MYTHOS UND ALLTAG
21.01.2016
Was machen Archäolog/innen? Sie rekonstruieren Geschichte anhand ihrer Ausgrabungsbefunde. Dabei sind die Forscher/innen nicht nur mit Funden und Befunden beschäftigt. Es geht auch um Vor-Ort-Logistik in zumeist entlegenen Gebieten, um interkulturelle Kommunikation in einem multinationalen Team, um das Anwerben von lokalen Dienstleistern und die Überwindung administrativer Hürden.
Archäolog/innen haben also eine Menge über Kulturen und Menschen ihrer Grabungsländer und das Abenteuer Wissenschaft zu erzählen. Durch Michaela Binder vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kann man nun die Stories hinter den Kulissen einer Ausgrabung kennenlernen. Die gebürtige Kremserin bloggt seit Anfang des Jahres auf „derstandard.at“ über die archäologischen Grabungsarbeiten der antiken Stadt Amara West im nördlichen Sudan. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen als Wissenschaftsbloggerin, antiken Klimawandel und ihr „Lieblingswerkzeug“, die Parasitenanalyse.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen einen Blog über die Ausgrabung im Sudan zu machen?
Wir bloggen bereits seit 2011 über das „Amara West Research Project“ vom Projekt-Blog des British Museum aus. Im angloamerikanischen Raum ist das Bloggen als Form der Wissenschaftskommunikation sehr viel weiter verbreitet und anerkannt, das hinkt bei uns noch etwas hinterher. Ich wollte schon lange etwas auf Deutsch machen. Die Idee das über den „Standard“ zu machen, kam mir beim Lesen der zahlreichen Reise-Blogs von Usern.
Haben Sie schon Feedback von Leser/innen zu erhalten?
Ja, durch die Kommentare zum Blog, die bis jetzt größtenteils sehr positiv waren.
Eine Grabung ist immer gelebte Interdisziplinarität. Sie haben es mit unterschiedlichen Menschen, Mentalitäten und Fachgebieten zu tun. Was sind dabei die Herausforderungen?
Das Zusammenleben von so vielen Leuten, die sich oft kaum kennen auf engem Raum mit wenig Privatsphäre ist immer eine Herausforderung. Da bedarf es auch eines bestimmten Schlages von Menschen, die das dauerhaft aushalten und umgänglich genug sind, um ausgehalten zu werden. Was die Nationalitäten betrifft, gibt es natürlich oft Unterschiede bei der Ausbildung oder Methodik. Die verschiedenen Fachgebiete sind vor allem deswegen eine Herausforderung, weil man bei der Arbeit oft verschiedene Prioritäten hat, die der jeweils andere nicht immer versteht.
Und die Vorteile?
Der große Vorteil ist natürlich, dass wir nur durch interdisziplinäres Arbeiten ein wirklich umfassendes Bild der Vergangenheit bekommen können. Ich muss wissen, wo die Menschen gelebt haben und was davon übrig bleibt (Archäologie), ob sie an Krankheiten litten oder wie alt sie wurden (Anthropologie), was sie gegessen oder wie sie gewirtschaftet haben (Zoologie, Botanik), wie die Landschaft und Umweltbedingungen waren (Geologie, Biologie).
Welche entscheidenden Erkenntnisse versprechen Sie sich vom „Amara West Research Project“?
Hauptziel des Projektes ist die Erforschung der Lebensumstände in einer ägyptischen Kolonialsiedlung an den Grenzen des Reiches. Insbesondere steht das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen, der ägyptischen und der nubischen, im Mittelpunkt und wie sich das im täglichen Leben manifestierte.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass wir hier eine Siedlung mit zunehmender Klimaverschlechterung haben, die zum Trockenfallen des Altarmes nördlich der Stadt und letztendlich zur Aufgabe der Stadt führte. Dies wirkte sich auch auf die Gesundheit der Menschen aus.
Die Folgen von Klimawandel sind heute aktueller denn je…
Die Ergebnisse des Projekts sind dementsprechend auch für die heutige Zeit relevant, da sie zeigen welche Maßnahmen ergriffen wurden, um mit dem Klimawandel umzugehen und dass diese am Ende trotzdem zum Scheitern führten.
Amara West wird seit 2008 von einem Team des British Museum erforscht. Seit 2016 ist auch das ÖAI mit an Bord. Inwiefern ist das ÖAI daran beteiligt und wie kam es zu dieser Kooperation?
Das ÖAI ist in erster Linie durch mich an dem Projekt beteiligt, hat uns heuer jedoch auch aus einer finanziellen Notsituation geholfen, da die bereits zugesagte Finanzierung kurzfristig ausfiel. Ich bin seit 2009 für die Leitung der Ausgrabungen in den Friedhöfen von Amara West zuständig, damals als selbstständige Anthropologin. Zwischen 2010 und 2014 ermöglichte mir das British Museum ein Stipendium, mit dem ich an der Universität Durham meine Doktorarbeit über das Projekt schreiben konnte. Mit meinem Wechsel ans ÖAI 2015 konnte ich auch die Projektbeteiligung mitbringen.
In der Archäologie haben naturwissenschaftliche Analysetechniken mehr und mehr Einzug gehalten. Inwiefern hat sich ihr Fachgebiet dadurch verändert?
Durch naturwissenschaftliche Analysemethoden können wir immer detailliertere Einblicke in das Leben in der Vergangenheit, insbesondere über Herkunft, Verwandtschaft, Ernährung oder das Auftreten von Krankheiten bekommen. Vor 20 Jahren war der Nachweis von Pest in der Vergangenheit noch undenkbar, da sich die Krankheit nicht am Skelett manifestiert. Heute können wir nicht nur Pest über DNA nachweisen sondern auch das Genom des Erregers soweit aufschlüsseln, dass man die Evolution der Krankheit nachvollziehen kann. Das hat allerdings auch den Nachteil, dass das traditionelle Handwerk, also in meinem Fall das einfache Inventarisieren der Skelettteile und die morphologische Untersuchung, vor allem in der Ausbildung zunehmend stark ins Hintertreffen geraten. Wenn ich einen Knochen beprobe, muss ich auch wissen welcher es ist, und ob er von einem Mann, einer Frau oder einem Kind stammt. Gerade bei Krankheiten kann dies die Ergebnisse und ihre Interpretation stark beeinflussen. Für die Archäologie gilt ähnliches.
Haben Sie persönliche „Lieblingswerkzeuge“, die Ihnen das Arbeiten erleichtern?
Mein „Lieblingswerkzeug“ ist die Parasitenanalyse, da ich sehr viel über Krankheiten forsche. Parasiteneier können auch über Jahrtausende in Gräbern und Latrinen überleben und lassen viel deutlicher als Knochenveränderungen eindeutige Rückschlüsse auf Erkrankungen, hygienische Bedingungen, Klima oder Ernährung zu.
Inwiefern hat das Digitale Zeitalter die Archäologie verändert?
Es macht natürlich vieles einfacher, genauer, detailreicher und schneller. Digitale Vermessung ist schneller und oft genauer als alles mit der Hand zu zeichnen, Fotos sind schnell gemacht, wir können genaue 3D-Rekonstruktionen von Befunden machen basierend auf Oberflächenscans oder CT-Daten machen. Ein wichtiger Vorteil ist natürlich auch die Tatsache, dass viel mehr zerstörungsfrei gemacht werden kann. Man muss nicht mehr alles ausgraben, sondern kann auch durch geophysikalische Prospektion viel herausfinden. Der Nachteil ist allerdings, wie bereits gesagt, dass das traditionelle Handwerk in den Hintergrund rückt.
Ihr Spezialgebiet ist die Analyse antiker Knochen. Inwiefern sind die Erkenntnisse Ihrer Forschungen für unsere heutige Zeit relevant?
Menschliche Überreste sind unser direktestes Zeugnis der Vergangenheit und bieten dadurch punktuelle und langfristige Einblicke in Erfolg oder Misserfolg der Anpassung - sowohl kulturell wie biologisch an Änderungen im Klima, Wirtschaftsweise, Siedlungsform, Gruppengröße oder Sozialstrukturen. Gerade auf solche Langzeitperspektiven kann die moderne Wissenschaft nicht zurückgreifen. Dies ist besonders in Bezug auf Krankheiten von großer Bedeutung.
Zum Beispiel?
Krankheitserreger, wie beispielsweise Malaria oder Tuberkulose, haben sich im Laufe der Zeit gemeinsam mit den Wirten, also unserem Organismus, verändert, oft in Abhängigkeit von externen Faktoren wie Klima oder Ernährung. Wie man durch DNA-Analysen herausgefunden hat sind auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktose-Intoleranz erst mit dem Auftreten der Viehhaltung entstanden. Das Wissen um diese Veränderungen kann helfen Vorrausagen und Modelle für die Weiterentwicklung zu erstellen und dadurch neue Wege für die Forschung an Therapieformen ebnen.
Hat das Bloggen auch Auswirkungen auf Ihre Arbeit? Verändert sich Ihr Blickwinkel dadurch?
Nicht nur das Bloggen, sondern jede Form von Präsentation für ein Laienpublikum. Es hat vor allem die Auswirkung, dass ich mir öfter die Frage stelle: Wozu das Ganze?
Also die Frage nach dem Return-of-Investment von Grundlagenforschung?
Dies ist eine Frage, mit der man zwangsläufig irgendwann konfrontiert wird. Wir leben nun einmal nicht mehr in einer Zeit, wo man Forschen um des Forschens Willen kann, dafür reichen die finanziellen Mittel nicht mehr. Das spüren die Geisteswissenschaften noch mehr. Die Frage nach der modernen Relevanz ist meiner Meinung nach auch völlig gerechtfertigt, aber natürlich auch nicht immer leicht. Ich denke da kommt der Wissenschaftskommunikation eine große Bedeutung zu.
Das Bloggen ist im Grunde eine digitale Form der Wissenschaftskommunikation.
Ich kann das Bloggen jedem nur empfehlen, es ist eine wirklich gute Möglichkeit seine Forschung in der Öffentlichkeit zu präsentieren und ein breites Publikum aber auch die Medien zu erreichen. Viele Journalisten schauen sich eher Blogs an als Fachzeitschriften zu verfolgen. Wir werden immer wieder von Journalisten wegen Ergebnissen auf dem Amara-West-Blog kontaktiert, die dann darüber berichten wollen.
Haben Sie Tipps für andere Wissenschaftler, die über ihr Fachgebiet bloggen möchten?
Als Tipp kann ich nur sagen: das Wichtigste ist Begeisterung. Wenn man selbst von seiner Arbeit begeistert ist, kann man auch andere anstecken. Gespräche mit Laien im persönlichen Umfeld finde ich auch immer sehr hilfreich, weil man sowohl Wortwahl als auch Inhalte auf ihre Tauglichkeit überprüfen kann.
Michaela Binder ist Bioarchäologin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW. Seit Anfang Jänner hat sie auf „derstandard.at“einen wöchentlichen Blog über die Grabungsarbeiten der antiken Stadt Amara West im Sudan.
Michaela Binders Archäologieblog
Das Österreichische
Archäologische Institut (ÖAI) ist eine der wichtigsten
Einrichtungen für archäologische Grundlagenforschung in Österreich. Seit 1. Jänner 2016 ist das ÖAI Teil der ÖAW und bildet gemeinsam mit dem
Institut für Orientalische und Europäische Archäologie sowie dem Institut für
Kulturgeschichte der Antike einen archäologischen Cluster.
Österreichisches Archäologisches Institut der ÖAW