Zurück

Ungehobener Schatz der Meeresforschung

Ein Symposium widmete sich dem erstaunlichen Leben von Erzherzog Ludwig Salvator und seinen jahrzehntelangen Forschungsfahrten

27.11.2015
Der Hafen von Palma/Ludwig Salvator Gesellschaft Wien
Der Hafen von Palma/Ludwig Salvator Gesellschaft Wien

Er war einer der außergewöhnlichsten Habsburger. In Florenz geboren, jahrzehntelang per Schiff auf Reisen unterwegs, mit Wohnorten in Triest, Mallorca und Prag, war Ludwig Salvator  – Erzherzog von Österreich-  ein Kosmopolit, der sein Leben der Erforschung des Mittelmeerraums widmete. Trotz seiner fürstlichen Abstammung war die unkonventionelle  k.u.k. Hoheit nicht an Karriere und Macht interessiert. Stattdessen nutzte der Cousin von Kaiser Franz Joseph seine privilegierte Stellung, um als Naturforscher die Welt zu erkunden. Auf seinen Expeditionen betrieb Salvator geografische, geologische, geophysische, botanische und auch kulturwissenschaftliche Studien über den Mittelmeerraum und andere Weltgegenden, die ihm internationale Anerkennung brachten. Im Laufe seines Lebens veröffentliche Salvator mehr als 70 Bücher und wissenschaftliche Arbeiten. Sein neunbändiges Monumentalwerk „Die Balearen. In Wort und Bild geschildert“ wurde auf der Pariser Weltausstellung 1887 mit der Goldmedaille ausgezeichnet und gilt noch heute als Standardwerk über die Flora, Fauna, Volkskunde, Geschichte und Kultur dieser Region. Jules Verne setzte dem reisenden Universalgelehrten, mit dem ihm eine enge Freundschaft verband, in seinem Roman „Mathias Sandorf“ mit der Figur des wohlhabenden Inselfürsten Doktor Antekirrt ein literarisches Denkmal.

Die Österreichische Akademie der Wissenschaften ehrte am 26. November 2015 Ludwig Salvator an seinem 100. Todestag mit einem Symposium, das von der Kommission für interdisziplinäre ökologische Studien veranstaltet wurde. Namhafte Forscher der Botanik, Geographie und Kulturwissenschaften kamen zusammen, um das interdisziplinäre Vermächtnis des Forschers und Freigeists zu beleuchten. Unter ihnen war der Meeresbiologe Reinhard Kikinger. Im Interview spricht Kikinger über die Bedeutung Ludwig Salvators für die moderne Meeresbiologie, die gegenwärtigen Schwerpunkte der österreichischen Meeresforschung und über die Poesie der Naturbeobachtung.

Vor über 100 Jahren hatte man sicher noch nicht die technische Ausrüstung zur Verfügung, die ein Meeresbiologe heute hat. Mit welchen Methoden hat Ludwig Salvator damals geforscht?

Die Methode Ludwig Salvators war die Feldforschung. Als schwimmende Forschungsbasis diente ihm dabei seine Dampfsegelyacht „Nixe“. Die Methode der damaligen Zeit war die Probennahme mit Greifern und Schleppnetzen. Seine eigenen Beobachtungen ergänzte er durch die Auswertung umfangreicher Fragebögen, die ihm z.B. die Fischereierträge in unterschiedlichen Regionen des Mittelmeeres verrieten. 

Welche Bedeutung haben die meeresbiologischen Arbeiten Salvators für die heutige Forschung?

Seine Beiträge zur Meeresbiologie sind in seinen zahlreichen Büchern weit verstreut und stellen einen Schatz dar, der noch nicht gehoben wurde. Durch seine präzisen Beschreibungen sind Daten aus der damaligen Zeit vorhanden, die wertvolle Rückschlüsse auf die Veränderung der Ökosysteme liefern können.

Was macht das Mittelmeer zu so einem besonderen Forschungsraum für die Meeresbiologie?


Es hat reich gegliederte Küsten und Inseln. Es hat flache Bereiche wie die Nordadria, und es hat Tiefseebecken mit mehr als fünftausend Meter Tiefe. Es umfasst unterschiedlichste Lebensräume, die von Sandböden über Seegraswiesen bis zu Meereshöhlen reichen. Daher wurden entlang seiner Küsten ab der zweiten Hälfte des 19.Jh. zahlreiche meeresbiologische Forschungsstationen errichtet.

Die Ozeane sind mit Abstand der größte Lebensraum unserer Erde, und wir wissen erstaunlich wenig darüber. Haben Sie als Meeresforscher, der Zugang zu einer unbekannten Welt mit den von Ihnen beschriebenen Höhlen, buchstäblichen Wäldern aus meterhohen Algen und einer ganz eigenen Fauna hat, nicht manchmal das Gefühl ein Doppelleben zu führen?


Nein, das habe ich nicht. Sie haben natürlich ganz Recht was die Größe und die Faszination des Ozeans betrifft. Wenn ich mich aber im Sommer in meine Wiese lege (die nur einmal im Jahr gemäht wird) und das geschäftige Treiben der Bewohner dieses Mikrokosmos betrachte, dann verliere ich mich in einem „Ozean“ einer anderen Art. Dasselbe passiert mir beim Blick in den nächtlichen Sternenhimmel und bei anderen Gelegenheiten. Es ist in diesem Sinn also eher ein Mehrfach- als ein Doppelleben und ich empfinde es als glückliche Fügung, die Schönheit der Natur im Sinne Ludwig Salvators beobachten und bestaunen zu können.

Sicher ist das Mittelmeer heute nicht mehr mit dem zu Zeiten Salvators zu vergleichen. Stichwort: Überfischung, bedrohte Artenvielfalt, Plastikmüll. Welche Veränderungen stechen da am meisten ins Auge?


Zusätzlich zu den von Ihnen angeführten Problemen, wirken sich die gewaltige Zunahme des Tourismus mit all seinen Begleiterscheinungen wie Küstenverbauung, Süßwasserbedarf oder Abwassereinleitung extrem belastend auf das Ökosystem des Mittelmeeres aus. Dazu kommt lokale Eutrophierung, also zu hohe Nitrat- und Phosphatkonzentration, die zu Sauerstoffmangel und in der Folge zu Todeszonen – das sind Areale ohne Sauerstoff und ohne Tier- und Pflanzenwelt - am Meeresgrund führt. Eine Veränderung, die auch zur Diversität von Arten beigetragen hat, ist dass durch den Suez Kanal tropische Meeresbewohner in das Mittelmeer eingewandert sind, die es zu Ludwig Salvators Zeiten hier noch nicht gab.

Was sind die gegenwärtigen Schwerpunkte der österreichischen Meeresforschung?


In den letzten Jahrzehnten dominierte die Erforschung benthischer Ökosysteme, also der Organismen des Meeresbodens wie etwa der Seegraswiesen, der Mangroven, des Sulfidsystems und submariner Sandböden. Heute hat sich der Schwerpunkt sehr erfolgreich in die Erforschung der Tiefsee der Ozeane verlagert. Zwei Schwerpunkte sind die mikrobielle Ökologie der Tiefsee - die Erforschung des mikrobakteriellen Stoffhaushaltes der Weltmeere, und dessen Auswirkung auf Klima und Ökologie - und die Ökosystemfunktionen hydrothermaler Quellen - also die biologischen Prozesse und Funktionen von Heißwasserquellen am Grund des Ozeans.

Kann man von einem „Vermächtnis“ Salvators für die Zukunft der Meeresforschung sprechen und wenn ja, worin besteht es?


Sein Vermächtnis als Naturforscher und Chronist des Mittelmeeres besteht in der Datenfülle, die er uns hinterlassen hat. Dazu kommt, dass er schon früh die Wichtigkeit des Umweltschutzes erkannte und ihn auch lebte. Neben seinen exakten Aufzeichnungen beschrieb er auch schwärmerisch die Schönheit des Meeres und er bringt dadurch Poesie in die zunehmend technisch-analytische Meeresforschung. Poesie wird bedrohte Meere nicht retten, aber sie kann vielleicht zu sorgsameren Umgang mit ihnen anregen.

Zunehmend technisch-analytisch? Ist damit eine Art „Profanisierungsprozess“ von Salvator bis zur heutigen Meeresforschung gemeint?


Als „Profanisierungsprozess“ würde ich die Entwicklung der Meeresforschung seit Salvators Zeiten nicht bezeichnen. Es haben sich die Bedingungen, die Fragestellungen, die technischen Möglichkeiten und die Methoden eben geändert. In meinem Vortrag habe ich versucht, die verschiedenen Epochen der Meeresforschung von Ransonnet und Lorenz von Lieburnau über Hans Hass bis Rupert Riedl darzustellen.

Fragen wir anders herum: Wieviel Abenteuer und sagen wir Erhabenheitserlebnis angesichts der faszinierenden Unterwasserwelt und wieviel technisch-analytische Laborarbeit steckt denn noch im Alltag eines heutigen Meeresforschers?


Das hängt vom jeweiligen Forschungsprojekt, den Aufgabenstellungen und wohl auch von der Persönlichkeitsstruktur der einzelnen Personen ab. Ich habe die Feldforschung immer geliebt und Laborarbeit auf das Nötige beschränkt. Ich war meistens als „Einzelkämpfer“ unterwegs und hatte dementsprechend keinen Mangel an Abenteuern und Erhabenheitserlebnissen, wie Sie es nennen. Heute dominiert die Teamarbeit in internationalen Forschungsprojekten, die Abenteuer sind anderer Art: Abstiege mit Tauchbooten in große Tiefen oder Fahrten in die Hochsee oder in polare Regionen  zur Probennahme. Die Verfeinerung der analytischen Methoden und neue Techniken erfordern mehr Zeit im Labor und ermöglichen neue Erkenntnisse.

 

Reinhard Kikinger ist Meeresbiologe und Universitätslektor an der Universität Wien. Er leitete jahrelang eine meeresbiologische Station auf den Malediven, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das fragile Ökosystem der Malediven zu erforschen und zu erhalten.


KIÖS – Kommission für interdisziplinäre ökologische Studien

Programm