Warum die Lockerung der Gentechnik-Regeln allen etwas bringt
04.12.2025
„Dafür hat die Wissenschaft jahrelang gekämpft. Für die Forschung ist die Lockerung ein wichtiger Schritt nach vorn. Die großen Chancen der neuen gentechnischen Methoden werden nun erkannt. Sie können uns helfen, die Folgen des Klimawandels wie Trockenheit und Ernteausfälle besser zu bewältigen“, sagt Heinz Faßmann, Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zur Entscheidung auf EU-Ebene, die noch vom Parlament und den Mitgliedsstaaten bestätigt werden muss.
Nobelpreis-Genschere hilft Landwirtschaft und Verbrauchern
Denn längst entsprechen die gesetzlichen Regelungen zur Anwendung gentechnischer Methoden in der EU nicht mehr den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die 2020 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete „Genschere“ CRISPR revolutioniert die Möglichkeiten zur gezielten Veränderung von pflanzlichem Erbgut. Denn mit ihr ist es nun machbar, Nutzpflanzen gezielter, effizienter, schneller und sicherer zu verändern, als das mit klassischen Methoden der Pflanzenzüchtung möglich ist.
Eine Gesetzgebung, die dem Rechnung trägt, nutzt nicht nur der Wissenschaft sondern auch Verbraucher:innen und Landwirtschaft, sagt Pflanzengenetikerin Ortrun Mittelsten Scheid vom GMI – Gregor-Mendel-Institut für Molekulare Pflanzenbiologie der ÖAW: „Für Landwirt:innen wird es Sorten geben, die auch unter den veränderten Klimabedingungen Qualität und Ertrag gewährleisten. Für Konsument:innen ist das erweitere Spektrum der Pflanzeneigenschaften interessant, wie z.B. allergen-arme Produkte.“
Welchen Nutzen NGTs haben – 5 Fragen, 5 Antworten
Was genau fällt unter „Neue genomische Techniken“ – und wodurch unterscheiden sich diese Pflanzen von klassischen Gentechnik-Methoden bzw. konventioneller Züchtung?
Ortrun Mittelsten Scheid: „NGT-Pflanzen“ sind Pflanzen, deren Erbgut mit gezielten Methoden, z.B. mit der „Genschere“ CRISPR verändert wurde. Dabei wird an einer einzigen vorbestimmten Stelle ein Schnitt in der DNA gemacht, der durch pflanzeneigene Reparaturmechanismen wieder zusammengefügt wird. Dabei kommt es zu Veränderungen der Basensequenz. Das gleiche passiert in der klassischen Mutagenesezüchtung, nur dass dort die Schnittstellen vielfältig und zufällig im Genom verteilt sind. Die Art der Mutationen (Sequenzveränderungen) ist in beiden Verfahren die gleiche; die Eigenschaften der Pflanzen hängen in beiden Fällen von der individuellen Mutation ab.
Welche Kriterien legen fest, ob eine Pflanze als „NGT1“ gilt – also als gleichwertig mit konventionell gezüchteten Pflanzen – und welche Merkmale sind ausdrücklich ausgeschlossen?
Mittelsten Scheid: Als NGT1 werden solche Pflanzen eingestuft, die auch in herkömmlichen Verfahren hätten entstehen können. Da heißt, dass sie kein zusätzliches, artfremdes Genmaterial enthalten und die Zahl der Mutationen und der zusätzlich eingebauten Basen begrenzt ist. Veränderungen darüber hinaus werden als NGT2 behandelt und unterliegen weiter den GVO Regelungen für gentechnisch veränderte Organismen.
Welche Folgen hat die neue Regelung für Verbraucher:innen?
Mittelsten Scheid: Aus wissenschaftlicher Sicht hat es für Verbraucher:innen keine negativen Folgen, sondern im Gegenteil die Chance, dass auch in Europa die neuen Züchtungstechniken genutzt werden können. Für Landwirt:innen wird es Sorten geben, die auch unter den veränderten Klimabedingungen Qualität und Ertrag gewährleisten. Für Konsument:innen ist das erweitere Spektrum der Pflanzeneigenschaften interessant, wie z.B. allergen-arme Produkte oder verbesserte Zusammensetzung, langfristig natürlich auch die Ernährungssicherheit und die Vermeidung von Abhängigkeiten von Ländern, in denen die NGT längst erfolgreich eingesetzt werden. Das sollte auch die Politik interessieren.
Welche potenziellen Vorteile sieht die Wissenschaft bei der Nutzung von NGTs – etwa im Hinblick auf Klimaresilienz, Pflanzengesundheit oder Einsatz von Dünger und Pestiziden?
Mittelsten Scheid: Diese Eigenschaften sind ja auch Ziele in der bisherigen Pflanzenzüchtung, man ist aber bei der Suche nach entsprechenden genetischen Veränderungen nicht mehr auf den Zufall angewiesen, sondern kann sie nun viel schneller und gezielter erreichen. Besonders interessant ist, dass man positive Merkmale aus Wildpflanzen, z. B. Resistenzgene, in den Elitesorten der Nutzpflanzen „nachbauen“ kann, ohne jahrelange Kreuzungen zu benötigen. Zusammen mit der rasant wachsenden Kenntnis über die Genome vieler Pflanzen, über die Funktion der Gene und deren Wechselwirkungen kann das die Züchtung nachhaltig beschleunigen und erweitern. Die exzellente Pflanzenforschung in Europa und die in europäischen Genbanken gesammelte Biodiversität leisten wichtige Beiträge bei der Entwicklung von NGT Pflanzen.
Gibt es wissenschaftliche und ökologischen Risiken beim Einsatz von NGTs in der Landwirtschaft?
Mittelsten Scheid: Auch NGT1 Pflanzen werden der gründlichen, etablierten Sortenprüfung unterzogen werden, die für den Umgang mit bisherigen Züchtungen gut etabliert ist. Wichtig ist, dass damit die Eigenschaften des individuellen Produkts, nicht die Methode im Mittelpunkt steht, und das entspricht einer wissenschaftlichen Risikobeurteilung. Das gilt auch für die Ökologie. Eine trockenresistentere Tomate wird trotzdem auf menschlichen Anbau angewiesen bleiben und sich nicht ungebremst in der Natur ausbreiten. Diese Gefahr ist durch eingeschleppte, gentechnik-freie Pflanzen viel größer.
