06.03.2020

Mehr Forschung zu 5G nötig

Weil die Datenlage noch mangelhaft ist, gehen die Expertenmeinungen zu 5G und Gesundheit weit auseinander. Was man dennoch über die gesundheitliche Risikobewertung sagen kann, hat ÖAW-Technikfolgenforscherin Karen Kastenhofer zusammengefasst.

© Unsplash/Robin Worrall

5G ist ein heißes Eisen. Die Frage, ob elektromagnetische Felder der neuen Mobilfunkgeneration ein Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen, wird in der Bevölkerung höchst kontroversiell diskutiert. Eine neue Studie im Auftrag des österreichischen Parlaments, die vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Zusammenarbeit mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) durchgeführt wurde, hat die Bandbreite der Einschätzungen nationaler und internationaler Expertengremien, wie der WHO oder dem deutschen Bundesamt für Strahlenschutz, einer vergleichenden Analyse unterzogen. Was wir auf Basis dieser Untersuchung über den Umgang mit 5G bisher wissen und welche Handlungsoptionen sich für Österreich auftun, erklärt die Erstautorin der Studie, Karen Kastenhofer, im Interview.

Frau Kastenhofer, was bedeutet 5G eigentlich?

Karen Kastenhofer: Der Begriff 5G kann für unterschiedliche technologische Neuerungen, Frequenzbereiche und Anwendungen stehen. 5G ist ein Sammelbegriff, der vom Internet der Dinge über Industrie 4.0 bis hin zu selbstfahrenden Autos reicht. Weil der Begriff aber nicht eindeutig definiert ist, wird in der Diskussion nicht immer vom selben gesprochen.

Welche konkreten Einsatzgebiete wird 5G in Österreich haben?

Kastenhofer: Das Haupteinsatzgebiet ist derzeit noch unklar – und die Berichterstattung dazu eher verwirrend. Medial heißt es auch, dass man noch auf der Suche nach der „Killerapplikation“ sei, die als bahnbrechendes Verkaufsargument dienen kann.

Inwiefern ist die Frage nach der Anwendung für die Gesundheit relevant?

Kastenhofer: Die Art der Anwendung ist essentiell, denn Gesundheitsrisiken beziehen sich auf konkrete Expositionssituationen. Ebenso beeinflussen die konkreten Anwendungen die Optionen, die es gibt, um auf Risikopotenziale von Seiten der Bevölkerung und der Politik einzugehen. Wir müssen uns also ansehen, welche Personen in welchem Kontext elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind.

Für die Untersuchung von Gesundheitsrisiken von 5G ist der Faktor Zeit wesentlich. Solange es keine reale Exposition gibt, gibt es auch keine epidemiologischen Daten, die wiedergeben könnten, was sich in der Bevölkerung bei Exposition tatsächlich tut.

Wo ist 5G bereits im Einsatz?

Kastenhofer: Abhängig davon, ab wann wir von 5G und der Einführung von 5G sprechen, gibt es Vorreitersituationen etwa in Südkorea oder einzelnen Städten der USA. Aber: De facto gibt es keine Datenbasis, um etwas epidemiologisch auswerten zu können. 

Apropos Daten. Wie sind Sie zu Ihren Daten für die Studie gekommen?

Kastenhofer: Das Projekt begann mit dem Interesse des Parlaments an dem Thema, das uns den Auftrag für diese Studie gab. Nachdem schon viele internationale wissenschaftliche Gremien ihre Einschätzung zu möglichen Gesundheitsrisiken etablierten Mobilfunks veröffentlicht hatten, haben wir entschieden keine spezifisch österreichische Studie durchzuführen. Denn: Die Wahrheit sieht diesbezüglich in Österreich nicht anders aus als etwa in Schweden. Allerdings divergieren die Stellungnahmen von internationalen Expert/innen stark.

Wir haben uns die Bandbreite der wissenschaftlichen Einschätzungen angesehen und eine vergleichende Analyse erstellt. Dazu haben wir 24 unterschiedliche Stellungnahmen von international anerkannten Expertengremien ausgewählt, die allesamt methodisch sauber gearbeitet haben und die relevantesten Perspektiven auf das Thema umfassen. Unser Hauptfokus war, herauszuarbeiten, welche Risikohypothesen diskutiert werden und welche Meinungen von Expert/innen es dazu gibt.

Wie weit liegen die Einschätzungen tatsächlich auseinander?

Kastenhofer: Das Spektrum der Einschätzungen ist erstaunlich breit. Es reicht von „kein gesundheitlicher Effekt nachgewiesen“ bis „Effekt ist nachgewiesen“. Als eindeutig nachgewiesen gilt Gewebeerwärmung ab bestimmten Feldstärken. Die bestehenden Grenzwertsetzungen zielen darauf ab, Gewebeerwärmung über 1°C auszuschließen. Davon abgesehen gibt es keine übereinstimmend nachgewiesene Evidenz über andere beobachtbare Effekte. Eine Ausnahme ist der Nocebo-Effekt, wonach Personen, die glauben, dass sie exponiert wären, es aber nicht sind, tatsächlich Symptome zeigen. Auch bezüglich eines Einflusses auf elektrische Hirnströme verdichtet sich die Meinungslage, wobei aber die gesundheitliche Relevanz dieses Befundes wiederum umstritten ist.

Die fehlende Datenlage macht evidenzbasierte Politikberatung schwierig. Zu behaupten, dass 5G keine Gesundheitsrisiken mit sich bringt, solange es keine Studien dazu gibt, ist daher noch verfrüht.

Bei allen anderen Risikohypothesen herrscht große Uneinigkeit über das Eintreten irgendeines Effektes. Ein Gremium geht aber davon aus, dass die gesundheitliche Beeinträchtigung ausreichend ausgewiesen sei. Das ist die BioInitiative, ein internationaler Zusammenschluss von 29 Wissenschaftler/innen und Ärzt/innen. Sie kommen zu dem Schluss, dass 5G Auswirkungen auf Herz-Kreislauferkrankungen, Krebserkrankungen vor allem im Kopfbereich, die Reproduktion und Kognition sowie des Hormon- und Immunsystems hat.

Besteht das Problem auch darin, dass es keine Langzeitstudien zu 5G gibt?

Kastenhofer: Für die Untersuchung von Gesundheitsrisiken von 5G ist der Faktor Zeit wesentlich. Solange es keine reale Exposition gibt, gibt es auch keine epidemiologischen Daten, die wiedergeben könnten, was sich in der Bevölkerung bei Exposition tatsächlich tut. Bezüglich 5G haben wir aber nicht nur keine Beobachtungsmöglichkeit, sondern auch noch keine gezielten Laborstudien –möglicherweise auch deshalb, weil dafür die klassischen Expositionssituationen von 5G klar sein müssten. Die Expert/innen sind sich einig, dass es gezielte, qualitative hochwertige Laborstudien aber braucht. Die fehlende Datenlage macht evidenzbasierte Politikberatung schwierig. Zu behaupten, dass 5G keine Gesundheitsrisiken mit sich bringt, solange es keine Studien dazu gibt, ist daher noch verfrüht.

In Ihrem Bericht geben Sie auch Empfehlungen ab. Sie sagen, dass ein transparenter Prozess bei der Einführung von 5G wichtig ist. Warum?

Kastenhofer: Das österreichische Parlament hat mit der Beauftragung der Studie einen sehr wichtigen Schritt gesetzt. Für die Bevölkerung geht es ja weniger um Vertrauen in 5G an sich, als vielmehr um Vertrauen in jene, die 5G entwickeln und regulieren – also insbesondere Politik und Industrie. Dazu gehört auch Transparenz, möglichst viel Information und Klarheit. So paradox das klingen mag, aber es braucht auch Klarheit über die Unklarheiten, die im Bereich 5G bestehen.

Die Öffentlichkeit will wissen, wann, wo und wie 5G zum Einsatz kommen wird. Wenn man sich den Unsicherheiten stellt, kann man auch differenzierter diskutieren.

Kann man schon abschätzen, wann 5G in Österreich zum Einsatz kommen wird?

Kastenhofer: Wir sind in der ersten Ausbaustufe. Es gibt erste Gemeinden, die 5G implementieren. Österreich ist nicht das einzige Land, das den Einsatz von 5G vorbereitet. Auch in anderen europäischen Ländern wird 5G diskutiert, allerdings sind die Grenzwertsetzungen von Belgien über die Schweiz bis Österreich doch recht unterschiedlich. Das wirft natürlich auch Fragen bei Bürger/innen auf.

Wie könnte man die bestehenden Wissenslücken schließen?

Kastenhofer: Da gibt es viele Möglichkeiten, etwa was die Definition von 5G betrifft. Auch zur Frage, was geplant ist, sollte es mehr Informationen geben. Die Öffentlichkeit will wissen, wann, wo und wie 5G zum Einsatz kommen wird. Wenn man sich den Unsicherheiten stellt, kann man auch differenzierter diskutieren. Etwa darüber, wer nun wirklich durch 5G anders exponiert sein wird. Oder ob jene, die zusätzlich exponiert sind, daraus auch einen Nutzen ziehen können. Auch die Frage, was einerseits die von Expert/innen diskutierten Effekte und andererseits die von Expert/innen diskutierten jeweiligen Effekthöhen sind, sollte Eingang in einen öffentlichen Diskurs finden. Es gibt dazu viele offene Fragen, denen sich eine demokratische Gesellschaft offen stellen kann.

 

AUF EINEN BLICK

Karen Kastenhofer ist Wissenschafts- und Technikforscherin und promovierte Biologin. Ihr Arbeitsbereich umfasst die Rekonstruktion unterschiedlicher (Techno)Wissenschaftskulturen, die Analyse öffentlicher Kontroversen sowie die Diskussion möglicher Governance-Modelle im Bereich der Lebenswissenschaften und Biotechnologien. Kastenhofer ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Technikfolgen-Abschätzung der ÖAW tätig.

 

Studie: 5G-MOBILFUNK UND GESUNDHEIT 

Pressemeldung des Parlaments