19.08.2020

Was Architektur im Slum bewegen kann

Oliver von Malm blickt in Gedanken über die Wellblechdächer von Kibera. Sein Forschungsfeld: Leistbares Bauen im Slum. Dafür hat er eine neue Bautechnologie entwickelt.

Von Österreich nach Afrika: Oliver von Malm entwickelt mithilfe eines ÖAW-Stipendiums leistbare Bautechnologie für das Wohnen im Slum. © ÖAW/Klaus Pichler
Von Österreich nach Afrika: Oliver von Malm entwickelt mithilfe eines ÖAW-Stipendiums leistbare Bautechnologie für das Wohnen im Slum. © ÖAW/Klaus Pichler

Jeder siebte Mensch lebt in einem Slum. Das sind weltweit rund eine Milliarde Menschen – und jedes Jahr ziehen mehr Bewohner/innen in die Armenviertel mit den Wellblechhütten. Bis 2030 sollen es den Vereinten Nationen zufolge bereits zwei Milliarden Menschen sein. Schmutzig, überfüllt und menschenunwürdig, so stellen wir uns im reichen Teil der Welt das Leben im Slum vor.

Das Bild stimme zum Teil, sagt Oliver von Malm. Er kam 2011 das erste Mal nach Kibera, einen der größten Slums weltweit in Kenias Hauptstadt Nairobi. Damals war er Architekturstudent an der Universität Innsbruck und gerade auf Weltreise. In Kibera fand er nicht nur zugemüllte Straßen und viel Armut vor, sondern auch Engagement und Ideenreichtum. Durch Zufall traf er einen Lehrer, der im Slum zwei Schulen gegründet hatte. Von Malm beschloss, das Projekt zu unterstützen.

Bevor Oliver von Malm nach Nairobi kam, arbeitete er mit Stararchitekt/innen wie Zaha Hadid und Kjetil Thorsen in London, Oslo und Peking zusammen.

Erst half er im Klassenzimmer aus, zurück in Innsbruck organisierte er Benefizparties an der Universität, sammelte Spendengeld für Schulmaterialien und gründete später die private Initiative „Start Somewhere“. Aber dabei allein blieb es nicht. Als Architekt wollte er auch etwas zur Verbesserung der Wohnsituation beitragen. In seinem Masterstudium entwarf er ein neues Schulgebäude für den Slum. Als DOC­Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Dissertant für Experimentelle Architektur an der Universität Innsbruck macht er sich Gedanken über leistbares Wohnen im Slum und errichtet nun die Schule als Prototyp der von ihm erdachten Bautechnologie.

MIND THE GAP

Die Kluft zwischen Arm und Reich könnte nicht größer sein. Bevor Oliver von Malm nach Nairobi kam, arbeitete er mit Stararchitekt/innen wie Zaha Hadid und Kjetil Thorsen in London, Oslo und Peking zusammen. Er modellierte komplexe Bauvorhaben, hantierte mit von Algorithmen gesteuerten ScriptingTools, tüftelte an einem Gebäude mit 11.000 unterschiedlichen Fenstern und war an der Planung von Projekten beteiligt, die über zwei Milliarden Dollar Baukosten umfassten.

Einfach, billig und schnell. Das sind die Anforderungen für die architektonische Arbeit im Slum.

Bis er nach Pakistan reiste. Dort traf er auf Menschen, die Notbehausungen für die Opfer von Flutkatastrophen bauten und lernte, was man mit Architektur noch bewirken kann. Was er aus der Zeit in London, Oslo und Peking mitgenommen hat? Vor Herausforderungen nicht zurückschrecken, sagt er. Und: Unglaublich wertvolle Erfahrungen und hochprofessionelle Tools, die er jetzt für das Bauen im Slum anwenden kann.

STATUSSYMBOL AUS  LEGOSTEINEN

Einfach, billig und schnell. Das sind die Anforderungen für die architektonische Arbeit im Slum. „Der Konkurrent ist das Wellblech, das billigste aller Baumaterialien. Eine wirklich schlechte und gesundheitsschädliche Bauweise, die nicht isoliert und nach zwei Jahren durchgerostet ist und erneuert werden muss“, so der Architekt. Oliver von Malm hat spezielle Blocksteine aus Beton entwickelt, die innen hohl sind, mit einer Wandstärke von zwei bis vier Zentimetern. Denn: „Ein Haus aus Beton ist für die Menschen im Slum ein Statussymbol“, erzählt er. Der Hohlraum kann mit Erdreich befüllt werden, traditionell wurde in Kenia mit Erde gebaut. Das Besondere an der Bauweise: Die Blocksteine werden ohne Mörtel ineinandergesteckt. „Das funktioniert genauso einfach wie das Spielen mit Legosteinen“, sagt von Malm.

Das Praktische an den Häusern ist, dass man die Betonhohlsteine versetzen und wiederverwenden kann. Sie sind von Hand auf­ und abbaubar, kostengünstig und brandsicher.

Hintergrund: Im Slum gibt es keinen Grundbesitz. Der Boden gehört der Regierung – und es passiert relativ häufig, dass man mit seinem Haus umziehen muss, erzählt von Malm. Das Praktische an den von ihm entworfenen Häusern ist, dass man die Betonhohlsteine versetzen und wiederverwenden kann. Sie sind von Hand auf­ und abbaubar, kostengünstig und brandsicher. Angefertigt werden die Steine seit 2019 direkt in Kibera, in einer von ihm eröffneten Manufaktur.

MEET THE EXPERT

Bauen im Slum ist Oliver von Malms Herzensprojekt geworden. Wann immer ihm der Kopf raucht, sucht er Abkühlung im Wasser. Am Fluss sitzend, zum Beispiel am Wiener Donaukanal, fallen ihm auch oft Lösungen ein. Ohne die Freiheit, die ihm das DOC-Stipendium bietet, könnte er sein Vorhaben nicht realisieren, sagt er. Sein Traum? Dass sich Slums von innen heraus verändern könnten. Er hat gelernt, dass eine neue Technologie erst angenommen wird, wenn sie auch von den lokalen Handwerksleuten für gut befunden wird. Mittlerweile sind die Menschen vor Ort in Kibera die Expert/innenen dieser Bauweise. Und sie sind stolz darauf.

 

AUF EINEN BLICK

Oliver von Malm  ist Architekt und an der Universität  Innsbruck als DOC­Stipendiat der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.

 


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