03.08.2020

Neues Licht auf verborgene Inschriften

Nina Mirnigs Forschungsobjekte sind in Stein gemeißelt. Die ÖAW-Indologin dokumentiert und untersucht Inschriften, die Einsichten über das frühe Mittelalter in Nepal geben.

ÖAW-Forscherin Nina Mirnig zwischen Bambuspflanzen
Nina Mirnig ist nicht nur im Archiv sondern auch auf Feldforschung in Nepal anzutreffen. (c) ÖAW/Klaus Pichler

Zusammengesetzt, geschmückt, gebildet. So lautet die wörtliche Übersetzung von Sanskrit. Es ist die älteste Sprache, die im Kathmandu­Tal auf Inschrif­ten vorkommt. Nina Mirnig befasst sich mit der Zeit, in der die Sanskritkultur in Nepal zum ersten Mal sichtbar geworden ist. Die kunstvoll verzierten und aufwändig geschmückten Steininschriften reichen bis in das 3. Jahrhundert n. u. Z. zurück – und sind nicht immer leicht zu entziffern. Dieser kniffligen Aufgabe widmet sich Mirnig.

Seit 2019 hat sie als Post­Doc eine Elise­Richter­Stelle inne und leitet am Institut für Kultur­ und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein Forschungsprojekt zur religiösen, kultu­rellen und politischen Landschaft Nepals im frühen Mittelalter, genauer gesagt im Kathmandu-­Tal.

Noch heute berufen sich Religionsformen wie der Shivaismus auf jahrhundertealte Sanskrittexte

Warum und für wen diese Inschriften damals angefertigt wurden, hänge vom jeweiligen Kontext ab, erzählt die Indologin. Könige erließen auf Stein gemeißelte Edikte. Praktische Angelegen­heiten des Zusammenlebens, wie die Dokumentation von Steuern oder Spenden, wurden festgehalten. Eine große Anzahl der Inschriften war aber den Göttern und Göttinnen gewidmet, sagt Mirnig. „Was im rituellen Leben passiert, geht auf frühe Sanskrit­werke zurück, die schon lange Gültigkeit besitzen.“

MYTHEN UND RITUELLE PRAKTIKEN

Noch heute berufen sich Religionsformen wie der Shivaismus auf jahrhundertealte Sanskrit­texte, sie gelten als heilige Quellen der Mythen über Götter, von deren Verehrung schon die alten Steininschriften berichten. „Während im Westen alte Inschriften oft ins Museum wandern, ist das Besondere im Kath­mandu­-Tal, dass viele Inschriften auch mitten im Stadtgebiet noch in situ zu finden sind, wo einst alte Siedlungsgebiete und heilige Stätten waren“, so die Forscherin. Der Grund: Die Inschriften haben eine Bedeutung für bestimmte Plätze und lokale Gemein­schaften. Zu verstehen, weshalb etwas wo steht, das ist es auch, was Mirnig besonders interessiert. „Die Lokalität und Materialität der Objekte wirft neues Licht auf die Inhalte“, sagt sie.

Mit ihrer Arbeit nach dem Erdbeben 2015 hat Mirnig dazu beigetragen, das zerstörte Weltkulturerbe in Nepal wieder aufzubauen.

Indessen besteht aber auch die Gefahr, dass Inschriften in ihrer ursprünglichen Position verloren gehen, wie etwa beim verheerenden Gorkha­-Erdbe­ben 2015 in Nepal. Mit ihrer Arbeit nach der Katas­trophe hat Mirnig dazu beigetragen, das zerstörte Weltkulturerbe wieder aufzubauen. In Zusammenar­beit mit den National Archives und dem Department of Archaeology in Kathmandu rettete sie vor Ort die teilweise überfluteten Inschriften und reinigte sie von Algen.

NACH DEM ERDBEBEN

Besonders beschädigt wurde damals auch das Kasthamandap-­Gebäude. Ein wichtiges Bau­werk, von dem der Lokalbevölkerung zufolge der Name „Kathmandu“ abgeleitet wurde und das schon in alten Palmblattmanuskripten vorkommt. Es war das älteste Holzgebäude der Stadt, diente einst als Rasthaus an der Handelsstraße nach Tibet und hatte schon viele Erdbeben überlebt.

Bei ihren Dokumentationsarbeiten stieß Mirnig auf eine Inschrift aus dem 8. Jahrhundert, die noch nicht übersetzt wurde. Ein Fund, der neue Einsich­ten in bisher unbekannte Militärallianzen Nepals lieferte.

Wie später bekannt wurde, stürzte es nicht aufgrund der tra­ditionellen Bauweise ein, sondern weil bei späteren Restaurationsarbeiten eine der vier Holzsäulen nicht mehr richtig ins Fundament eingesetzt wurde. Zudem fanden ihre Kolleg/innen heraus, dass der Bau nicht wie bisher angenommen im 11. Jahr­hundert, sondern bereits im 7. oder 8. Jahrhundert begonnen wurde. Die von Mirnig vor Ort dokumen­tierten Steininschriften aus dieser Periode, die von der Existenz einer wichtigen Siedlung sprechen, liefern einen wesentlichen Beitrag zur historischen Kontextualisierung dieser neuen Funde.

SCHWIERIGE ENTZIFFERUNG

Im Zuge ihrer Dokumentationsarbeiten stieß die Indologin auch auf eine größere Inschrift aus dem 8. Jahrhundert, die noch nicht übersetzt wurde. Ein besonders aufregender Fund also, der neue Einsich­ten in bisher unbekannte Militärallianzen Nepals lieferte. Bei der Entschlüsselung und Kontextualisie­rung der Inschrift können auch Palmblatthandschrif­ten den einen oder anderen Hinweis liefern. Diese würden über religiöse, kulturelle und politische Entwicklungen berichten, die zur Zeit der Inschrif­ten stattgefunden haben, erzählt die Forscherin. Dass diese Manuskripte auf Palmblättern erhalten geblieben sind, ist dem kühlen und trockenen Klima Nepals zu verdanken.

Manchmal hilft es aber auch, raus ins Grü­ne zu gehen. Viel Wichtiges ist ihr beim Spazieren­gehen eingefallen. Deshalb hat sie auch immer Stift und Notizblock dabei. Von großem Wert ist ihr dabei der Austausch mit ihren „hochqualifizierten Kolleg/innen sowie die großartige Unterstützung, die man an der ÖAW für Initiativen und Workshops bekommt“, sagt sie. Denn: „Als Philologin muss man aufpassen, dass man nicht immer isoliert an einem Text alleine vor sich hinarbeitet, sondern im Diskurs neue Perspektiven findet.“ 

 

AUF EINEN BLICK

Nina Mirnigist Indologin am Institut für Kultur­ und Geistesgeschichte Asiens der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Weitere Porträts von Forscher/innen sind im neuen Jahresbericht der ÖAW zu finden.

 


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