Es war ein intellektueller Verlust unvergleichlichen Ausmaßes: Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland 1938 mussten 130.000 bis 150.000 Menschen aus rassischen und politischen Gründen ins Exil flüchten. „Mit dieser Vertreibungswelle wurde auch die Wissenschafts- und Wissenskultur zerstört. Und zurück kehrten nur die wenigsten“, stellte Johannes Feichtinger, Historiker am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und korrespondierendes ÖAW-Mitglied, bei der internationalen ÖAW-Konferenz „Exiles, Returnees and their Impact in the Humanities and Social Sciences in Austria and Central Europe“ fest. Jüngsten Berechnungen zufolge waren es nicht mehr als rund 8.000 Wissenschaftler/innen und Künstler/innen, die nach 1945 den Weg zurück in die Heimat antraten. Nur jeder fünfte Akademiker, der ab 1938 emigrieren musste, war nach 1945 wieder in Österreich tätig, wie Feichtinger ausführte.
Verschlossene Tore
Dabei erwies sich die Rückkehr nicht nur in organisatorischer Hinsicht als schwierig, sondern auch in politischer: „Wir wissen von den Schwierigkeiten jener, die zur Rückkehr bereit waren, von ihren Problemen dabei, den angemessenen Platz, ihre Stellung und ihren Besitz zurückzuerlangen“, sagte Waldemar Zacharasiewicz, Organisator der Konferenz und Obmann der veranstaltenden ÖAW-Kommission The North Atlantic Triangle: Social and cultural exchange between Europe, the USA and Canada.
Aus Angst vor einer massiven Rückwanderungswelle der Exilanten und einer Bedrohung der eigenen Position verschlossen die Entscheidungsträger im Land den Heimkehrern nach dem Krieg die Tore. Anstatt die zur Rückkehr entschlossene Intelligenz mit offenen Armen zu empfangen, blieben etwa Lehrstühle im Zuge einer halbherzigen Entnazifizierung weiterhin mit Professoren besetzt, die ihre Positionen schon in der NS-Zeit innegehabt hatten. „Die Jahre des Wiederaufbaus waren, zumindest was die Universitäten betrifft, keine Jahre des intellektuellen Aufbruchs“, sagte Feichtinger unter Verweis auf die in der Forschung aufgebrachte „Selbstprovinzialisierung“ Österreichs. Auch von wissenschaftlich motivierten Rückholaktionen für renommierte österreichische Wissenschaftler/innen, die im Ausland Karriere gemacht hatten, konnte keine Rede sein. Darüber hinaus spielte die Tatsache, dass Professoren – dem geltenden Recht entsprechend – bei ihrer Ernennung die österreichische Staatsbürgerschaft erhielten, eine Rolle: Exilanten, die inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten hatten, zögerten angesichts der unsicheren Weltlage, diese gegen die Staatsbürgerschaft eines am Eisernen Vorhang gelegenen Landes zu tauschen und in unzureichend ausgestattete Universitätsinstitute einzutreten.
Großer Einfluss
Unbequeme Wahrheiten wie diese konnten Exilforschung und Remigrationsforschung in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt aufzeigen. In vielen biografischen wie historischen Details finden sich aber noch zahlreiche offene Punkte. Im Bestreben, diese umfassend zu beleuchten, wurden bei der ÖAW-Konferenz „Exiles, Returnees and their Impact in the Humanities and Social Sciences in Austria and Central Europe“ rund 30 Fallbeispiele aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Bereichen vorgestellt und debattiert. Die Beschäftigung mit namhaften Persönlichkeiten aus Geschichte, Soziologie, Journalismus, Literatur, Politik, Kunst, Musik, Politologie und Wirtschaftswissenschaften verdeutlichte nicht nur die vielfältigen Hürden bei Exil und Rückkehr, mit denen sich die vertriebenen Intellektuellen konfrontiert sahen, sondern zeigte auch, dass die Rückkehrer, obwohl zahlenmäßig gering, häufig maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Landes nahmen.
So förderten beispielsweise die drei Wirtschaftsexperten Stefan Wirlandner, Philipp Rieger und Theodor Prager von sozialpartnerschaftlichen Schaltstellen aus speziell in den 1960er Jahren die Verbreitung neuer wirtschaftswissenschaftlicher und forschungspolitischer Konzepte und forcierten damit die Modernisierung des Wirtschafts- und Wissenschaftssystems. Forscher/innen wie Kurt Rudolf Fischer unterstützten indes die Entwicklung der Wissenschaften, indem sie ihre etablierten Kontakte zu ausländischen Universitäten gezielt nutzten oder sich nach ihrer - zum Teil vorübergehenden - Rückkehr nach Österreich in den universitären Lehrbetrieb einbrachten und jungen Wissenschaftlern internationale Perspektiven eröffneten. Und heimgekehrte Künstler wie Karl Farkas integrierten ihre Erfahrungen und Ideen aus dem Exil in ihre Arbeiten und prägten damit die Entwicklung des gesamten Kulturbetriebs.
Auf dem Weg zur Würdigung
Zweifellos bedarf es noch weiterer detaillierter Forschungsarbeiten, um die Vielfalt der Leistungen der vertriebenen Intellektuellen sowohl im Exil als auch in Österreich angemessen würdigen zu können. Die Zusammenführung zahlreicher Expert/inn/en aus dem In- und Ausland und der breite Wissensaustausch bei der ÖAW-Konferenz ist dabei einer von vielen weiteren erforderlichen Schritten auf dem Weg zu diesem Ziel.
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