08.06.2021

Neue Online-Edition: Karl Kraus und die Fake-News der Nationalsozialisten

Der österreichische Publizist Karl Kraus hat in seinem Text „Dritte Walpurgisnacht“ von 1933 scharfsichtig die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland beschrieben. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften hat nun für eine digitale Neuedition die Zeitungsartikel und literarischen Werke zusammengestellt, die in Kraus’ Text eingeflossen sind.

© Charlotte Joel/ÖNB

Der österreichische Schriftsteller, Publizist und Satiriker Karl Kraus (1874–1936) war seiner Zeit voraus. Er analysierte, wie die Medien unseren Blick auf die Welt formen. „Ein sehr heutiger Ansatz“, sagt die Philologin Konstanze Fliedl, Leiterin des Projekts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW): „Karl Kraus zeigt, wie die Wirklichkeit von den Medien verzerrt wird. Wie Fake News geschaffen werden, um die politische Landschaft zu bestimmen.“

Die „Dritte Walpurgisnacht“ wurde zwischen Anfang Mai und Ende September 1933 niedergeschrieben. „Kraus schildert darin die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland 1933“, erklärt Fliedl. „Als vehementer Anti-Nationalsozialist hat er die aktuellen Nachrichten aus deutschen und österreichischen Zeitungen verfolgt, und wie diese die Propaganda der Nazis fortsetzen oder ablehnen. Der Text gilt als eine der scharfsichtigsten zeitgenössischen Analysen des ‚Umsturzes‘ im Nachbarland.“

Zu Lebzeiten nicht erschienen

Die „Dritte Walpurgisnacht“ ist zu Lebzeiten des Autors nie erschienen und wurde erst posthum veröffentlicht. Im Herbst 1933 war das Manuskript bereits vollständig: „Ein Großteil des Buches war bereits gedruckt und – mindestens einmal – korrigiert worden. Kraus hatte zuletzt an einem ca. 270-seitigen Fahnenabzug gearbeitet und ihn mit vielen handschriftlichen und maschinenschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen versehen, als er sich schließlich gegen eine Publikation entschied“, so Fliedl. „Zahlreiche Stellen daraus hat er im Jahr darauf in seine Zeitschrift ‚Die Fackel‘ aufgenommen.“

Nach Kraus’ Tod 1936 wurde das Fahnenkonvolut durch seinen Anwalt Oskar Samek vor den Nationalsozialisten gerettet, über die Schweiz und New York kam es an die National Library of Israel. Teile des Textes sind in diesem Konvolut aber nicht enthalten, etwa Kraus’ vorab angefertigte Notizen, die vorangestellten Motti und ein Ergänzungsblatt. Diese befinden sich in der Wienbibliothek im Rathaus und im Brenner-Archiv in Innsbruck.

Online-Edition mit Ergänzungen, Personen- und Textregister

Auf der Grundlage der „Fahnenfassung“ wurde nun am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW eine Edition erstellt, die sämtliche einzufügenden Textteile, Korrekturen und Ergänzungen berücksichtigt und ein Personen- und Textregister enthält.

Diese erste Publikationsstufe ist soeben unter https://kraus1933.ace.oeaw.ac.at/ online gegangen. „Der Text beinhaltet, der Arbeitsweise von Karl Kraus entsprechend, fast 2.000 Zitate, Anspielungen auf und Paraphrasen von literarischen und journalistischen Texten; darüber hinaus Nennungen von und Anspielungen auf rund 400 historische Personen“, so Fliedl. „Zu diesen wurden bibliographische sowie biographische Daten ermittelt, zu den zitierten Zeitungstexten Digitalisate recherchiert und teils selbst erstellt.“

In der neu edierten Fassung der „Dritten Walpurgisnacht“ werden die zitierten Texte, etwa Zeitungsartikel, angeführt und verlinkt, aber auch die genannten Personen – Täter, Opfer und Mitläufer, Politiker, Kulturschaffende und Intellektuelle – identifiziert. Die Zitatpraxis des Autors und seine Protokollierung der zahllosen Zeugnisse menschlichen Leidens werden so beobachtbar.

Der nächste große Publikationsschritt im Kraus-Projekt an der ÖAW wird sich mit der Textentstehung auseinandersetzen; darauf folgt dann ein Kommentar, der Kontexte erläutert und entsprechende historische Informationen bietet. Geplant ist der Abschluss der Edition für 2023.

 

Rückfragehinweis

Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
T +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:

Konstanze Fliedl
Austrian Centre für Digital Humanities and Cultural Heritage
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Sonnenfelsgasse 19, 1010 Wien
T +43 1 51581-2325
konstanze.fliedl(at)oeaw.ac.at

 


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