24.11.2020

„Triage kommt ursprünglich aus der Militärmedizin“

Auch eines der besten Gesundheitssysteme kann an seine Grenzen kommen. Doch wer wird gerettet in Zeiten knapper Ressourcen? Diese Frage stellt sich nicht erst seit der Coronakrise. Über die Geschichte der Triage spricht ÖAW-Medizinhistorikerin Daniela Angetter im Interview.

Bei der Triage geht es darum, bei einem Missverhältnis von Einsatzkräften und Verletzten möglichst viele zu retten. © Unsplash/Camilo Jimenez
Bei der Triage geht es darum, bei einem Missverhältnis von Einsatzkräften und Verletzten möglichst viele zu retten. © Unsplash/Camilo Jimenez

Vor der Corona-Pandemie war das Wort Triage wohl nur wenigen Menschen ein Begriff. Mit den Bildern aus dem italienischen Bergamo im Frühjahr, wieder rasant steigenden Infektionszahlen im Herbst und den aktuellen Warnungen von Ärztinnen und Ärzten vor einer Überlastung der Intensivkapazitäten in Spitälern ist das Triage-System nun einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Medizinhistorikerin Daniela Angetter von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt im Gespräch die historischen Ursprünge, ihre Anwendung im zivilen Bereich und die Probleme, die sich jetzt in Zeiten der Pandemie ergeben.

Frau Angetter, was steckt hinter dem Begriff der Triage?

Daniela Angetter: Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „aussuchen“ oder „Sichtung von Personen“. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Militärmedizin. Das Triage-System wird immer dann angewandt, wenn es zu viele Verletzte für zu wenig Sanitätspersonal gibt.

Das Wort Triage stammt aus dem Französischen und bedeutet übersetzt „aussuchen“ oder „Sichtung von Personen“.

Wie ist die Triage entstanden?

Angetter: Die Anfänge der Triage gehen u.a. auf den französischen Arzt Dominique Larrey (1766–1842), Militärchirurg und persönlicher Leibarzt von Napoleon I., zurück. Er hat direkt am Schlachtfeld damit begonnen zu entscheiden, welche Patienten möglichst rasch bei einer mitunter lebensbedrohlichen Verletzung durch eine Amputation gerettet werden können. Er war auch einer der Ersten, die modernere Verfahren wie die Abbindung der Arterien und der blutenden Gefäße angewendet hat. In dieser Zeit entstand auch das System der Krankenzerstreuung, um die vielen Verwundeten in verschiedene Lazarette aufzuteilen. Wenn es nicht anderes gegangen ist, hat man der Bevölkerung die Verletzten auch in die Häuser gelegt und sie so in die Mithilfe bei der Versorgung der Verwundeten einbezogen.

Welche historischen Beispiele für ihre Anwendung gibt es seit ihrer Erfindung?

Angetter: Für Österreich ist Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz ein berühmtes Beispiel, der dieses System 1848 in Italien angewandt hat. Das Krankenzerstreuungssystem hat sich bis in den Ersten Weltkrieg bewährt. Die Triage hat sich in der Kriegsmedizin immer mehr durchgesetzt. So gab es zum Beispiel im Königlich-Preußischen Feldlazarett-Reglement von 1787 Angaben zur Einstufung von verschiedenen Schweregraden von Verletzten. Oder: Um die Patienten möglichst gut zu versorgen, wurde die Triage auch in den Koalitionskriegen, also in den Napoleonischen Kriegen, die letztlich bis 1815 gedauert haben, angewandt.

Für Österreich ist Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz ein berühmtes Beispiel, der dieses System 1848 in Italien angewandt hat.

Man kennt es im Übrigen auch bei Schiffsunfällen. Der Kapitän geht als Letzter von Bord und Frauen und Kinder zuerst. Warum? Weil man sagt, das sind die Schwächeren, die sich möglicherweise nicht so lange im Meer über Wasser halten können. Das geht schon ein bisschen in Richtung Triage.

 

Wann wurde das Triage-System im zivilen Bereich eingesetzt?

Angetter: Wir müssen uns das so vorstellen: Auch zivile Rettungsorganisationen wie das Rote Kreuz oder die Malteser waren bis zum Ende der Monarchie sehr stark in die Militärmedizin integriert. Sie sind von Militärärzten dahingehend ausgebildet worden, dass sie im Kriegsfall das Militär unterstützen können. Das hat etwa auch den Deutschen Ritterorden betroffen, also auch die Ordensgemeinschaften, die zur Sanitätspflege herangezogen worden sind. Erst mit dem Zerfall der Monarchie hat sich langsam ein Rettungswesen, wie wir es heute kennen, etabliert, viel davon ehrenamtlich getragen wie beim Roten Kreuz oder beim Arbeitersamariterbund. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Triage-System mehr und mehr in den zivilen Bereich hineingewachsen.

Zu entscheiden, wer rasch behandelt wird, ist für Triage-Ärzte heute eine ethisch sehr belastende Aufgabe. Früher sind die Schwerstverletzten am Schlachtfeld einfach liegen geblieben.

Wo ist die Triage längst Teil des medizinischen Alltags?

Angetter: Vor allem in der präklinischen Notfallmedizin, also draußen im Rettungswesen, ist Triage ein ganz wesentlicher Bestandteil für die ersten Minuten bei allen Großschadensereignissen. Wenn der Einsatz dann schon eine Weile läuft, dann kommen natürlich mehr Rettungsfahrzeuge nach.

Wie ist die Triage mittlerweile aufgebaut?

Angetter: Aufgebaut ist die Triage nach der Priorisierung der Rettung, der Behandlung und des Transports. Wichtig ist hier: Wie schaut die Diagnose des Verletzten aus? Wie dringlich ist ein chirurgischer Eingriff? Kann man den Eingriff am Einsatzort durchführen oder ist es besser den Patienten zu stabilisieren und rasch zu transportieren – und in welches Krankenhaus?

Bei der Triage wird ganz klar nach dem Schweregrad der Verletzung entschieden.

Von der Sofortbehandlung über den Abtransport bis zu Leichtverletzten gibt es auch noch die betreuende Behandlung. Das sind Patienten, die leider eine sehr geringe Überlebenschance haben. Also wenn der Schweregrad der Verletzung so groß ist, dass es zu viele Kräfte binden würde, um den Patienten zu reanimieren oder ein Polytrauma zu versorgen, muss dieser Patient so lange warten, bis genügend Einsatzkräfte oder Sanitäter vor Ort sind, um ihn zu versorgen.

Zu entscheiden, wer liegen gelassen und wer rasch behandelt wird, ist für Triage-Ärzt/innen heute natürlich eine ethisch sehr belastende Aufgabe. Früher sind die Schwerstverletzten am Schlachtfeld oder in einem Lazarett einfach liegen geblieben.

Gibt es dafür einheitliche Standards? 

Angetter: Ja. Es folgt weltweit einheitlichen Standard-Richtlinien, die auch von der WHO unterstützt werden. Man beurteilt nach kritisch, stabil und unverletzt. Patienten, die triagiert werden, bekommen eine Personenleittasche, darauf sind kurz die erste Diagnose, Therapie und Maßnahmen vermerkt. Ob Infusion oder kreislaufstabilisierende Medikamente verabreicht werden – diese Entscheidungen müssen sehr rasch getroffen werden. Maximal hat man eine Minute pro Patient Zeit – länger sollte die Triage nicht dauern.

Bei einem Missverhältnis von Einsatzkräften und Verletzten geht es darum möglichst viele zu retten.

Das Triage-System orientiert sich nicht an den geretteten Lebensjahren. Warum?

Angetter: Bei der Triage wird ganz klar nach dem Schweregrad der Verletzung entschieden. Wenn die Rettung zum Beispiel zu einem Verkehrsunfall mit sieben Verletzten kommt, darunter ein Erwachsener mit einer stark blutenden Wunde und einem reanimationspflichtigen Kind, dann wird der Erwachsene zuerst gerettet, weil er die größeren Überlebenschancen hat als das reanimationspflichtige Kind. Das ruft in der Bevölkerung verständlicherweise Bestürzung hervor, weil einem Kinder auch in der Medizin extrem nahe gehen. Aber: Bei einem Missverhältnis von Einsatzkräften und Verletzten geht es darum, möglichst viele zu retten. Und da muss eben das Bedürfnis des Einzelnen in diesem Fall zurückstehen.

In Zeiten knapper Ressourcen in der Coronapandemie geht es bei der Triage auch um die Frage: Wer bekommt die Beatmungsgeräte...

Angetter: Und die Intensivbetten. Es ist ja nicht so, dass es nur noch Covid-19-Patienten gibt, sondern genauso jene mit Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Unfällen. Abseits der Pandemie werden auch Intensivbetten gebraucht. Intensiv heißt, dass für den Patienten eine 24-Stunden-Überwachung notwendig ist. Er ist an Geräte angehängt, die sofort einen Ton abgeben, wenn etwa die Herzfrequenz abfällt oder die Sauerstoffsättigung nicht mehr stimmt. Und hier ist die Befürchtung verständlicherweise sehr groß, wenn die Corona-Neuinfektionen weiterhin so hoch bleiben, dass nicht nur die Kapazität der Intensivbetten erschöpft ist, sondern auch das Pflegepersonal und die Ärzt/innen den Patientenansturm nicht mehr bewältigen können.

 

AUF EINEN BLICK

Daniela Angetter ist Historikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig. Zudem ist sie Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin der Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften der ÖAW.

 


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