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„Teilen ist selbstverständlich“

Auf der elften “Conference on Hunting and Gathering Societies” trafen sich in Wien rund 400 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt. Unter ihnen war auch der Sozialanthropologe Jerome Lewis, der zu Jägern und Sammlern in Zentralafrika forscht.

15.09.2015
Eine San-Gemeinschaft aus dem südlichen Afrika. Bild: Wikimedia/CC
San-Gemeinschaften im südlichen Afrika leben noch als Jäger und Sammler, sind aber oftmals zusätzlich gezwungen durch Tourismus ihr Auskommen zu finden. Bild: Wikimedia/CC

Jagen und Sammeln war für Jahrtausende die bestimmende Lebensform der Menschheit. Heute gibt es auf der ganzen Welt nur noch wenige Gruppen, die zu den Jäger- und Sammlergesellschaften gezählt werden können. Die Aborigines in Australien, die San in der Kalahari-Wüste oder die sogenannten „Pygmäen“ in Zentralafrika sind die bekanntesten jener jagenden und sammelnden indigenen Völker, die gegenwärtig noch existieren. Der britische Sozialanthropologe Jerome Lewis forscht seit über 20 Jahren zur Kultur der „Pygmäen“ in Ruanda und der Republik Kongo. Der Forscher war vom 7. bis 11. September bei der „Conference on Hunting and Gathering Societies“ (CHAGS) in Wien zu Gast, die federführend von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien organisiert wurde. Im Interview spricht Lewis über seine Feldforschungen in Afrika und darüber, welche Bedeutung eine Konferenz wie die CHAGS für die weltweite scientific community der Jäger- und Sammlerforschung hat.

Sie haben über längere Zeiträume mit „Pygmäen“ zusammen gelebt, haben ihre Sprache gelernt und wurden in ihre Gesellschaft integriert. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptunterschiede zwischen Jägern und Sammlern und westlichen Gesellschaften?

Lewis: Der Hauptunterschied liegt sicherlich darin, dass die „Pygmäen“ in einer egalitären Gesellschaftsform leben. Es gibt keinen Anführer, der das Sagen hat, sondern Männer, Frauen und sogar Kinder sind vollkommen gleichberechtigte Gruppenmitglieder. Diese soziale Gleichstellung wird durch ein subtiles aber sehr umfassendes kulturelles System garantiert. Das Prinzip des „sharing“, des Teilens, ist ein Grundpfeiler dieses Systems. So ist bei den „Pygmäen“ das Recht beim Empfangenden und nicht beim Gebenden. Teilen ist so selbstverständlich, dass kein Mitglied der Gesellschaft die Möglichkeit hat sich durch seinen Beitrag zur Gemeinschaft zu profilieren oder Besitztümer anzuhäufen.

Welche Bedeutung hat die diesjährige CHAGS-Konferenz in Wien für die Jäger- und Sammlerforschung?

Lewis: Vor zwei Jahren hat die CHAGS X in Liverpool stattgefunden. Davor gab es eine zehnjährige Unterbrechung der Konferenzreihe, die 1966 zum ersten Mal in Chicago organisiert wurde. Der kanadische Anthropologe Richard B. Lee, dem auf der Konferenz in Wien ein Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde, war einer ihrer Begründer. Die diesjährige CHAGS bietet der Jäger- und Sammlerforschung eine gute Gelegenheit, die Vernetzung dieses lebendigen und wichtigen Forschungsgebiets, das über die ganze Welt – vom Regenwald bis zum Polarkreis – verstreut ist, voranzutreiben.

Was können wir von Jägern und Sammlern lernen?

Lewis: Es wird oft angenommen, dass Konkurrenz und soziale Hierarchien tief im menschlichen Wesen verwurzelt sind, dass sie kulturelle Universalien sind. Das funktionierende egalitäre Gesellschaftssystem der Jäger und Sammler zeigt, dass das nicht zutrifft. Es ist menschlichen Gesellschaften möglich, ohne Hierarchien und soziale Ungleichheit zu leben.

 

Jerome Lewis lehrt Sozialanthropologie am University College in London und ist Fellow am Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Er wurde für seine Arbeiten zu indigenen Gemeinschaften mit mehreren wissenschaftlichen Preisen ausgezeichnet.

Derzeit forscht er u.a. dazu, wie Jäger- und Sammlergesellschaften mit dem Wandel ihrer natürlichen, sozialen und technologischen Umwelt umgehen.