28.09.2020

Urlaub im All?

Reisewarnungen und geschlossene Grenzen – nicht erst seit der Coronapandemie klingt die Vorstellung verlockend, einmal alles auf der Erde hinter sich lassen zu können. Doch wie realistisch ist Space Tourism? ÖAW-Weltraumexperte Günter Kargl erzählt im Interview, wo die Weltraumreise derzeit hingeht – und warum Ferien am Mond Zukunftsmusik bleiben werden.

Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond. Das Foto wurde am 20. Juli 1969 von Neil Armstrong aufgenommen. Apollo 11 war die erste bemannte Raumfahrtmission mit einer Mondlandung.
Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond. Das Foto wurde am 20. Juli 1969 von Neil Armstrong aufgenommen. Apollo 11 war die erste bemannte Raumfahrtmission mit einer Mondlandung. © Unsplash

2001 schlug die Geburtsstunde des Weltraumtourismus, der US-Finanzmakler und ehemalige Raumfahrtingenieur Dennis Tito gilt als erster Mensch, der sich diesen nicht ganz billigen Spaß geleistet hat. Sieben Tage und 22 Stunden war er im All auf der ISS, der Internationalen Raumstation, bevor er in der Steppe von Kasachstan wieder landete. Rund 20 Millionen US-Dollar kostete ihn diese Reise. Seitdem ist der potentielle Markt im All heiß umkämpft. Der französische Stardesigner Philippe Starck hat jüngst ein Weltraumhotel entworfen. SpaceX, die Firma des Technikpioniers Elon Musk, bietet Transportdienste an. Wie realistisch ist Urlaub im All? ÖAW-Weltraumexperte Günter Kargl versucht im Interview Antworten zu geben.

Was ist der aktuelle Stand in Sachen Weltraumtourismus?

Günter Kargl: Es ist noch immer ein Millionärshobby. Früher sind die Superreichen nach Afrika gefahren, um Elefanten zu jagen, jetzt brüstet man sich damit, im All gewesen zu sein.

Im Moment ist nicht einmal die Zukunft der ISS gesichert.

Welche Projekte gibt es gerade?

Kargl: SpaceX möchte sich als private Weltraumfirma etablieren, die klassische Services anbietet, etwa den Transport zur ISS oder Satellitenstarts. Das hat mit Tourismus in erster Linie wenig zu tun. Axiom und Virgin Galactic hingegen wollen hauptsächlich Touristen bedienen. Virgin Galactic fliegt bis zur Kármán-Linie in der Höhe von 100 Kilometern. Die Schwerelosigkeit dauert ungefähr sechs Minuten. Kann man dann wirklich sagen: Ich war im Weltraum? Das Axiom Modul von Philippe Starck auf der ISS sieht schön aus, aber wie praktikabel es ist, wird sich erst zeigen. Im Moment ist nicht einmal die Zukunft der ISS gesichert. China will seine eigene Raumstation betreiben, Russland hat auch angedroht, auszusteigen.

Das Designer-Weltraumhotel soll natürlich auch WLAN haben. Seflies aus dem All sind also gesichert?

Kargl: Das kann man jetzt auch schon. Auf der ISS haben alle Internet. Das Problem der bemannten Raumfahrt sind nach wie vor die horrenden Kosten: Der Launch einer russischen Sojus-Trägerrakete kostet 70 bis 80 Millionen Euro. Vor allem die Sicherheitsmaßnahmen schlagen sich in den Kosten nieder.

Das Problem der bemannten Raumfahrt sind nach wie vor die horrenden Kosten: Der Launch einer russischen Sojus-Trägerrakete kostet 70 bis 80 Millionen Euro.

Massentourismus im All ist also nicht zu erwarten?

Kargl: Es wird in nächster Zeit sicher keine Kaffeebusreisen geben. SpaceX kann es vielleicht ein bisschen billiger machen, weil die Trägerraketen wiederverwendbar sind, was auf längere Sicht die Preise senkt.

Und Urlaub auf dem Mond?

Kargl: Die Frage ist, wie schnell man überhaupt wieder professionelle Astronaut/innen auf den Mond bringen kann. Es wäre eine Herausforderung, nachzumachen, was Apollo 11 im Jahr 1969 geleistet hat. Wahrscheinlich wären heute keine Regierung und keine Astronaut/innen mehr bereit, dieses Risiko einzugehen. Das waren im Grunde Selbstmordmissionen. Die Testpiloten wussten, dass sie maximal eine 50-prozentige Chance haben, wieder zurück zu kommen. Und es wäre mit der Apollo 11 ja auch beinahe schief gegangen. Wenn Armstrong nicht den Landeplatz verschoben hätte, wäre die Rakete am Mond zerschellt.

Es wäre eine Herausforderung, nachzumachen, was Apollo 11 im Jahr 1969 geleistet hat. Das waren im Grunde Selbstmordmissionen.

Warum war man so risikofreudig?

Kargl: Das Space-Race fand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges statt, Russland und Amerika wollten beweisen, dass sie technologisch vorne sind, und letztendlich, dass sie die bessere Ideologie haben. Da waren Menschen einfach Material, das verbraucht wurde, um einen Prestigeerfolg zu erzielen.

 

Träumen Sie auch davon, ins All zu fliegen?

Kargl: Altersmäßig und von der körperlichen Fitness her wäre es für mich inzwischen grenzwertig. Aber als junger Forscher wäre ich ohne mit der Wimper zu zucken in eine Rakete gestiegen. Die ISS ist ja fast schon wie eine Vergnügungsreise. Von Mars-Missionen würde ich im momentan aber die Finger lassen, die sind technologisch noch zu riskant.

 

AUF EINEN BLICK
 

Günter Kargl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Graz. Er forscht dort zu planetaren Atmosphären und ist maßgeblich in das EU-Projekt “Europlanet“ eingebunden, das die internationale Vernetzung in der planetaren Forschung vorantreiben soll.

 


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