

Von wegen dunkles Zeitalter - wie bunt und schillernd sich das Mittelalter in Wahrheit präsentierte, verdeutlicht vielleicht nichts besser als die Kunst der mittelalterlichen Buchmalerei. Von prachtvollen Initialen bis hin zu ganzseitigen Illustrationen verliehen diese Malereien vielen der ausschließlich von Hand geschriebenen Bücher erst ihr ganzes Gewicht. Doch was geschah mit diesen Illustrationen, mit deren Produktion und den Buchmalern mit der Erfindung des Buchdrucks? Eine Frage, der die Tagung „Unter Druck: Illuminierte Handschriften und Inkunabeln im Zeitalter Gutenbergs“, veranstaltet vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), nachging. Im Gespräch gibt Jeffrey Hamburger, Kunsthistoriker an der Harvard University und Eröffnungsvortragender der Tagung, Einblicke in den erstaunlich lange währenden Überlebenskampf einer einst unverzichtbaren Kunstform.
Die Farbenpracht und Ästhetik vieler mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Buchmalereien erscheinen auch in Zeiten von Web, TV und Hochglanzprospekten verblüffend. Hatten Buchillustrationen, neben ihrer Wirkung als Eyecatcher, denn auch andere Funktionen zu erfüllen?
Selbstverständlich! Die aus wertvollen Pigmenten hergestellten, wie Juwelen leuchtenden Farben und das schimmernde Blattgold stellten eine enorme Investition dar, ebenso das Pergament und das zu dieser Zeit noch junge Medium Papier. Sicherlich erhöhten die Bilder in den Handschriften die repräsentative Erscheinung dieser Bücher, aber sie waren auch dazu da, deren Inhalt zu kommentieren – oft auf eine vom Text völlig unabhängige Weise. Bilder konnten unterhalten, aber auch lehren und nicht zuletzt praktisches Know-how weitergeben. Damals wie heute war die Visualisierung eine Hilfe.
Wer waren die erfolgreichen Buchmaler dieser Zeit?
Hofmaler, wie zum Beispiel jene, die für Friedrich III. und Maximilian I. gearbeitet haben, hatten meistens einen privilegierten Status und waren frei von Zunftregelungen. Die Mehrheit der Handwerker, die innerhalb ihrer Zunft auch erfolgreich sein und zu Wohlstand kommen konnten, war gerade durch die Zunftregelungen vor unerwünschter Konkurrenz einigermaßen geschützt. Darüber hinaus stand hinter einem berühmten Künstlernamen oft eine Gruppe von Handwerkern. Zum Beispiel war Diebold Lauber, der im 15. Jahrhundert im elsässischen Hagenau wirkte, ein richtiger Unternehmer: Rund 80 Handschriften, die man ihm und seinen Schreibern und Illustratoren zuordnet, sind uns überliefert. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass uns heute die Namen der meisten Künstler des Mittelalters nicht mehr bekannt sind – dennoch sprechen ihre Werke für sich.
Welche stilistischen oder inhaltlichen Entwicklungen durchliefen Buchmalereien in den Jahrhunderten des Mittelalters?
Aus Sicht der sogenannten „Wiener Schule“ der Kunstgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnete die mittelalterliche Kunst der hohe Grad an Abstraktion und Expressivität aus. Der Umstand, dass die mittelalterliche Malerei die klassischen Normen hinter sich ließ, wurde zu dieser Zeit nicht als Fehler eingeschätzt, sondern als Zeichen einer neuen Art, die Dinge zu sehen und zu verstehen. Das 15. Jahrhundert war wiederum durch ein neues Interesse an der Wiedergabe der Natur und durch eine tiefgreifend kosmopolitische Gesellschaft charakterisiert, durch Künstler, die Innovationen aus verschiedensten Zentren ganz Europas wahrnahmen. Doch selbst, wenn wir aus heutiger Perspektive das 15. Jahrhundert als Einleitung der Renaissance verstehen, blieb die Malerei dieser Zeit von ihrem Wesen her in vielerlei Hinsicht doch fundamental „mittlelalterlich“. Das 15. Jahrhundert war eine Epoche des Übergangs und Wandels.
Die Konferenz vom 13. bis 17. Jänner an der ÖAW behandelte die Buchmalerei in Zeiten Gutenbergs. War denn die Buchmalerei mit der Entstehung des Buchdrucks nicht ohnehin dem Tod geweiht?
Diesen Schluss würde ich nicht ziehen. Die Illuminatoren des 15. Jahrhunderts spielten ganz bewusst mit den Möglichkeiten des neuen Mediums. Abgesehen davon, dass die ersten gedruckten Bücher, sogenannte Inkunabeln, zumindest anfänglich kaum Illustrationen enthielten und wenn, dann nur relativ einfache Holzschnitte, blieb die Buchmalerei noch lange das bevorzugte Medium für Bücher, in denen visuelle Subtilität eine wesentliche Rolle spielte. Handgemachte Bücher behielten ihre Anziehungskraft, besonders für wohlhabende Auftraggeber – ein Phänomen, das bis ins 18. Jahrhundert hinein zu beobachten ist. Die Drucke Albrecht Dürers und einiger seiner Vorgänger erhoben das Druckerhandwerk auf höchstes künstlerisches Niveau – aber auf Kosten der Farbe, eines Bereichs, in welchem die Buchmalerei weiterhin glänzte.
Welche Auswirkungen hatte der Buchdruck auf die Kunst der Buchmalerei?
Druck und Buchmalerei standen in einem engen und oft reziproken Verhältnis zueinander. Zum Beispiel ließen Gutenbergs Käufer gemalte Initialen und Dekorationen einfügen, deren stilistische Elemente es uns heute ermöglichen, die Verbreitung der Gutenberg-Bibel sehr genau zu verfolgen. Einige illuminierte Handschriften kopierten wiederum gedruckte Editionen. Druck und Malerei gab es in jeder Kombination, die man sich nur vorstellen kann. Daher geht es nicht um „Druck gegen Malerei“, sondern vielmehr um eine Epoche intensiven Experimentierens.
Wie gelang es Buchmalern, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen?
Wenn wir bedenken, dass Buchmalerei immer eine elitäre Kunst war, dann ist auch nachvollziehbar, dass viele der besten Künstler nicht wesentlich von der Produktion gedruckter Bücher betroffen waren. Darüber hinaus verlangten die Kunden noch oft nach illuminierten Büchern und für viele mittelalterliche Betrachter war auch die Kolorierung ganz essentiell. Außerdem müssen wir den Siegeszug des Papiers in der Buchherstellung, ob nun illustriert oder nicht, thematisieren. Papier machte den Druck möglich, erlaubte aber auch neue Formen der Buchherstellung für einen neuen Markt – etwa in Form einer seriellen Produktion von Kopien desselben Werkes. Das Druckergewerbe konfrontierte die Buchmaler nicht nur mit neuen Herausforderungen, sondern auch mit neuartigen Möglichkeiten.
Gibt es hinsichtlich der Verdrängung eines bewährten Mediums Parallelen oder sogar Lehren, die man aus der Geschichte der Buchmalerei für die Gegenwart ziehen könnte?
Wir können sicherlich von der Vergangenheit lernen. Die Prognosen vom Tod des Buches oder anderer gedruckter Formen halte ich für übertrieben, Totgesagte leben länger. Studien belegen ja beispielsweise, dass der immersive Raum eines geöffneten Buches – im Gegensatz zu der sprichwörtlichen Oberfläche eines Tablets – zu besserer Konzentration und Merkfähigkeit beiträgt. Mit der Verwendung von Tablets kehren wir, überspitzt gesagt, wieder zu einer antiken Buchform zurück – versuchen Sie mal, ein illustriertes Buch auf einem Tablet zu lesen! Viele Bibliotheken geben heute gedruckte Medien zugunsten digitalisierter gänzlich auf, obwohl es nichts Temporäreres als ein virtuelles Objekt gibt. Viele Bücher des Mittelalters, die heute in Ausstellungen zu sehen sind, haben mehr als 500 Jahre überdauert und werden das, bei pfleglicher Handhabung, auch noch weitere Jahrhunderte tun. Sollte uns das nicht eine Lehre sein?
Jeffrey Hamburger ist Kuno Francke Professor of German
Art & Culture an der Harvard University. Seine
Forschungsschwerpunkte sind die sakrale Kunst des Mittelalters und
mittelalterliche illuminierte Handschriften.
Die Veranstaltung
„Unter Druck: Illuminierte Handschriften und Inkunabeln im Zeitalter
Gutenbergs“ findet im Rahmen der Ausstellung "Goldene Zeiten“ statt, die
noch bis 21. Februar 2016 im Prunksaal der Österreichischen
Nationalbibliothek gezeigt wird. Die schönsten Werke mitteleuropäischer
Buchmalerei des 15. Jahrhunderts können zudem auch in München sowie in
kleineren Ausstellungen in Österreich, der Schweiz und Deutschland
bewundert werden.