Weltliches und Spirituelles war für die Menschen des Mittelalters in vielen Teilen der Welt eng miteinander verflochten. Sie orientierten sich in einem religiös-politischen Kräftefeld. Das gilt für buddhistisch geprägte ebenso wie für islamische oder christliche Gesellschaften des Mittelalters. Welche religiös motivierten Gemeinschaftsvorstellungen damals in Tibet, Südarabien und Europa wirksam waren, vergleichen Forscher/innen vom ÖAW-Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens (IKGA), vom ÖAW-Institut für Sozialanthropologie, vom ÖAW-Institut für Mittelalterforschung sowie Historiker/innen von der Universität Wien in einem FWF-finanzierten Spezialforschungsbereichs „VISCOM – Visions of Community“ seit 2011. (Mehr zu VISCOM-Europa und VISCOM-Südarabien)
Buddhismus in Tibet
Das tibetische Großreich (7.–9. Jh.) war im Frühmittelalter eine wichtige Etappe in der Ausbreitung des Buddhismus in Asien. Die ursprünglich aus Indien stammende Religion hatte von Anfang an eine politische Komponente und einen heilsverkündenden Anspruch – vergleichbar dem „gehet hin und lehret alle Völker“ der Christen. Zu seiner frühen Verbreitung in Tibet (frühes 7. Jh.–Mitte 9 Jh.) suchte er zunächst die Unterstützung von Königen und reichen Händlern, später nach der Jahrtausendwende, mit der Renaissance des Buddhismus (ab dem 10. Jh.) die der regionalen Machthaber.
Vielfalt und Konkurrenz
In dieser Zeit wurden buddhistische Meister und ihre Schüler weitgehend aus Indien vertrieben. Viele flüchteten nach Nordosten ins tibetische Hochland. „Dort entstanden dann neue tantrisch-buddhistische Traditionen, bei der Klöster und regionalen Gabenherrn für die Etablierung der in Tibet stark geschwächten Buddhalehre eine bedeutende Rolle spielten“, erklärt der Tibetologe und VISCOM-Mitarbeiter Mathias Fermer vom IKGA. Auf diese Weise verbreitete sich der Buddhismus in engem Austausch zwischen religiösen Autoritäten und regionalen Mächten, was schließlich zu einer enormen Diversität an Lehrsystemen und Ritualpraktiken führte. Im Verlauf der nächsten 500 Jahre erlebte die Religion im Tibetischen Kulturraum eine Blütezeit. Es florierten Kontakte mit Indien, Nepal, und tibetische Meister wurden für spirituelle Dienste bis an den Hof nach Peking eingeladen. Die zahlreichen buddhistischen Schulen und Orden standen mitunter im Wettstreit. Sie konkurrierten nicht nur um religiöse Autorität, sondern auch um politische Macht. Eine der einflussreichsten Schulen zur Zeit der erneuten Verbreitung des Buddhismus auf der tibetischen Hochebene war die Sakya Tradition, die, gefördert und geschützt von den damaligen mongolischen Herrschern vom Hauptkloster Sakya in Westtibet ausgehend, die politische Vorherrschaft in Zentraltibet übernahm. Ähnlich wie in Europa waren jene Klöster auch Wirtschaftszentren. Im Spätmittelalter zählten monastische Zentren schätzungsweise 500 bis 1000 Mönche, und noch im frühen 20 Jh. zählte Tibets größtes Kloster in der Nähe von Lhasa 10000 Mönche. Wie man aus groben Berechnungen weiß, lebten im vormodernen Tibet geschätzte 20 bis 30 Prozent der männlichen Bevölkerung Tibets als Mönche in klösterlichen Institutionen. „Leider ist vieles der alten Klosterkultur aber durch die radikalen Zerstörungen der chinesichen Kulturrevolution im Detail nicht mehr nachprüfbar“, bedauert Fermer.
Neu entdeckte, vielschichtige Lektüre
Das seit dem Mittelalter etablierte Mönchstum war über viele Jahrhunderte lang in der tibetischen Gesellschaft wirksam. „Wenn wir diese religiöse Gemeinschaftsform besser kennenlernen, erhalten wir auch einen Schlüssel zum besseren Verständnis des heutigen Tibet“, ist Fermer überzeugt. „Viel zu oft wird Tibet idealisiert oder politisch funktionalisiert wahrgenommen. Umso erstaunlicher, dass eine Auseinandersetzung mit dem tibetischen Klosterwesen in einer zeitlichen Periode, die von uns als Mittelalter bezeichnet wird, bislang selbst auf historischer Basis noch kaum stattgefunden hat. Dabei gibt es reiche Quellen, die uns sowohl über vorbildliche Mönche, ihr Wirken hinein in die Gesellschaft wie auch über das klösterliche Leben Auskunft geben können: Es sind Hagiographien, Narrative über das Leben tibetisch-buddhistischer Meister, im Stil vergleichbar mit christlichen Heiligenlegenden“, erzählt Mathias Fermer.
Heilsames Lesen
Das große Anliegen des Mahāyāna-Buddhismus ist es, die Menschen dazu zu bewegen, von Mitgefühl motiviert zum Wohl anderer tätig zu werden. Dazu braucht es geschulte Lehrmeister beziehungsweise Texte, die die Vorbildlichkeit und Verwirklichung der Meister vermitteln. Solche Texte wurden in Tibets Klöstern als Lehr- und Inspirationshilfe für die Mönche einer Gemeinschaft verfasst. Vom Lesen solcher Hagiografien erwarteten sich die Textkundigen spirituelles Heil, aber auch Schutz vor weltlichem Unheil. Sie werden übrigens bis heute als heil- und segensbringende Lektüre in Klöstern gelesen und in Form von verkürzten Lobpreisen rezitiert.
Klöster als Interaktionszentren
Fermers Spezialgebiet ist die hagiographische Literatur der Sakya-Lehrtradition in Süd-Zentraltibet zur Zeit der Phagmodrupa Hegemonie (ca. 1354–1480). Die spirituellen Biografien geben – praktisch nebenbei – auch Zeugnis über das Alltagsleben: „Wir lesen von Meistern und Ritualexperten, die zu den Menschen in die Dörfern gingen; von Nomaden, die in die Klöster pilgerten um religiöse Dienste in Anspruch zu nehmen; oder von rituellen und zeremoniellen Handlungen, die für die lokale Machthaber durchgeführt wurden“, erzählt der Tibetologe. Die Hagiographien berichten nicht selten von spirituellen Meistern, die als Mediatoren in Konflikte von Laien einbezogen wurden. Auf diese Weise erhält man fragmentarische Einblicke in die soziale Welt der Klöster, aber auch der Lokalbevölkerung bis hinein in die Regionalpolitik. Die Texte verweisen auf lokale Narrative und Gründungsmythen, schöpfen aus Genealogien, Annalen und Inkarnationschronologien, sie berichten über religiöse Feste, Studien und Praktiken der Mönchsgemeinschaft und verzeichnen vor allem die Namen vieler Meister, deren Wirkungsorte und verschriftlichten Lehren, welche es als Historiker im sozialgeschichtlichen Rahmen zu kontextualisieren gilt.
Mathias Fermer nähert sich der tibetischen Kultur darüber hinaus über anthropologische Feldforschung. „Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts verlief das Leben in den Klöstern noch weitgehend nach jahrhundertealten Traditionen. Noch leben einige Menschen, die das alte Tibet selbst erlebt haben und davon berichten können. Es ist faszinierend, dass sich mithilfe ihrer Informationen, beispielsweise zu monastischen Praktiken oder über bestimmte Stätten ihrer Heimatregionen, historische Hinweise bestätigen lassen, die sich in den spätmittelalterlichen Texten hinsichtlich „Visions of Community“ andeuten, resümiert Fermer.
Spirituelles und Weltliches verwoben
VISCOM-Europa
VISCOM-Südarabien
Mehr zum gesamten Spezialforschungsbereich VISCOM
Kontakt:
Mag. Mathias Fermer
Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens