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Armut im TVMedienforschung

Studie zum ORF: Nicht über Armut reden – sondern mit Betroffenen sprechen

Wie berichten öffentlich-rechtliche Medien über Armut? Auswertungen von Kommunikationsforschenden der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zeigen: Der ORF bemüht sich um eine differenzierte Berichterstattung, dennoch bleiben viele Perspektiven unsichtbar. Armutsbetroffene wünschen sich, nicht nur Objekt der Berichterstattung zu sein, sondern aktiv daran mitzuwirken.

08.07.2026
Eine Journalistin hält Mikrofone und einen Schreibblock
© AdobeStock

Rund 17 Prozent der Menschen in Österreich gelten als armutsgefährdet. Hinter dieser Zahl verbergen sich höchst unterschiedliche Lebensrealitäten: alleinerziehende Frauen, Menschen mit Job, von dem sie aber nicht leben können, Pensionist:innen, Menschen mit Behinderungen, Geflüchtete oder Personen, die nach Krankheit oder Jobverlust in finanzielle Not geraten sind. Dennoch wird Armut in den Medien häufig auf wenige stereotype Bilder reduziert – etwa auf Obdachlosigkeit, Kinderarmut oder karitative Hilfsaktionen zur Weihnachtszeit.

17 Prozent der Menschen in Österreich armutsgefährdet

Wie öffentlich-rechtliche Medien dieses gesellschaftlich hochrelevante Thema behandeln und wie die Berichterstattung aus Sicht der Betroffenen verbessert werden könnte, untersuchte eine Studie des Instituts für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Klagenfurt. Die vom ORF beauftragte Public-Value-Studie wurde zusätzlich durch das Horizon-Europe-Projekt „Mapping Media for Future Democracies“ kofinanziert.

Im Mittelpunkt standen dabei nicht klassische Inhaltsanalysen von Fernsehsendungen, sondern die Perspektiven jener Menschen, über die berichtet wird. Die beiden Kommunikationswissenschaftler Josef Seethaler und Andreas Schulz-Tomančok führten dazu Fokusgruppen und Interviews mit Armutsbetroffenen sowie mit Expert:innen aus Wissenschaft, Sozialarbeit und zivilgesellschaftlichen Organisationen wie u. a. Caritas, Volkshilfe oder Diakonie. Ziel war es, herauszufinden, wie Armutsdarstellungen und Informationsaufbereitungen für heterogene Gruppen im ORF wahrgenommen werden und welche Erwartungen Betroffene an einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben.

„Über Armut wird oft gesprochen, aber nur selten mit den Menschen, die selbst davon betroffen sind“, sagt Schulz-Tomančok von der ÖAW. „Genau diesen Perspektivwechsel wollten wir ermöglichen.“

Der ORF schneidet besser ab als kommerzielle Medien

Die Ergebnisse zeigen zunächst ein differenziertes Bild. Im Vergleich zu Boulevardmedien oder kommerziellen Fernsehsendern bewerten sowohl Expert:innen als auch Betroffene die Berichterstattung des ORF überwiegend positiver. Informationssendungen wie die „Zeit im Bild“ oder Formate auf Ö1 werden als sachlicher und reflektierter wahrgenommen als viele andere Medienangebote.

Dennoch sehen die Befragten erheblichen Verbesserungsbedarf. Vor allem Unterhaltungs- und Infotainmentformate reproduzierten mitunter stereotype Vorstellungen von Armut oder griffen auf klassistische Witze und Zuschreibungen zurück. Außerdem erscheine das Thema häufig nur anlassbezogen – etwa rund um Weihnachten –, während Armut im restlichen Jahr weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinde. „Armut ist kein saisonales Phänomen“, sagt Schulz-Tomančok. „Sie begleitet Menschen das ganze Jahr über. Entsprechend kontinuierlich sollte auch darüber berichtet werden.“

Mehr als Einzelschicksale

Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Art der Darstellung. Viele Befragte kritisieren, dass Armut häufig als individuelles Schicksal erzählt wird, während gesellschaftliche Ursachen kaum sichtbar werden. Steigende Wohnkosten, prekäre Beschäftigung, ungleiche Bildungschancen, Pflegearbeit oder Migrationsbiografien blieben oft im Hintergrund. Dadurch entstehe leicht der Eindruck, Armut sei in erster Linie persönliches Versagen statt Ergebnis komplexer gesellschaftlicher Entwicklungen.

„Wer ausschließlich Einzelschicksale zeigt, blendet die strukturellen Ursachen aus“, erklärt Schulz-Tomančok. „Dabei hängen Themen wie Wohnen, Klimawandel, Gesundheit oder Bildung eng mit Armut zusammen. Genau diese Zusammenhänge sollten Medien stärker sichtbar machen.“ Ebenso wichtig sei es, die Vielfalt armutsbetroffener Menschen abzubilden. Auch Berufstätige, Pensionist:innen oder Akademiker:innen könnten nach Krankheit, Scheidung oder Arbeitsplatzverlust in finanzielle Not geraten.

Die Studie spricht in diesem Zusammenhang von einer „geteilten Verwundbarkeit“: Grundsätzlich könne nahezu jede und jeder im Laufe des Lebens von Armut betroffen sein. Besonders deutlich fiel ein Wunsch der Befragten aus: Menschen mit Armutserfahrung sollen nicht bloß Gegenstand journalistischer Berichterstattung sein, sondern aktiv an ihrer Gestaltung mitwirken.

„Nicht über uns, sondern mit uns“ lautete eine der zentralen Forderungen der Fokusgruppen. Betroffene seien Expert:innen ihrer eigenen Lebensrealität und könnten wichtige Perspektiven in Redaktionen einbringen. Denkbar wären Kooperationen mit Selbstvertretungsgruppen, partizipative Formate oder Dialogplattformen, wie sie Community-Medien bereits erfolgreich praktizieren. Nach Ansicht der Studien-Autor:innen würde eine stärkere Beteiligung nicht nur die Qualität der Berichterstattung verbessern, sondern auch das Vertrauen in öffentlich-rechtliche Medien stärken.

Barrierefreie Informationen für alle

Die Studie zeigt außerdem, dass viele armutsbetroffene Menschen Schwierigkeiten haben, relevante Informationen überhaupt zu finden oder zu verstehen. Deshalb empfehlen die Studienautoren stärker zielgruppengerechte Angebote – etwa Informationen in einfacher Sprache, mehrsprachige Formate oder digitale Angebote, die sich besser an unterschiedliche Plattformen anpassen. Gleichzeitig wird angeregt, Redaktionen vielfältiger aufzustellen. Journalist:innen stammen häufig aus ähnlichen sozialen Milieus. Dadurch fehlen mitunter Erfahrungen, die helfen könnten, Armut differenzierter und lebensnäher darzustellen.

Menschen mit geringem Einkommen fühlen sich häufig politisch weniger repräsentiert und beteiligen sich seltener an Wahlen. Wenn sie sich auch in den Medien nicht wiederfinden, wächst die Gefahr gesellschaftlicher Entfremdung und sinkenden Vertrauens in demokratische Institutionen. „Öffentlich-rechtliche Medien haben den Anspruch, für alle da zu sein“, sagt Schulz-Tomančok. „Dazu gehört auch, jene Menschen sichtbar zu machen, die sonst oft übersehen werden. Wer Armut differenziert und gemeinsam mit Betroffenen thematisiert, stärkt nicht nur die Qualität der Berichterstattung, sondern letztlich auch die Demokratie.“

Die Studie versteht sich deshalb ausdrücklich als Ausgangspunkt für weitere Forschung. Während Armutsdarstellungen in Printmedien vergleichsweise gut untersucht sind, gibt es bislang nur wenige empirische Arbeiten zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Neben inhaltsanalytischen Zugängen empfehlen die Forscher eine Evaluation der Umsetzung der in der Studie adressierten Handlungsempfehlungen für den ORF.

 

Weitere Informationen

Publikation

Schulz-Tomančok, A.,& Seethaler, J. (2026). Nicht über uns, sondern mit uns!  Chancen und Herausforderungen in der Darstellung von Armutsbetroffenheit beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In: Communicatio Socialis, 59(2), S. 214–224, https://doi.org/10.5771/0010-3497-2026-2-214