16.09.2020

„Mitreden ist ein entscheidender Aspekt der Integration“

Warum Migration ein „heißes Eisen“ in öffentlichen Debatten ist und der Umgang mit Integration viel über die Verfasstheit einer demokratischen Gesellschaft aussagt, erklären die Sozialwissenschaftler/innen Rainer Bauböck und Kyoko Shinozaki im Interview. Die beiden gehören zum mehrköpfigen Organsationsteam der Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich, die von 16. bis 18. September in Salzburg stattfindet.

“Die Black Lives Matter-Proteste haben aufgezeigt, dass Rassismus nicht nur auf einer persönlichen Ebene, sondern auch in institutionellen Zusammenhängen immer noch sehr verbreitet ist”, sagt Migrationsforscherin Kyoko Shinozaki.
“Die Black Lives Matter-Proteste haben aufgezeigt, dass Rassismus nicht nur auf einer persönlichen Ebene, sondern auch in institutionellen Zusammenhängen immer noch sehr verbreitet ist”, sagt Migrationsforscherin Kyoko Shinozaki. © Unsplash/Julian Wan

Migration ist mehr als das Weggehen, Unterwegssein und Ankommen. Von der Klimakrise über die demographischen Herausforderungen für den Sozialstaat zur europäischen Solidaritätskrise und den Auswirkungen der weltweiten Pandemie – fast alle wichtigen gesellschaftspolitischen Herausforderungen unserer Zeit stehen in Zusammenhang mit Migration. Für die Migrationsforschung bedeutet das, dass sie längst kein „Randphänomen“ mehr ist. „Heute ist Migrationsforschung im Mainstream der Disziplinen angekommen“, sagt Rainer Bauböck, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Vorsitzender der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW.

Unter dem Titel „Grenzen überschreiten“ organisiert Bauböck gemeinsam mit Kyoko Shinozaki von der Universität Salzburg und weiteren Kolleg/innen die Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich, die heuer von 16. bis 18. September in Salzburg stattfindet. Im Interview sprechen die beiden Migrationsforscher/innen über ihre Disziplin selbst sowie über Konjunkturen des Begriffs der Integration, über humanitäre Aufnahmepflichten und Aspekte der demokratischen Integration.

Kürzlich wurde in Österreich der Integrationsbericht präsentiert. Politisch wird gefordert, Zuwanderer/innen bei der Integration stärker in die Pflicht zu nehmen. Welche Konjunkturen hat der Begriff Integration durchgemacht?

Rainer Bauböck: In der Soziologie meint der Begriff die Kohäsion der Gesellschaft, also was die Gesellschaft zusammenhält. Derzeit wird stark auf die Integration von Einwanderern fokussiert. Dabei verliert man aus dem Blick, was diese Gesellschaft, in die die Migranten einwandern, überhaupt selbst zusammenhält. Es wäre interessant zu fragen: Wie offen muss die Aufnahmegesellschaft sein, damit Einwanderung überhaupt gut integriert werden kann? Zum Prozess der Integration gehört ganz entscheidend der Zugang zu Staatsbürgerschaft und zum Wahlrecht. Dagegen herrscht in Österreich die Vorstellung, dass politische Beteiligung der Integration nachgereiht sei, dass Integration vorher stattfinden müsse. Das ist problematisch. Mitreden ist ein entscheidender Aspekt der Integration selbst.

Zum Prozess der Integration gehört der Zugang zu Staatsbürgerschaft und zum Wahlrecht. Dagegen herrscht in Österreich die Vorstellung, dass politische Beteiligung der Integration nachgereiht sei.

Die Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich trägt den Titel "Grenzen überschreiten". Welche Grenzüberschreitungen meinen Sie damit?

Kyoko Shinozaki: Wenn wir über internationale Migration und Mobilität sprechen, geht es einerseits um die räumliche Bewegung von Menschen – um das Überschreiten nationalstaatlicher Grenzen. Aber es geht hier auch um unseren Denkhorizont, um unsere Grenzen im Denken und den Versuch, diese zu überschreiten. Multiperspektivität ist hier ein wichtiges Stichwort. Wir, Forscher/innen in Europa, neigen dazu, Migration in erster Linie aus der Perspektive der Aufnahmegesellschaft zu sehen. Die Perspektive der Migrant/innen sowie die der Herkunftsgesellschaft sind in der Migrationsforschung oft vernachlässigt. Ein Beispiel: In der Zeit des Lockdowns haben wir plötzlich gemerkt, was passiert, wenn die Erntehelfer/innen und Pfleger/innen fehlen würden. Was passiert dann in der Aufnahmegesellschaft und was passiert in der Herkunftsgesellschaft?

Bauböck: Und wir haben eine zweite Bedeutung damit verknüpft: Das sind die Grenzen von wissenschaftlichen Disziplinen, also die Grenzen unseres Blicks auf Migration.

Wie hat sich die Migrationsforschung als Fach verändert?

Bauböck: In ihren Anfängen war sie oft ein Randphänomen in unterschiedlichen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Migrationskonferenzen und Netzwerke waren attraktiv für jene, die gerne interdisziplinär und am Rande des jeweiligen Mainstreams forschten.

Heute ist Migrationsforschung längst im Mainstream der Disziplinen angekommen. Aber die Gefahr ist, dass gerade dadurch neue Abschottungen entstehen, dass sich methodenbasierte statt problemorientierte wissenschaftliche Schulen bilden, die untereinander nicht mehr kommunikationsfähig sind. Aufgabe der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW und der von ihr initiierten Jahrestagungen ist es immer schon gewesen, die Grenzüberschreitung zwischen den Disziplinen zu fördern. 

Wir neigen dazu, Migration in erster Linie aus der Perspektive der Aufnahmegesellschaft zu sehen. Die Perspektive der Migrant/innen sowie die der Herkunftsgesellschaft sind in der Migrationsforschung oft vernachlässigt.

Gibt es auch neue inhaltliche Aspekte in der Migrationsforschung?

Shinozaki: Wir untersuchen nicht nur, wie und über welche Routen sich Menschen bewegen, sondern beschäftigen uns auch mit den Prozessen nach der Migration, also mit der sogenannten postmigrantischen Phase. Wie geht es den Menschen nach dem Ankommen? Und: Wie geht es der nächsten Generationen, die eigentlich nicht mehr selbst Migrant/innen sind, aber als solche betrachtet werden – auch wenn sie hier geboren wurden? Welche Erfahrungen machen sie mit Rassismus in der Aufnahmegesellschaft? Die Black Lives Matter-Bewegung hat deutlich gemacht, dass Rassismus nicht nur auf einer persönlichen Ebene, sondern auch in institutionellen Zusammenhängen immer noch sehr verbreitet ist. Dies zeigt auch, wie wichtig es ist, zwei Subfelder der Migrationsforschung, nämlich die Erforschung über räumliche Bewegungen einerseits und die Erforschung über die Praktiken und Erfahrungen in der Ankunftsgesellschaft andererseits, die sich bislang weitgehend voneinander getrennt entwickelt haben, zusammenzubringen.

Was bedeutet der Begriff postmigrantisch?

Shinozaki: Eine der Vertreter/innen dieses Ansatzes ist Naika Foroutan, die auch zur Tagung nach Salzburg kommen wird. Postmigrantisch bedeutet, dass Migration zwar als Bewegung abgeschlossen ist, aber die Nachwirkungen der Migrationsprozesse anhalten und sogar noch für die sogenannte zweite oder dritte Generation – die selbst keine Migrationserfahrung hat – spürbar sind. Hier geht es auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Es ist eine erfolgsversprechende politische Strategie der Rechten, Debatten über Migration so stark zu polarisieren wie möglich.

Warum ist das Thema Migration fast immer ein Gewinnerthema für rechte Positionen?

Bauböck: Ich würde es anders formulieren: Migration ist dann ein Gewinnerthema für rechte Positionen, wenn die Debatten darüber hochgradig polarisiert sind. Und: Es ist eine erfolgsversprechende politische Strategie der Rechten, diese Debatten so stark zu polarisieren wie möglich. In den Phasen, in denen Migration nicht das Topthema ist, zeigt sich laut Meinungsumfragen oft eine erstaunliche Offenheit gegenüber dem Migrationsthema. Man sollte nicht den falschen Schluss ziehen, dass es die Politik ist, die lediglich die vorhandenen Meinungen aufgreift. Sehr oft werden diese Meinungen erst durch die Politik polarisiert. So wurde etwa durch die Pandemie das Thema Migration von der Spitze der Tagesordnung verdrängt. Das kann sich allerdings in Zeiten eines Wahlkampfs schnell ändern.

Wie könnte man hier gegensteuern?

Bauböck: Indem man entpolarisiert und der Polarisierung etwas entgegensetzt, etwa humanitäre Aufnahmepflichten oder Aspekte der demokratischen Integration betont, zum Beispiel, dass 30 Prozent der Wiener Wohnbevölkerung keinen Zugang zu demokratischer Mitbestimmung haben.

Man kann auch den potenziellen Nutzen von geregelter ökonomischer Migrationen für alle Beteiligten in den Vordergrund stellen. Migration kann so organisiert werden, dass jeder einen Nutzen hat: das Einwanderungsland, das Herkunftsland und die Migranten und Migrantinnen selbst. Dann muss Regulierung aber über eine Rot-Weiß-Rot-Perspektive hinausgehen und in einem übernationalen Rahmen stattfinden. Denn nur dann ist sichergestellt, dass alle diese drei Interessen gewinnen können. Das war übrigens ein Thema bei der Jahrestagung vor zwei Jahren. Damals war gerade der UNO-Pakt für sichere, geordnete und reguläre Migration auf der Tagesordnung, dem Österreich nicht beigetreten ist.

Migration kann so organisiert werden, dass jeder einen Nutzen hat: das Einwanderungsland, das Herkunftsland und die Migranten und Migrantinnen selbst. Dann muss Regulierung aber über eine Rot-Weiß-Rot-Perspektive hinausgehen und in einem übernationalen Rahmen stattfinden.

Stichwort humanitäre Aufnahmepflicht und das niedergebrannte Flüchtlingslager von Moria. Seit Jahren sind die Lager für Geflüchtete auf den griechischen Inseln heillos überfüllt. Warum ist es innerhalb der EU seit 2015 nicht gelungen, eine faire Verteilung umzusetzen?

Bauböck: Die Situation von 2015 war eine Notstandsituation, in der Deutschland meines Erachtens die richtige Entscheidung getroffen hat, keine Gewalt an den Grenzen einzusetzen und diese offen zu halten. Eine Schlussfolgerung, die damals ganz offensichtlich war: Dass es nicht nur den Schutz der Außengrenzen und die geregelten Migrationskanäle braucht, sondern auch eine Form der Teilung der Verantwortung für die Fluchtmigration in Europa. Dazu gab es Beschlüsse im Europäischen Rat, die nicht exekutiert worden sind. Der September 2015 ist dadurch zu einem entscheidenden Wendepunkt geworden, nicht nur wegen der offenen Grenzen und hohen Zahlen, sondern vor allem wegen der europäischen Entsolidarisierung in der Migrationspolitik. Die Verantwortung wurde gemäß der Logik der Dublin-Verordnungen ausschließlich den Erstaufnahmeländern wie Griechenland aufgebürdet. Das ist eine völlig verfahrene Situation, und die Opfer sind die Geflüchteten auf den griechischen Inseln.

 

AUF EINEN BLICK

Rainer Bauböck ist Migrationsforscher, Politikwissenschaftler und Vorsitzender der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Zudem ist er Professor am Robert Schuman Centre for Advanced Studies des European University Institute in Florenz. Seit 2013 ist er korrespondierendes Mitglied der ÖAW.

Kyoko Shinozaki ist Migrationsforscherin und Professorin an der Abteilung Soziologie und Kulturwissenschaft der Paris Lodron Universität Salzburg mit den inhaltlichen Schwerpunkten Sozialer Wandel und Mobilität. Sie ist u.a. Gründerin der „Migration and Mobilities Studies Group“ sowie Mitglied des Board of Directors des internationalen Forschungsnetzwerks IMISCOE (International Migration, Integration and Social Cohesion in Europe).

„Grenzen überschreiten – Perspektiven der Migrationsforschung“ lautet der Titel der 6. Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich, die von 16. bis 18. September 2020 an der Universität Salzburg stattfindet. Organisiert wird die in einem zweijährigen Rhythmus durchgeführte Tagung von der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung der ÖAW und der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien gemeinsam mit der Abteilung Soziologie der Universität Salzburg und dem Salzburg Migration and Mobility Research Lab (MML). Coronabedingt ist die Veranstaltung in diesem Jahr aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich zugänglich.

 


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