherwerb und Erwerbstätigkeit.

Was sind aus Sicht der Forschung die vielversprechendsten Konzepte, damit Integration funktionieren kann?

Sabine Bauer-Amin: Integration ist sehr viel mehr als Spracherwerb und Erwerbstätigkeit. Sie schließt soziale Aspekte mit ein und braucht auch Raum für Wertschätzung von Diversität. Unsere Forschungen haben aber gezeigt: Das vorherrschende Verständnis von Integration basiert stark auf einem Defizitansatz, also der Annahme, dass Menschen aufgrund ihrer Migrationsbiographie einen Nachholbedarf hätten. Wertschätzende Diversitätsdiskurse sind eher in den Hintergrund gerückt.

Was bedeutet der Begriff Integration eigentlich?

Rainer Bauböck: Integration ist ein schwieriger Begriff. Er bedeutet das „Hineinnehmen“ in einen anderen, größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. Die allererste Frage, die man sich stellen muss: Was hält die österreichische Gesellschaft überhaupt zusammen? Denn: Österreich ist eine enorm diverse Gesellschaft. Laut Statistik Austria haben 24 Prozent der Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund. Die kürzeste Antwort, was eine superdiverse Gesellschaft integriert, ist: Demokratie.

Integration und politische Teilhabe gehen also Hand in Hand?

Bauböck: Für demokratische Integration in einer Gesellschaft braucht es die Vorstellung, dass wir alle gleichberechtigt sind und dass uns allen gleicher Respekt gebührt. Und: Dass wir uns alle beteiligt und repräsentiert sehen in den politischen Institutionen dieses Landes, die Gesetze machen, die für alle gelten. In Österreich besteht hier aus meiner Sicht das allergrößte Defizit, denn zur demokratischen Integration von Migrant/inn/en gehören vor allem der Zugang zur Staatsbürgerschaft und zum Wahlrecht. Österreich ist hier in Europa Schlusslicht.

Geflüchtete über 50 erfahren zusätzlich eine gesellschaftliche Entwertung.

Frau Bauer-Amin, Sie haben erhoben, wie Geflüchtete ihre Situation in Österreich sehen. Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Bauer-Amin: Wir sind in unseren Forschungen vor allem auf die besondere Situation von Geflüchteten jenseits der Fünfzig gestoßen. Für diese Altersgruppe gibt es kaum Unterstützung, weder von staatlicher Seite noch von Seiten der NGOs. Dabei ist es für Menschen über 50 Jahren generell schwer, wieder ins Arbeitsleben einzusteigen. Geflüchtete über 50 erfahren hier zusätzlich eine gesellschaftliche Entwertung. Ihre sozialen und kulturellen Ressourcen werden nur selten wahrgenommen. Was wir in unseren Studien aber auch gesehen haben, ist die enorme Rolle, welche die jeweiligen Communities spielen.

Inwiefern?

Bauer-Amin: Neben Communities, deren Grenzen entlang ethno-religiöser Gruppen verlaufen, gibt es auch viele post-migrantische Schicksalsgemeinschaften, die aus der gemeinsamen Erfahrung des Verlusts und des Lebens im Exil entstehen. Sie fangen Traumata ab und schaffen Netzwerke der Solidarität.

Ein positives Beispiel wäre Neuseeland. Dort hat sich ein Verständnis etabliert, dass die Zukunft des Landes in der Vielfalt der Einwanderung liegt und diese auch willkommen geheißen wird.

Migrationsdebatten werden hierzulande oft mit Fokus auf problematische Aspekte geführt. Gibt  es mit Blick auf den Globus auch Beispiele für andere Sichtweisen von Migration?

Bauböck: Es ist heikel, einzelne europäische Staaten als Vorbildmodelle darzustellen. Denn gerade im Kontext der EU sind die nationalen Migrationspolitiken dicht miteinander verflochten. Ein positives Beispiel außerhalb Europas wäre zum Beispiel Neuseeland. Dort hat sich ein Verständnis etabliert, dass die Zukunft des Landes in der Vielfalt der Einwanderung liegt und diese auch willkommen geheißen wird. Das war nicht immer so. Bis in die 1970er Jahre hat sich das Land als Nachfolgestaat einer britischen weißen Siedlerkolonie gesehen und sich dementsprechend die Einwanderer ausgesucht. Dann kam es zu einer Öffnung für diverse Migration bei gleichzeitig einfachem Zugang zur Staatsbürgerschaft. Unabhängig von dieser bekommt man das Wahlrecht nach einem Jahr Niederlassung.

Wie könnte Migration in Zukunft aussehen?

Bauböck: Wenn wir geregelte Migrationskanäle schaffen, damit Menschen auf regulärem Weg nach Europa kommen können, müssen sie sich nicht mehr den Schleppern ausliefern. Wir müssen dabei unterscheiden zwischen der regulären Migration, die – etwa aus ökonomischen Gründen – gewollt ist, und der Fluchtmigration, die aus humanitären und menschenrechtlichen Gründen akzeptiert werden muss.

 

AUF EINEN BLICK

Sabine Bauer-Amin forschte am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW und ist Gründungsmitglied des Refugee Outreach and Research Network (ROR-n), dem der-zeit größten Fluchtforschungsnetzwerk in Österreich. Gemeinsam mit dem Insti-tut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW leitete sie 2020 eine vom WWTF geförderte Studie zu Covid-19 im Flucht- und Integrationskontext.

Rainer Bauböck ist Migrationsforscher, Politikwissenschaftler und Vorsitzender der Kommission für Migrations- und Inte-grationsforschung der ÖAW. Zudem ist er Professor am Robert Schuman Centre for Advanced Studies des European University Institute in Florenz. Seit 2013 ist er korres-pondierendes Mitglied der ÖAW.

 


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