Egal, ob Römisch, Chinesisch, Spanisch oder Britisch - die klassischen Weltreiche der Menschheitsgeschichte sind heutzutage den meisten ein Begriff. Doch im Schatten dieser glanzvollen Imperien entstanden im Laufe der Jahrtausende in allen Regionen der Welt unterschiedlichste Reiche, deren Bedeutung vielfach marginalisiert wurde und deren Existenz in Vergessenheit geriet. Die internationale Konferenz „Empires to be remembered“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) vom 24. bis 28. November machte es sich zur Aufgabe, zur Beseitigung dieses Defizites beizutragen. Mit einer Betrachtung vergessener Imperien und deren Rezeption ging es nicht nur darum, ihren tatsächlichen Platz in der Geschichte neu zur Debatte zu stellen. Die Veranstalter der Konferenz, das ÖAW-Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ), das Institut für Geschichte der Stiftung Universität Hildesheim und das Institut für Alte Geschichte und Altorientalistik der Universität Innsbruck erhofften sich zugleich neue Perspektiven auch für das Verständnis klassischer Weltreiche.
Neue Imperiendebatte
Für Brigitte Mazohl, Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, ist die Auseinandersetzung mit Imperien eine hochaktuelle Angelegenheit, wie sie zum Beginn der Konferenz betonte: „Seit der Implosion der Sowjetunion 1991, der Infragestellung der unipolaren Weltordnung der USA durch das gescheiterte Irak-Unternehmen und spätestens seit der Revitalisierung des russischen Imperiums durch Putin ist die die Imperiendebatte neu eröffnet. Diese gilt es auf eine solide geschichtswissenschaftliche Basis zu stellen.“ Eine Aufgabe, der sich die Konferenz in interdisziplinärer Weise verschreibt.
So bildete den Auftakt zu den Fachvorträgen „kein klassischer Historikervortrag“, wie INZ-Direktor Michael Gehler festhielt, sondern der Beitrag „Die Konstruktion der Erinnerung – Erkenntnisse der neurobiologischen Lern- und Gedächtnisforschung“ von Kristian Folta-Schoofs. Dabei veranschaulichte der Neurobiologe anhand neuester Erkenntnisse aus der Hirnforschung, wie stark konstruiert jede Form von menschlicher Erinnerung ist. Er machte zugleich klar, dass es so etwas wie eine fixe und unveränderliche Erinnerung nicht gebe: „Gespeichertes Wissen wird mit jeder Erinnerung verfälscht. Insbesondere, wenn die Erinnerung mit unterschiedlichen Kontexten vonstatten geht.“
Real oder konstruiert?
Eine Erkenntnis aus der Neurobiologie, die auch für die Imperienforschung von Relevanz ist. Denn insbesondere die in der Geschichtsforschung der Vergangenheit zu beobachtende Fokussierung auf die klassischen Imperien könnte dazu beigetragen haben, diesen in der Weltgeschichte mehr Gewicht verliehen und gleichzeitig seltener erinnerte Reiche aus dem Blickfeld verdrängt zu haben. „Die internationale Imperienforschung hat einen starken Schwerpunkt bei neuzeitlichen Imperien und verzichtet damit auf einen Reichtum an historischen Befunden, der sich in einer weltgeschichtlichen Dimension eröffnen würde“, stellte Robert Rollinger, Leiter des Instituts für Alte Geschichte und Altorientalistik der Universität Innsbruck, fest.
Die im Rahmen der Konferenz „Empires to be remembered“ angestellten Betrachtungen verschrieben sich demnach dem Ziel, zu einer zeitlich wie räumlich ausgewogeneren historischen Imperienforschung zu gelangen – ohne klassische Reiche wie das Imperium Romanum ganz aus dem Blickwinkel zu verlieren. Die Frage, welchen Imperien in der Geschichte, aber auch in Erinnerungsräumen welche Bedeutung beizumessen ist, wurde dabei einerseits anhand von Auseinandersetzungen mit den klassischen Imperien sowie mit theoretischen Fragen zur Imperienforschung beleuchtet. Andererseits aber galt es, neue Antworten auf diese Frage vor allem mit der detaillierten Betrachtung etwa des antiken indogriechischen Königreichs, des mittelalterlichen kambodschanischen Reichs der Khmer oder auch der neuzeitlichen nordamerikanischen Irokesenliga, zutage zu fördern.
