Neue NSDAP-Mitgliedersuche: Was man bei der Familien-Recherche im Web wissen sollte
08.06.2026
Mehr als 13 Millionen Karteikarten der NSDAP-Mitgliederverwaltung sind seit kurzem online zugänglich. Das Material stammt aus Beständen des ehemaligen Berlin Document Center und wurde von den US National Archives digitalisiert und veröffentlicht. Damit ist erstmals eine niederschwellige Recherche in einem zentralen Bestand zur nationalsozialistischen Parteimitgliedschaft möglich – sowohl für Wissenschaftler:innen als auch für Privatpersonen, die zur eigenen Familiengeschichte forschen möchten.
Die Kartei enthält unter anderem Namen, Geburtsdaten, Adressen, Mitgliedsnummern sowie Angaben zu Aufnahme- und Beitrittsdaten. Sie gilt jedoch nicht als vollständig: Schätzungen zufolge fehlen rund 20 Prozent der Bestände. Besonders für Österreich weist die Sammlung Lücken auf, etwa bei sogenannten „alten Kämpfern“, also Personen, die bereits während des Parteiverbots Mitglied der NSDAP geworden waren.
Der Historiker Siegfried Göllner vom Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich mit NS-Belastungen und Archivbeständen zur nationalsozialistischen Vergangenheit. Im Gespräch erklärt er, warum die neue Online-Verfügbarkeit einen Einschnitt darstellt – und weshalb einzelne Karteikarten historisch oft nur begrenzte Aussagekraft besitzen.
Inhalte des NSDAP-Mitgliederverzeichnisses
Warum ist die Online-Stellung dieser NSDAP-Kartei so bedeutend?
Siegfried Göllner: Das Material war grundsätzlich schon vorher zugänglich, etwa im Bundesarchiv in Berlin oder über Mikrofilme in den USA. Neu ist vor allem die niederschwellige Verfügbarkeit. Man muss jetzt nicht mehr nach Berlin reisen oder gezielt Anfragen an Archive stellen. Dadurch wird die Recherche sowohl für die Wissenschaft als auch für Privatpersonen deutlich einfacher.
Daraus allein lässt sich noch nicht ableiten, wie stark jemand tatsächlich im NS-System involviert war.
Welche Informationen enthält die Kartei überhaupt?
Göllner: Im Wesentlichen handelt es sich um Karteikarten. Enthalten sind etwa Beitrittsdaten, Antragsdaten, Mitgliedsnummern und Adressen. Wenn jemand umgezogen ist, finden sich teilweise auch spätere Ortsgruppen. Was meistens fehlt, sind detaillierte Angaben zu Funktionen oder zur tatsächlichen politischen Tätigkeit. Daraus allein lässt sich also noch nicht ableiten, wie stark jemand tatsächlich im NS-System involviert war.
Tipps zur Suche
Wie sucht man am besten in den Beständen?
Göllner: Am einfachsten funktioniert die Suche über den Nachnamen, dann Beistrich und Vorname. Teilweise helfen auch Geburtsdaten. Man muss sich aber ein wenig orientieren, weil die Mikrofilmrollen oft mehrere tausend Seiten umfassen. Es ist also keine perfekt aufbereitete Datenbank. Manche Medien wie „Der Spiegel“ haben inzwischen eigene Suchoberflächen für Abonnent:innen erstellt, die die Navigation erleichtern. Hilfreich ist auch die Maske des Blogs Welt der Vorfahren.
Grenzen und Lücken der Daten
Kann man aus einem Eintrag eindeutig auf eine NSDAP-Mitgliedschaft schließen?
Göllner: Nicht unbedingt. Man muss hier sehr vorsichtig sein. Eine eingetragene Karte zeigt zunächst, dass jemand um Aufnahme angesucht hat oder verwaltungstechnisch erfasst wurde. Die tatsächliche rechtsgültige Mitgliedschaft entstand erst mit der Übermittlung des Mitgliedsbuchs. Historisch ist aber natürlich auch schon der Aufnahmeantrag relevant. Umgekehrt gilt ebenso: Wer nicht in der Kartei aufscheint, war nicht automatisch kein Nationalsozialist. Die Bestände sind unvollständig.
Wo liegen diese Lücken besonders?
Göllner: Gerade im österreichischen Bereich fehlen viele sogenannte „alte Kämpfer“, also Personen, die schon während des Parteiverbots der NSDAP illegal beigetreten waren. Das hängt damit zusammen, dass verschiedene Karteien zusammengeführt wurden – zentrale Bestände der Parteikanzlei ebenso wie Gau- und Ortskarteien. Nicht alles davon ist erhalten geblieben.
Die neue Online-Kartei kann ein erster Einstieg sein.
Was bedeutet das für die Familienforschung?
Göllner: Die neue Online-Kartei kann ein erster Einstieg sein. Wenn man genauer verstehen möchte, welche Rolle eine Person tatsächlich gespielt hat, muss man aber weitere Archive heranziehen. Für Österreich sind etwa die NS-Registrierungsakten oder die sogenannten Gau-Akten relevant, die in Stadt- und Landes- bzw. im Staatsarchiv liegen. Dort finden sich häufig deutlich mehr Informationen, etwa politische Beurteilungen oder Ermittlungsunterlagen aus der Nachkriegszeit. Diese sind aber nicht online, man muss vorher einen Antrag stellen, um sie benutzen zu dürfen.
Wertvolle digitale Archivzugänge
Entsteht durch die Digitalisierung auch wissenschaftlich neues Wissen?
Göllner: Die Quellen selbst sind nicht neu, aber die Zugänglichkeit verändert die Forschungspraxis erheblich. Dinge, die früher mit großem Aufwand verbunden waren, lassen sich jetzt viel schneller überprüfen. Das erleichtert vergleichende Forschung und macht neue Fragestellungen möglich. Gleichzeitig zeigt die Veröffentlichung auch, wie wichtig digitale Archivzugänge geworden sind. Das ist etwas, das es in Österreich in dieser Form bisher noch kaum gibt – also Archive, die große Bestände systematisch digital zugänglich machen.
Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, einzelne Funde zu überinterpretieren. Eine Karteikarte allein erzählt noch keine vollständige Geschichte.
Welche Bedeutung haben solche Archive für die Erinnerungskultur?
Göllner: Sie schaffen zunächst einmal Transparenz. Gleichzeitig besteht aber auch die Gefahr, einzelne Funde zu überinterpretieren. Eine Karteikarte allein erzählt noch keine vollständige Geschichte. Historische Einordnung bleibt entscheidend. Gerade bei familiären Recherchen ist es wichtig, unterschiedliche Quellen zusammenzuführen und nicht vorschnell Schlüsse zu ziehen. Im Berliner Bundesarchiv sind auch weitere Bestände des Berlin Document Center zugänglich, etwa die sogenannte Parteikorrespondenz. Dabei handelt es sich um Verwaltungs- und Schriftgutbestände der NSDAP und ihrer Organisationen, etwa Anträge, interne Korrespondenzen oder Akten zu Parteiverfahren. Das Archiv macht diese auf Antrag kostenfrei auch digital zugänglich. Diese Unterlagen erlauben teils tiefere Einblicke in Funktionen, Konflikte oder politische Bewertungen einzelner Personen, gehen weit über die reine Mitgliedererfassung hinaus.
