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BevölkerungsentwicklungDemographie & Wirtschaft

Niedrige Geburtenrate: Was Österreich jetzt tun muss

Die Geburtenrate in Österreich ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Gleichzeitig werden die Menschen älter und sind länger in Pension. Die Bevölkerungsökonomin Alexia Fürnkranz-Prskawetz von der ÖAW erklärt, welchen Aufgaben sich Politik und Gesellschaft nun dringend stellen sollten.

07.07.2026
© AdobeStock

Mit einer Fertilitätsrate von rund 1,3 Kindern pro Frau zählt Österreich zu den Ländern mit den niedrigsten Geburtenraten Europas. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung kontinuierlich. Diese Entwicklung verändert Arbeitsmarkt, Sozialsysteme wie Pflege, Gesundheit und Pension, sowie die Wirtschaft grundlegend. Die Bevölkerungsökonomin Alexia Fürnkranz-Prskawetz, die am Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht und Mitglied der ÖAW ist, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den ökonomischen Folgen des demographischen Wandels. Für ihre bahnbrechenden Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet wurde sie kürzlich mit dem renommierten EAPS Award for Population Studies ausgezeichnet. 

Im Gespräch erklärt sie, warum die Demographie nicht die Ursache der aktuellen Probleme ist, weshalb Österreich von Skandinavien lernen könnte und warum Bildung, qualifizierte Migration und der richtige Einsatz von Künstlicher Intelligenz wichtiger sind als Alarmismus.

Überraschend ist, dass die Fertilitätsrate zuletzt noch einmal deutlich gesunken ist.

Wie hat sich die Geburtenrate in Österreich in den letzten Jahren entwickelt?

Alexia Fürnkranz-Prskawetz: Die derzeitige Fertilitätsrate von rund 1,3 Kindern pro Frau gehört zu den niedrigsten Werten, die wir bisher beobachtet haben. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass der langfristige Trend keineswegs neu ist. Seit dem Ende des Babybooms in den 1960er-Jahren liegt die Fertilitätsrate in vielen europäischen Ländern unter dem sogenannten Bestandserhaltungsniveau von etwa 2,1 Kindern pro Frau. Überraschend ist weniger der langfristige Rückgang als vielmehr, dass die Fertilitätsrate zuletzt noch einmal deutlich gesunken ist. Das beobachten wir nicht nur in Österreich, sondern auch in Ländern wie Schweden oder Finnland, die lange vergleichsweise hohe Geburtenraten hatten.

Pensionssystem unter Druck

Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Fürnkranz-Prskawetz: Die Auswirkungen reichen weit über das Pensionssystem hinaus. Wir haben künftig weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter und gleichzeitig mehr ältere Menschen, die länger leben. Das verändert die gesamte Altersstruktur der Bevölkerung. Die Demographie allein ist aber nicht das Problem. Wir kennen diese Entwicklungen seit Jahrzehnten. Das eigentliche Versäumnis ist, dass viele gesellschaftliche Systeme – insbesondere das Pensionssystem – noch immer auf den Voraussetzungen der 1950er- und 1960er-Jahre beruhen.

Was müsste sich beim Pensionssystem ändern?

Fürnkranz-Prskawetz: Andere Länder haben ihre Systeme stärker an die demographische Entwicklung angepasst. In Dänemark oder Schweden orientiert sich das Pensionsantrittsalter beispielsweise automatisch an der steigenden Lebenserwartung. Gleichzeitig setzen diese Länder stärker auf mehrere Säulen der Altersvorsorge. Österreich finanziert Pensionen überwiegend über das Umlageverfahren. Dieses funktioniert grundsätzlich gut, muss aber an die veränderte Altersstruktur angepasst werden, wenn es langfristig tragfähig bleiben soll.

Wir verfügen über große ungenutzte Potenziale am Arbeitsmarkt.

Aber müsste sich nicht auch der Arbeitsmarkt ändern und seine Bereitschaft, ältere Menschen zu beschäftigen?

Fürnkranz-Prskawetz: Absolut. Wir verfügen über große ungenutzte Potenziale am Arbeitsmarkt. Dazu gehören ältere Arbeitnehmer:innen, Frauen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Arbeitslose. Gerade ältere Beschäftigte werden häufig zu wenig unterstützt. Weiterbildung, Gesundheitsförderung und eine moderne Personalpolitik müssen viel früher ansetzen und Beschäftigte während ihres gesamten Erwerbslebens begleiten.

KI und Migration

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz in einer alternden Gesellschaft?

Fürnkranz-Prskawetz: KI wird den Arbeitskräftemangel nicht lösen, sie kann aber helfen, produktiver zu arbeiten. Wichtig ist, dass sie vor allem einzelne Aufgaben verändert und nicht ganze Berufe ersetzt. Deshalb müssen wir Bildung und Weiterbildung neu denken. Menschen werden künftig andere Kompetenzen brauchen. Wer früh lernt, mit KI sinnvoll umzugehen, wird von dieser Entwicklung profitieren.

Migration wird ein wichtiger Teil der Lösung bleiben.

Viele junge Menschen blicken derzeit unsicher in die Zukunft. Hat das auch Einfluss auf die Geburtenentwicklung?

Fürnkranz-Prskawetz: Unsicherheit spielt sicherlich eine Rolle. Hohe Wohnkosten, befristete Arbeitsverträge und wirtschaftliche Unsicherheit erschweren langfristige Entscheidungen. Viele junge Erwachsene erleben eine Phase, in der Ausbildung, Berufseinstieg, Familiengründung und Wohnungssuche gleichzeitig bewältigt werden müssen. Mehr Planungssicherheit würde viele Lebensentscheidungen erleichtern.

Kann Migration den demographischen Wandel ausgleichen?

Fürnkranz-Prskawetz: Migration wird ein wichtiger Teil der Lösung bleiben. Schon heute fehlen Arbeitskräfte in Bereichen wie Pflege, Gesundheit oder Tourismus. Gleichzeitig haben sich die Migrationsbewegungen verändert. Während früher vor allem Arbeitsmigration im Vordergrund stand, sind die heutigen Zuwanderungsströme vielfältiger. Deshalb müssen Integration und Qualifizierung stärker auf unterschiedliche Ausgangssituationen abgestimmt werden.

Ausblick in die Zukunft

Wie optimistisch blicken Sie auf die kommenden Jahrzehnte?

Fürnkranz-Prskawetz: Ich halte wenig von Alarmismus. Die demographische Entwicklung war seit Jahrzehnten absehbar. Das eigentliche Problem ist, dass notwendige Reformen lange aufgeschoben wurden. Ich vergleiche das oft mit dem Klimawandel: Auch dort befinden wir uns längst in einer Phase der Anpassung. Jetzt kommt es darauf an, unsere Systeme rasch zu modernisieren. Wenn wir in Bildung, Innovation und Produktivität investieren sowie unsere Institutionen an die veränderte Demographie anpassen, können wir den demographischen Wandel gut bewältigen. Wir dürfen aber nicht nur Löcher stopfen (wachsende Staatsschulden auf Kosten zukünftiger Generationen) – und dann in wichtigen Bereichen wie Bildung und Wissenschaft sparen.

 

 

Weitere Informationen

Alexia Fürnkranz-Prskawetz ist Professorin für Mathematische Ökonomie an der Technischen Universität Wien, frühere Direktorin des Instituts für Demographie der ÖAW und wirkliches Mitglied der ÖAW. Sie forscht zu den ökonomischen Auswirkungen des demographischen Wandels und der individuellen Alterung, zu langfristigem Wirtschaftswachstum, agentenbasierten Modellen sowie zur Umweltökonomie. 

Profil von Alexia Fürnkranz-Prskawetz am Institut für Demographie der ÖAW

 

Alexia Fürnkranz-Prskawetz