16.07.2021

TRAUER UM WŁODZIMIERZ BORODZIEJ

Der Zeithistoriker verstarb im Alter von 64 Jahren. Die ÖAW betrauert den Verlust eines hoch geschätzten Mitglieds und international anerkannten Experten der polnischen und europäischen Geschichte.

© Privat

Er galt als einer der führenden Zeithistoriker Polens, als hoch renommierter und vielfach ausgezeichneter Geschichtsschreiber und als ein Brückenbauer zwischen historischen Traditionen. Nun ist Włodzimierz Borodziej im Alter von nur 64 Jahren gestorben. Der Tod des gebürtigen Warschauers ist ein schmerzhafter Verlust für die europäische Geschichtswissenschaften im Allgemeinen und für die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Besonderen. Denn nicht nur mit Österreich, sondern auch mit der Akademie war Borodziej seit langem eng verbunden.

Seine breitgefächerten Forschungsschwerpunkte behandelten aktuelle Geschichtspolitik ebenso wie die polnische und europäische Geschichte im 20. Jahrhundert, vor allem die beiden Weltkriege, die schwierigen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland nach 1945, aber auch die Geschichte Galiziens in der Autonomie-Ära. Indem er polnische Geschichte immer in einen breiteren Zusammenhang einordnete, schrieb er zugleich europäische Geschichte.

Mit Wien verbunden

Borodziej wurde 1956 in Warschau geboren, ging unter anderem in Wien zur Schule, wo er im Gymnasium Stubenbastei maturierte. Zurück in Warschau studierte er Geschichte und Germanistik. Dort wurde er 1984 promoviert und habilitierte sich 1991 mit einer Arbeit über Polen in den internationalen Beziehungen 1945 bis 1947. Stipendien und Gastprofessuren brachten ihn nach Tübingen, Marburg und Wien. Seit 1996 war er Professor für Neuere Geschichte am Historischen Institut und Vizepräsident der Universität Warschau. Als gefragter Autor und Gesprächspartner war er auf vielen zeithistorischen Podien zu Gast.

Auf Einladung der ÖAW und des Österreichischen Parlaments nahm er etwa im September 2019 bei der Podiumsdiskussion „80 Jahre Beginn des II. Weltkriegs“ das Friedensprojekt Europa und die Frage, wie der Tod der letzten Zeitzeugen das Erinnern an den Zweiten Weltkrieg verändern wird, in den Blick.

Pionier und Wissenschaftspolitiker

Viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten gelten längst als Standardwerke, darunter sein 1999 erschienenes Buch „Terror und Politik. Die deutsche Polizei und die polnische Widerstandsbewegung im Generalgouvernement 1939–1944“, seine 2001 veröffentlichten Forschungen zum Warschauer Aufstand von 1944, das 2010 publizierte Werk „Geschichte Polens im 20. Jahrhundert“ oder seine ab 2014 erschienenen Arbeiten zur Geschichte des Ersten Weltkriegs in Osteuropa.

Als Zeithistoriker und Wissenschaftspolitiker behielt er sich stets seinen differenzierten Blick auf wechselseitige Perspektiven zur europäischen Geschichte so wie auch seinen Pioniergeist. Etwa als Chefredakteur einer Dokumentenreihe zur polnischen Diplomatie und als Mitherausgeber von „Unsere Heimat ist uns ein fremdes Land geworden …“, über „Deutsche östlich von Oder und Neiße zwischen 1945 und 1950“. Von 1997 bis 2007 war er polnischer Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Schulbuchkommission, ferner fungierte er als Co-Leiter des Imre-Kertész-Kollegs der Universität Jena und saß im Beirat des Hauses der Geschichte in Bonn, des Danziger Museums des Zweiten Weltkriegs sowie des Brüsseler Hauses der Europäischen Geschichte.

Auszeichnungen und Preise

Włodzimierz Borodziej wurde für seine wissenschaftlichen Leistungen mit zahlreichen Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, darunter 2002 der Viadrina-Preis der Europa-Universität Frankfurt/Oder. Für seine herausragenden wissenschaftlichen Leistungen zur deutsch-polnischen Geschichte im 20. Jahrhundert erhielt er 2010 den Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik der Stadt Oldenburg. Ebenso wurde er in Deutschland u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt und zuletzt 2020 mit dem Internationalen Forschungspreis der Max-Weber-Stiftung.

2016 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die ÖAW gewählt. Włodzimierz Borodziej wirkte hier an unterschiedlichen Publikationen und Veranstaltungen mit, beispielsweise an der internationalen Konferenz „Vermessung einer Zeitenschwelle. Die Bedeutung des Jahres 1918 in europäischer und globaler Perspektive“ im Jahr 2018 oder am Diskussionsforum „Das Ende der Österreichisch-Ungarischen Monarchie“, das auch in der Akademie-Publikationsreihe „Akademie im Dialog“ erschienen ist.

Die Akademie verliert einen fachlich wie menschlich außergewöhnlichen Kollegen. Sein Verlust trifft die ÖAW schmerzlich.


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