18.05.2021

Österreich bei ­Doppel ­staatsbürgerschaft Schlusslicht

Weltweit sind es nur noch 19 Prozent aller Staaten, die keine doppelte Staatsbürgerschaft anerkennen, Österreich ist einer davon. Welche Rolle der Zugang zur Staatsbürgerschaft – aber auch die gleichberechtigte Teilhabe an gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Kunst und Kultur – für die Integration von Migrant/innen und Geflüchteten spielen, untersuchen zwei neue Bücher im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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Österreich ist seit 1945 immer wieder ein Aufnahmeland für Flüchtlinge gewesen. Doch erst die sogenannte Flüchtlingskrise des Jahres 2015 hat Migration, Flucht und Asyl zu Themen gemacht, die die öffentliche Debatte bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie massiv geprägt haben. Nach welchen Kriterien Staaten Schutzsuchende aufnehmen und welche Bedingungen es für gelingende Integration braucht, untersuchen nun zwei im Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) neu erschienene Bücher: Das Jahrbuch Migrationsforschung "Flucht und Asyl – internationale und österreichische Perspektiven" und der englischsprachige Band „Dual Citizenship and Naturalisation: Global, Comparative and Austrian Perspectives“.

Anhand einer Fülle an empirischem Material präsentieren Migrationsexpert/innen in den beiden Sammelbänden globale Forschungsergebnisse und zahlreiche Länderstudien zur Integration von Geflüchteten in Arbeitsmarkt und Gesellschaft. Dabei beleuchten Sie auch, welche Rolle der Zugang zur Staatsbürgerschaft für die gesellschaftliche Teilhabe spielt.

Globaler Trend zur Akzeptanz von Doppelstaatsbürgerschaft

Gründe dafür, warum das österreichische Staatsbürgerschaftsrecht weltweit zu den restriktivsten gehört, werden im Band zu Doppelstaatsbürgerschaft diskutiert. In der bislang gründlichsten Analyse des – global gesehen – österreichischen „Sonderfalls“ untersuchen die Forscher/innen die Größe des ungenutzten Einbürgerungspotenzials ebenso wie die Wünsche von Auslandsösterreicher/innen nach einer doppelten Staatsbürgerschaft oder den gescheiterten Versuch, Südtiroler/innen die österreichische Staatsbürgerschaft anzubieten.

„Weltweit sind es nur mehr 19 Prozent aller Staaten, die wir untersucht haben, in denen Doppelstaatsbürgerschaft nicht geduldet wird. Österreich gehört zu dieser kleinen, schrumpfenden Minderheit“, sagt Mitherausgeber Rainer Bauböck, korrespondierendes Mitglied der ÖAW und Obmann der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW. Doch: Migrant/innen sind immer zugleich Auswanderer und Einwanderer. Der Wunsch nach Doppelstaatsbürgerschaft sei daher ein angemessener Ausdruck dieser mehrfachen Bindungen, so Bauböck.

Die Forschung ist sich einig, dass Staatsbürgerschaft und Integration zusammenhängen: „Es gibt zahlreiche sozialwissenschaftliche Untersuchungen, die belegen, dass der Zugang zur Staatsbürgerschaft als Katalysator für Integration wirkt“, sagt der Migrationsforscher. Denn: Der österreichische Pass vermittelt nicht nur ein Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit, er bringt auch bessere Chancen am Arbeitsmarkt und Zugang zu demokratischer Teilhabe, wie die Möglichkeit zu wählen.

Differenzierte Auseinandersetzung mit Flucht und Asyl

Der Band „Flucht und Asyl“ will vor allem zu einer Versachlichung der emotional aufgeladenen Debatten zu diesen Themen beitragen. Auch das umstrittene Thema Arbeitsmarktintegration bedarf aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Studien einer differenzierten Auseinandersetzung. Denn: Eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt kann sogar hinderlich sein, wenn sie der Ausbildung der Geflüchteten nicht entspricht. „Das ist nicht nur aus wirtschaftlicher Perspektive, sondern auch für die betroffenen Menschen selbst langfristig gesehen kontraproduktiv“, sagt Mitherausgeberin Wiebke Sievers vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW.

„Ankommen bedeutet nicht nur, eine Arbeit zu finden. Es bedeutet auch, als gleichwertiger Mensch anerkannt zu werden“, so die ÖAW-Migrationsforscherin weiter. Dazu können etwa auch Kunst und Kultur einen Beitrag leisten. Allerdings: Auch die Kunst ist nicht vor Ausgrenzung gefeit. Sievers: „Geflüchtete Künstler/innen werden oft mehr als Flüchtlinge denn als Künstler/innen wahrgenommen, was nicht nur die Anerkennung ihrer Werke als Kunst hemmt, sondern ihre Kunst nicht als Beitrag zu einer gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung wahrnimmt.“

 

Publikationen:

"Flucht und Asyl - internationale und österreichische Perspektiven", Wiebke Sievers, Rainer Bauböck, Christoph Reinprecht (Hg.), Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2021

"Dual Citizenship and Naturalisation: Global, Comparative and Austrian Perspectives", Wiebke Sievers, Rainer Bauböck, Max Haller (Hg.), Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2021

 


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