03.05.2019

Österreichisch-tschechische Geschichte neu betrachtet

Ein neuer Sammelband, herausgegeben von ÖAW-Historiker/innen, widmet sich der österreichisch-tschechischen Geschichte aus gemeinsamer Perspektive. Trotz aller Unterschiede gab es viele Gemeinsamkeiten - von der Politik bis hin zur Popkultur.

„Österreicher und Tschechen lebten lange Zeit eher nur nebeneinander als wirklich miteinander“, sagte Václav Havel in einer aufsehenerregenden Rede an der Universität Wien im Jahr 1993. Ein Missstand, der bis heute besteht und dem die Historiker/innen Hildegard Schmoller und Niklas Perzi von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit ihrem neuen Band zur gemeinsamen Geschichte entgegentreten möchten.

„Nachbarn. Ein österreich-tschechisches Geschichtsbuch“ ist soeben erschienen und behandelt in 12 Beiträgen österreichischer und tschechischer Historiker/innen das Verhältnis der beiden Nachbarländer, vom Mittelalter über insbesondere das 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Band wurde am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der ÖAW zusammengestellt und durch Drittmittel finanziert. Auch das Masaryk-Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften ist am Buch beteiligt.

Schwieriges Verhältnis, gemeinsame Geschichte  

Seine Besonderheit liegt darin, dass jedes Kapitel von einem jeweils eigenen österreichisch-tschechischen Historikerteam verfasst wurde, also immer beide Länderperspektiven vereint. „Natürlich gab es da und dort Unterschiede in der Akzentuierung der Kapitel, auch in der Herangehensweise. Aber das war ja auch der Sinn der Sache“, sagt ÖAW-Historikerin Schmoller, eine von vier Herausgeber/innen.

"Es sollte keine Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Ländergeschichten sein, sondern eine Geschichtsschreibung zweier eng verflochtener, in vielerlei Hinsicht vergleichbarer Staaten."

„Die Idee kam eigentlich aus der Zivilgesellschaft und wurde 2009 von den Außenministern beider Länder aufgegriffen“, sagt Co-Herausgeber Niklas Perzi. „Es sollte keine Gegenüberstellung von zwei verschiedenen Ländergeschichten sein, sondern eine Geschichtsschreibung zweier eng verflochtener, in vielerlei Hinsicht vergleichbarer Staaten.“

So seien sowohl die Tschechoslowakei wie auch Österreich zwei mittelgroße, lange in der Monarchie vereinte Länder gewesen, die erst ab 1918 als eigene Staaten entstanden sind. Die Entwicklung zwischen den Kriegen verlief weitgehend parallel, das änderte sich jedoch durch den „Anschluss“ Österreichs im März 1938 und die Besetzung des tschechischen Teils der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich im März des Folgejahres. Danach wurden die Tschechen wie Bürger zweiter Klasse behandelt, ein halbes Jahr später begann der Krieg.

Beneš-Dekrete, Temelín, Aussöhnung

Ein bis heute schwieriges und ausführlich im Buch behandeltes Thema ist die „Entdeutschung“ nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs infolge der „Beneš-Dekrete“. So wurden zwischen 1945 und 1947 rund drei Millionen sogenannte Sudetendeutsche aus Böhmen und Mähren vertrieben. Die meisten gingen nach Deutschland, eine Viertelmillion nach Ober- und Niederösterreich. Insbesondere der oberösterreichische Zentralraum bot in den Nachkriegsjahren viele Arbeitsplätze in der Industrie, weswegen sich viele Menschen dauerhaft dort niederließen.

„Die ersten demokratischen Wahlen nach Kriegsende waren schließlich richtungsweisend: In Österreich wählten nur fünf Prozent die Kommunistische Partei, in der Tschechoslowakei rund 40. Damit zeichnete sich ab, dass sich Österreich nach Westen orientiert, die Tschechoslowakei nach der Sowjetunion“, sagt Perzi. Die beiden Länder wurden durch den Eisernen Vorhang getrennt, der die marktwirtschaftlich orientierten demokratischen Staaten im Westen von den realsozialistischen Diktaturen des Warschauer Pakts („Ostblock“) trennte.

"Die damalige Flüchtlingswelle nach Österreich und die Hilfsbereitschaft der hiesigen Bevölkerung sind im kollektiven Gedächtnis beider Länder bis heute verankert."

Zu einer kurzen, insbesondere kulturell-intellektuellen Annäherung kam es im Prager Frühling (1968), jener Bewegung von oben wie unten, die den real existierenden in einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ umbauen und nach Westen hin öffnen wollte. Dieser wurde jedoch durch Truppen des Warschauer Pakts niedergeschlagen, und der Eiserne Vorhang verfestigte sich in der „Normalisierung“ der 1970er Jahre. „Die damalige Flüchtlingswelle nach Österreich und die Hilfsbereitschaft der hiesigen Bevölkerung sind im kollektiven Gedächtnis beider Länder bis heute verankert“, sagt Schmoller.

Nach der „Samtenen Revolution“ und der Grenzöffnung  gab es wieder große Hoffnungen für die gemeinsamen Beziehungen, die aber in den Jahren darauf enttäuscht werden sollten. Das Thema der Enteignungen und Entschädigungen für die vertriebenen Sudetendeutschen sowie das Atomkraftwerk Temelín nahe der oberösterreichischen Grenze trübten das nachbarschaftliche Verhältnis. „In beiden Fragen gab es unterschiedliche Interpretationen, die eine Seite verstand die andere nicht“, verdeutlicht Schmoller.

Grenzüberschreitende Initiativen

Durch die deutsch-tschechische Aussöhnung, den EU-Beitritt Tschechiens und einige Initiativen engagierter Politiker/innen haben diese Themen aber etwas an Sprengkraft verloren. Auch grenzüberschreitende Kulturprojekte wie die niederösterreichische Landesausstellung 2009 mit einem Standort in Telč trugen dazu bei. Solche Projekte seien höchst relevant, denn neben der mitunter schwierigen Geschichte sei auch die Sprachbarriere als trennender Faktor nicht zu unterschätzen, so Schmoller.

Bei allen Unterschieden gab und gibt es auch viele Parallelen, wie die Historikerteams im Buch herausgearbeitet haben: So verfolgten sowohl der österreichische Kanzler Bruno Kreisky wie auch Gustáv Husák, Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, in den 1970er Jahren eine moderne integrative Sozialpolitik, die durch das starke Wirtschaftswachstum in beiden Staaten ermöglicht wurde. Damit wurde die jeweilige Politik stabilisiert, während gleichzeitig die vorherrschenden Ideologien an Bedeutung verloren. In der Tschechoslowakei hatte der Marxismus-Leninismus als „politische Religion“ ausgedient, und in Österreich verlor die austromarxistische Tradition der regierenden SPÖ an Bedeutung.

Auch in der Popkultur gab es gemeinsame Entwicklungen. „Durch das Fernsehen verbreiteten sich kulturelle Codes von den Metropolen bis hinaus ins letzte Dorf, es drang tief in die Lebenswelten ein, brach alte Strukturen auf und schuf neue, bis hin zu den Tagesrhythmen“, schreiben Niklas Perzi und Václav Šmidrkal im Buch. Im ORF übertragene Sporterfolge, Serien wie „Mundl“ und „Kottan ermittelt“ sowie Ö3 und Austropop prägten die neue österreichische Identität ganz entschieden mit und brachten eine kritisch-ironische Auseinandersetzung mit gelebter Alltagskultur und Tradition. In der Tschechoslowakei wiederum boten sozialkritische Filme und Serien über die Freuden und Sorgen des kommunistischen Alltags, aber auch subversive Undergroundbands („DG 307“, „Aktual“, „The Plastic People of the Universe“ etc.) einen Gegenpunkt zur staatlichen Doktrin und zu verkrusteten Strukturen.

Beiderseitiger Blickwinkel hat sich ausgezahlt

Auch bei der Annäherung an die EU und der Öffnung der damaligen Tschechoslowakei für die Marktwirtschaft gab es nicht wenige Parallelen zur österreichischen Geschichte, die der Band detailliert ausführt. Dem „Leben an und mit der Grenze“ widmen sich zudem eigene Kapitel – von geglückten und gescheiterten Fluchtversuchen zu Zeiten des Eisernen Vorhangs bis hin zur Grenzöffnung Ende 1989, die Bewohner/innen beider Länder lange herbeigesehnt hatten.

"Es war hier nicht das Ziel, eine gemeinsame Auslegung zu finden, sondern die verschiedenen Sichtweisen auf Ereignisse darzulegen und so einen Beitrag zu leisten, das Gegenüber besser zu verstehen."

Bei den im Buch behandelten Themen blieb die eine oder andere Debatte nicht aus. „Es war hier nicht das Ziel, eine gemeinsame Auslegung zu finden, sondern die verschiedenen Sichtweisen auf Ereignisse darzulegen und so einen Beitrag zu leisten, das Gegenüber besser zu verstehen. Diese Themen brauchen ihre Zeit“, so die Historikerin – denn die Geschichtswissenschaft ist in Tschechien ja erst seit Anfang der 1990er unabhängig.

Trotzdem und gerade deshalb sei es in höchstem Maße wertvoll, die gemeinsame Geschichte aus beiderseitigem Blickwinkel zu erforschen. Die jahrelange Zusammenarbeit von Historiker/innen beider Länder hat sich jedenfalls ausgezahlt: Das Ergebnis kann man im „österreichisch-tschechischen Geschichtsbuch“ nachlesen.