27.11.2020

Von Ötzi bis Autonomie: Neuer Blick auf Geschichte Südtirols

Seit 100 Jahren ist Südtirol vom nördlichen und östlichen Landesteil Österreichs abgetrennt. Ein neues Buch von ÖAW-Mitglied Brigitte Mazohl erzählt die wechselvolle Geschichte dieser uralten Kulturlandschaft.

Brigitte Mazohl und Rolf Steininger erzählen in einem neuen Buch die wechselvolle Geschichte der uralten Kulturlandschaft Südtirol.
Brigitte Mazohl und Rolf Steininger erzählen in einem neuen Buch die wechselvolle Geschichte der uralten Kulturlandschaft Südtirol. © Wikimedia Commons, Alex1011 - family photograph, CC BY-SA 3.0

Die Teilung Tirols, das Aufeinanderfolgen zweier faschistischer Diktaturen, Sprachverbot und Option: Südtirol ist im 20. Jahrhundert vom schwierigen politischen Kampf um Autonomie und dem Ringen um Selbstbestimmung geprägt - mit Sprengstoffanschlägen im Jahr 1961, dem Inkrafttreten des zweiten Autonomiestatuts 1972 und schließlich der Streitbeilegungserklärung von 1992. Heute gilt das Autonomiemodell Südtirols als eine Erfolgsgeschichte.

In einem neuen Buch der Historikerin Brigitte Mazohl, die Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist, und dem Historiker Rolf Steininger wird aber nicht nur die jüngere Geschichte der Region skizziert, sondern auch von den wechselnden Herrschaften erzählt – vom weströmischen Imperium über die Langobarden und Bajuwaren bis zur Landwerdung Tirols und den Habsburgern.

Im Interview erzählt Brigitte Mazohl, wie sich der Blick auf die Geschichte Südtirols in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Als Historikerin hat sie auch zahlreiche Arbeiten zur Frauen- und Geschlechtergeschichte veröffentlicht. Über prägende Frauenfiguren in der Geschichte Südtirols sagt sie: „Quer durch die Schichten waren Frauen präsent. Die Geschichtswissenschaft hat es aber vielfach versäumt, nach ihnen zu suchen.“

Frau Mazohl, Sie haben in den 1970er-Jahren Geschichte studiert und in den vergangenen Jahrzehnten Geschichte gelehrt. Wie hat sich der Blick auf Südtirol verändert?

Brigitte Mazohl: Damals war die Berufung auf den „Unrechtsfrieden“ und das historische „Unrecht“ noch sehr präsent. Eine Argumentation, die heute noch bei rechtsstehenden Gruppierungen en vogue ist. Mit dem Autonomiestatuts, dem Südtirol-Paket für die Provinzen Trient und Bozen bis hin zur Streitbeilegungserklärung, gilt die Region seit den vergangenen Jahrzehnten heute als Modellbeispiel dafür, wie man eine solche historisch problematische Situation einigermaßen friedlich lösen kann. Dass es unter der Oberfläche immer noch Konflikte gibt, ist aber unbestritten.

Die Region gilt heute als Modellbeispiel dafür, wie man eine historisch problematische Situation einigermaßen friedlich lösen kann.

Wie sehen Sie die historische Entwicklung?

Mazohl: Ich sehe beides differenzierter. Natürlich wurde 1919 eine Entscheidung über die Köpfe der Betroffenen hinweg getroffen. Aber davon gibt es in der Geschichte viele Beispiele. Mit Blick auf Osteuropa sage ich, dass die Südtiroler wenigstens in ihrem Land bleiben konnten. Sie wurden nicht vertrieben. Sicher, die Option war eine problematische Sache. Die Menschen wurden zwischen 1939 und 1943 von den beiden faschistischen Regimes Italien und Deutschland vor die Wahl gestellt, ob sie auswandern oder bleiben. Hier ist der Bedarf an historischer Aufarbeitung besonders groß.

Inwiefern?

Mazohl: Ich sehe immer wieder eine große Unkenntnis und wenig Verständnis für historische Hintergründe. Wenn sich irgendwo auf einer Berghütte italienische Wanderer aufregen, dass am Berg Deutsch gesprochen werde, wo man doch in Italien sei. Und umgekehrt: Wenn auf der deutschsprachigen Seite nicht zugelassen wird, dass italienische Kinder in deutschsprachige Kindergärten kommen. Aber es gibt auch andere Beispiele, etwa das heuer erschienene Buch „Ich bleibe hier“ vom italienischen Autor Marco Balzano, in dem die Geschichte des Dorfes Graun und des Reschensees erzählt wird. Dass ein Italiener eine so schauerliche Geschichte so schön literarisch verarbeitet hat, ist ein gutes Zeichen, dafür, dass es auch von italienischer Seite zunehmend mehr Verständnis für die eigene problematische Geschichte gibt.

Die Menschen wurden zwischen 1939 und 1943 von den beiden faschistischen Regimes Italien und Deutschland vor die Wahl gestellt, ob sie auswandern oder bleiben. Hier ist der Bedarf an historischer Aufarbeitung besonders groß.

Sprachverbot und Option. Werden die Traumata von Generation zu Generation weitergegeben?

Mazohl: Unsere Gesellschaften sind von den beiden Weltkriegen in unterschiedlicher Weise traumatisiert. Vieles wird unterschwellig über Generationen weitergegeben. Ich bin Teil der Nachkriegsgeneration und obwohl ich es nie selbst erlebt habe, habe ich mitbekommen, wie man sich bei Bombenalarm in den Keller flüchten muss. Manche Gräben innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung gründen zum Teil noch auf der damaligen Spaltung, zwischen denen, die bleiben und jenen, die gehen wollten. Darunter waren nicht alle Nationalsozialisten, aber viele.

In Ihrem aktuellen Buch beleuchten Sie die wechselhafte Geschichte dieser uralten Kulturlandschaft. Was war Ihnen dabei besonders wichtig?

Mazohl: Am Beispiel Südtirols kann man im Kleinen sehr schön die größeren und allgemeinen strukturellen Entwicklungen nachzeichnen. Wir haben beispielsweise in der Neuzeit gelernt, Grenzen als klar zu zeichnende Grenzlinien zu denken. Aber das wird der Geschichte nicht gerecht. Der Wunsch nach „Reinerhaltung“ ist historisch betrachtet unmöglich – das gibt es als solches nicht, hat es nie gegeben und wird es auch nie geben.

Wir haben in der Neuzeit gelernt, Grenzen als klar zu zeichnende Grenzlinien zu denken. Aber das wird der Geschichte nicht gerecht.

Das „Kronland Tirol“ selbst ist ja auch eine relativ junge Einheit. Vor 1803 war der Raum sehr zersplittert und nicht einheitlich. Die Grafschaft Tirol war ein kleiner, nicht territorial geschlossener Teil. Und auf dem Gebiet, das heute Südtirol ausmacht, waren das Fürstbistum Trient und das Fürstbistum Brixen genauso präsent. Dass sich die Grafen von Tirol à la longue gegenüber den anderen durchgesetzt haben, war das Ergebnis von wenig zimperlicher Machtpolitik. Als Kronland existierte Tirol erst seit dem 19. Jahrhundert. Hier eine Vergangenheit in die tiefe Geschichte hinein zu projizieren, halte ich für eine Illusion.

Sie thematisieren in Ihrem Buch auch die Stellung der Frauen insgesamt und stellen spannende Frauenfiguren vor. Welche Frauen waren für Südtirol prägend?

Mazohl: Basierend auf dem römischen Recht hatten die Frauen eine untergeordnete Position. Zählten sie allerdings zur höheren Aristokratie waren ihre Entscheidungsspielräume sehr viel größer. Etwa Margarete, sogenannte Maultasch, Gräfin von Tirol, die das Land 1363 an die Habsburger weitergereicht hat. Oder die berühmte Verena von Stuben, die Äbtissin, die sich im 15. Jahrhundert dem Brixner Bischof Nikolaus Cusanus und seiner vorgegebenen kirchlichen Reform erfolgreich widersetzte.

Quer durch die Schichten waren Frauen präsent. Die Geschichtswissenschaft hat es aber vielfach versäumt, nach ihnen zu suchen.

Oder denken wir an Claudia de' Medici, Landesfürstin im 17. Jahrhundert, die aus der Toskana kam und sehr viel dazu beigetragen hat, dass sich Bozen als Handelsstadt entwickeln konnte. Bis heute ist ihr Wirken spürbar. Und um in die spätere Neuzeit zu kommen: das Mädchen von Spinges, Katharina, die mit der Heugabel in der Hand die sogenannten Freiheitskämpfe unterstützt hat.
Quer durch die Schichten waren Frauen präsent. Die Geschichtswissenschaft hat es aber vielfach versäumt, nach ihnen zu suchen.

Ihr Ausblick auf Südtirol 2050?

Mazohl: Historiker/innen beschäftigen sich ja bekanntlich immer mit der Vergangenheit. Aber ich kann sagen, was ich mir wünsche: Dass es sich in dieser Form weiterentwickelt, dass immer stärker bewusst wird, dass hier unterschiedliche Sprachgruppen miteinander leben, die auch kulturell unterschiedlich sozialisiert sind. Dieses Respektieren des gegenseitigen Andersseins und in der Verschiedenheit gut miteinander zu leben, das wünsche ich mir.

Dieses Respektieren des gegenseitigen Andersseins und in der Verschiedenheit gut miteinander zu leben, das wünsche ich mir.

Auch im Sinne der Soziodiversität ist es wichtig, dass die unterschiedlichen Dialekte als kulturelle Errungenschaften am Leben erhalten werden und das historische Bewusstsein gestärkt wird. An der Universität Bozen gibt es ein Zentrum für Regionalgeschichte, das sich um Vernetzung der regionalgeschichtlichen Forschung im Alpenraum bemüht. Und ich wünsche mir, dass wir den europäischen Einigungsprozess ohne radikale nationale Grenzverschiebungen in Gang bringen – da können die Regionen eine wichtige Rolle spielen.


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