05.02.2019

Stadt, Land, Innovation

Bei politischen und wirtschaftlichen Analysen vergleicht man oft Stadt und Land, gerade auch in Österreich mit der dominierenden Hauptstadt Wien. Doch sind „Stadt“ und „Land“ überhaupt so einheitlich, wie oft angenommen? Und entstehen Innovationen nur in den Städten? ÖAW-Regionalforscher Jakob Eder ist überzeugt: die Wirklichkeit ist komplexer.

Sind Kategorien wie „alte Industrieregion“ oder „abgelegene Agrarregion“ heute noch zutreffend oder handelt es sich vielmehr um ungenaue Verallgemeinerungen? Dieser Frage geht Jakob Eder am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), in seiner Dissertation nach. Seine ersten Ergebnisse zeigen: Nein, diese Kategorien greifen in der Regel zu kurz – auch in Österreich.

Auf dem Weg ins steirische Gesäuse stieß er auf ein großes Werksgelände und stellte sich die Frage, warum sich das Unternehmen ursprünglich ausgerechnet dort angesiedelt hatte und in einer globalisierten Wirtschaft auch aus der Peripherie heraus offensichtlich erfolgreich bestehen kann. So entstand die Idee seiner Dissertation, den ländlichen Raum differenzierter zu betrachten. Zwischenergebnisse hat er bereits als separate Fachartikel veröffentlicht, so auch den aktuellsten, der sich mit den regionalen Rahmenbedingungen für Innovation in Österreich beschäftigt.

 Armes Land, reiche Stadt?

„Der ländliche Raum ist alles andere als einheitlich“, sagt Eder. Für die Studie hat er die 95 Bezirke Österreichs anhand von 18 Indikatoren untersucht – darunter Bevölkerungsentwicklung, Erreichbarkeit, Pendlersaldo, Zahl der Beschäftigten in Großunternehmen sowie Wissensintensität. Eines seiner Ergebnisse: Bei schlechter Erreichbarkeit und wirtschaftlicher Stagnation, entwickelt sich meist auch die Demographie negativ, d.h. es kommt zu Abwanderung, Alterung und in der Folge zu einer schrumpfenden Bevölkerung.

Der ländliche Raum ist alles andere als einheitlich.

Zwar gäbe es – anders als etwa in Ostdeutschland – bis auf wenige Ausnahmen wie beispielsweise Eisenerz (Steiermark), kaum Ortschaften, in denen wegen starker Abwanderung Rückbaumaßnahmen diskutiert werden. In weiten Teilen Kärntens und der Steiermark, in Osttirol sowie im Norden des Wald- und Weinviertels summieren sich  dennoch seit vielen Jahren Abwanderung, wirtschaftliche Stagnation und geringe Wissensintensität. Aber: Auch eine Stadt wie Steyr kämpft mit ihrer demographischen und wirtschaftlichen Situation. Umgekehrt wiederum gibt es ländliche Regionen, die außerordentlich gut dastehen, zum Beispiel das Innviertel.

Risiko: Nur auf eine Branche setzen

„In Regionen, die sich sehr stark auf nur eine Branche stützen, besteht durchaus ein Risiko – wenn die dortigen Jobs aufgrund struktureller Veränderungen wie etwa der Globalisierung oder technologischer Innovation in anderen Regionen wegfallen“, sagt Eder und verweist etwa auf den Bergbau und den Energiesektor, aber auch auf Wintersportorte, die vom globalen Temperaturanstieg besonders betroffen sein könnten. Derzeit konzentrieren sich viele dieser Regionen nach wie vor sehr auf den Wintertourismus und schenken anderen innovativen Branchen vor Ort, die es durchaus gibt, wenig Beachtung. Eine diversifizierte regionale Wirtschaftsstruktur wäre aber sinnvoll, um eine Negativspirale zu vermeiden, so der Experte. 

Wie am Land Innovation entsteht

Für seine Studie unterschied der Regionalforscher daher neben geographischen, demographischen und ökonomischen Faktoren auch zwischen der analytischen und synthetischen Dimension von Innovation. Während die analytische Dimension auf Grundlagenforschung basiert, beruht die synthetische auf den internen Kompetenzen der Unternehmen, die oft durch Kundenwünsche und Spezialanfertigungen vorangetrieben werden. „Traditionell ist die synthetische Dimension in Österreichs Unternehmen stärker ausgeprägt. Durch die Globalisierung und zunehmende Konkurrenz wird nun aber auch zunehmend auf Forschung und Eigeninitiative gesetzt“, sagt Eder.

In Regionen, die sich sehr stark auf nur eine Branche stützen, besteht durchaus ein Risiko – wenn die dortigen Jobs aufgrund struktureller Veränderungen wie etwa der Globalisierung oder technologischer Innovation in anderen Regionen wegfallen.

Von der Politik wird oft das Zusammenspiel von Forschungseinrichtungen und Wirtschaft gefordert und gefördert, was aber nicht immer reibungslos funktioniert. Ein Positivbeispiel ist die Fachhochschule Hagenberg und der dazugehörige Softwarepark, eine halbe Autostunde von Linz entfernt. Diese haben dafür gesorgt, dass sich auch im eher strukturschwachen Mühlviertel eine Reihe von Softwarefirmen angesiedelt haben, die global erfolgreich sind. „Die bewusste Entscheidung, hinaus aus der Großstadt zu gehen und die Region Mühlviertel zu stärken, ist hier fürs Erste aufgegangen.“

Westachse und regionale Verwurzelung wichtig

Geographische Erreichbarkeiten spielten historisch immer eine wichtige Rolle, weshalb in Österreich noch heute die Westachse, entlang von Westbahn-Strecke und Westautobahn, eine wichtige Rolle einnimmt. Nicht zuletzt wegen der Nähe zu Deutschland, Österreichs größtem Absatzmarkt, haben sich entlang dieser Hauptverkehrswege im Lauf der Zeit viele Betriebe angesiedelt. Daher gibt es in dieser Region auch viele „Hidden Champions“: Meist kleinere und mittlere, aber hochinnovative Unternehmen, die in ihrem jeweiligen Spezialgebiet oft Weltmarktführer, aber in der Öffentlichkeit kaum bekannt sind.

Ein oft unterschätzter Faktor sind neben der demographischen, geographischen und wirtschaftlichen Situation auch die Vorlieben der Bevölkerung. Eine Stadt wie Innsbruck habe aufgrund ihrer Lage in den Bergen sowie ihrer Urbanität für viele eine hohe Attraktivität, darunter auch Studierende und Forscher/innen. Die Lebensqualität von ländlichen Regionen stellt für viele einen wichtigen Mehrwert dar, aber auch die regionale Verwurzelung ist entscheidend: „Einen gebürtigen Wiener wird man kaum aufs Land, fernab der Großstadt bekommen – und wenn, dann nur für kurze Zeit. Umgekehrt gibt es die Bereitschaft vieler ‚Landkinder‘, am Land zu bleiben oder dorthin zurückzukehren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – etwa ein Arbeitsplatz in einem innovativen Unternehmen.“

Wiens Sonderstellung

Überhaupt ist die Rolle Wiens in Österreichs Geographie aus historischen Gründen eine besondere. Anders als etwa in Deutschland sind hierzulande fast alle wichtigen Institutionen – Ministerien, Ämter, Behörden, Bundesgerichte, auch die meisten Kammern und Gewerkschaften –  in der Hauptstadt konzentriert, sogar die Bundesanstalt für Bergbauernfragen. In Deutschland hingegen sind diese öffentlichen Einrichtungen ausgewogener verteilt: So ist etwa die deutsche Börse in Frankfurt, das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und das Amt für Statistik in Wiesbaden.

Digitale Erreichbarkeit in Form von Breitbandanschlüssen wird zunehmend unverzichtbar.

Öffentliche Einrichtungen könnten den ländlichen Raum und Kleinstädte auch in Österreich wesentlich beleben, eine Verlagerung gilt aber als unwahrscheinlich, da bestehende Strukturen nur schwer zu verändern sind. Private Unternehmen sind hier flexibler, wenn sie die geeigneten Bedingungen vorfinden. Insbesondere an einer schnellen Internetverbindung mangelt es in vielen ländlichen Regionen Österreichs aber zum Beispiel noch. Dabei würde ein Ausbau der Breitbandnetze stark zur Belebung des ländlichen Raums beitragen. Auch dies ist eines der Erkenntnisse aus Eders Studie: „Eine schlechte geographische Erreichbarkeit mangels Autobahn ist zwar unbequem, aber verkraftbar. Digitale Erreichbarkeit in Form von Breitbandanschlüssen wird zunehmend unverzichtbar.“