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Trauer um Leopold Rosenmayr

Der renommierte Soziologe und große Denker der europäischen Alternsforschung verstarb im Alter von 91 Jahren. Die Akademie betrauert den menschlich wie fachlich schmerzlichen Verlust ihres wirklichen Mitgliedes.

18.03.2016
Bild: Privat
Bild: Privat

„Ich habe immer geglaubt, dass im hohen Alter die Erinnerung etwas ganz Entscheidendes ist. Inzwischen halte ich die Öffnung des Herzens für entscheidend“, bekannte der Soziologe Leopold Rosenmayr im vergangenen Jahr bei einem Festakt zu seinem Geburtstag an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Denn es ist wichtig“, so Rosenmayr weiter, „dass der alte Mensch sich nicht nur selber versteht, sondern beginnt, auch andere Menschen zu verstehen.“ Nun ist der vielfach ausgezeichnete und oft als „Alternsforscher der Nation“ bezeichnete Sozialforscher am 18. März 2016 91-jährig in Wien verstorben. Die ÖAW betrauert diesen schmerzlichen Verlust.

Doyen der Sozialforschung

Dem Verständnis des Menschen und seinen sozialen Bezügen verschrieb sich der 1925 in Wien geborene Leopold Rosenmayr bereits früh. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Studium der Germanistik, Anglistik, Philosophie und Soziologie startete Rosenmayr eine einzigartige wissenschaftliche Karriere, die ihn unter anderem nach Paris, Harvard und New York führte, bevor er 1954 nach Wien zurückkehrte. Hier trug er als Professor für Soziologie und Sozialphilosophie an der Universität Wien sowie als Gründer des Ludwig Boltzmann Instituts für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung maßgeblich zur Wiederbelebung der empirischen Sozialforschung in Österreich bei und avancierte in der Alternsforschung zu einem der international führenden Experten.

Als eine seiner bedeutenden Leistungen in diesem Fach galt, die bis dahin von den Wissenschaften weitgehend vernachlässigte menschliche Fähigkeit zur Kreativität im hohen Alter in den Fokus zu rücken, wissenschaftlich zu untersuchen und ihr auf diese Weise auch eine besondere Wertschätzung zuteil werden zu lassen. Der Autor zahlreicher Monografien und Fachartikel befasste sich als Soziologe und Sozialphilosoph zugleich mit weiteren Forschungsfragen von höchster gesellschaftlicher Relevanz, unter anderem mit den Beziehungen in menschlichen Gemeinschaften wie Städten oder Familien und mit der Jugendsoziologie.

Seine Überzeugung, Wissenschaft nicht nur für die akademische Welt, sondern gleichzeitig für das gesellschaftliche Miteinander zu betreiben, ist auch an seinen Beratungstätigkeiten für die österreichische Bundesregierung sowie an seiner Mitgliedschaft in der österreichischen Statistischen Zentralkommission abzulesen. Rosenmayr blickte aber auch über die Grenzen Österreichs. Seine Forschungen führten ihn ab den 1980er Jahren regelmäßig nach Afrika. Dort untersuchte er unter anderem die Konflikte zwischen den verschiedenen Altersgruppen und bemühte sich darum, die Lebensqualität der Bevölkerung zu verbessern.

Rosenmayr wurde im Jahr 1990 zum wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt. Zudem erhielt er im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere mehrere bedeutende Auszeichnungen, etwa 1985 das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien oder 2002 den Kardinal Innitzer-Preis für Soziologie. 2004 wurde ihm das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.

Schmerzlicher Verlust

„Wir sind zutiefst betrübt über das Ableben unseres wirklichen Mitglieds Leopold Rosenmayr“, sagt ÖAW-Präsident Anton Zeilinger. „Der Doyen der österreichischen Soziologie war ein herausragender Wissenschaftler und ein international führender Denker in der Alternsforschung. Rosenmayr war bis ins hohe Alter aktiv und mit seiner Begeisterung an wissenschaftlichen Fragen ein großes Vorbild für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“, so Zeilinger weiter. Rosenmayrs Plädoyer für eine Öffnung des Herzens folgend, werden die ÖAW und ihre Mitglieder das ehrende Gedenken an diesen herausragenden und zugleich zutiefst den Menschen verpflichteten Wissenschaftler stets bewahren.