



Zwischen Donau und Wiener Wald lässt es sich durchaus aushalten. Das wussten schon jene Steinzeitmenschen, die den Wiener Raum vor Tausenden von Jahren auf der Suche nach Nahrung und Lebensraum durchstreiften. Wann genau das geschah und wie diese ersten Wiener/innen ihr Dasein fristeten, ist in vielen Bereichen freilich noch ungeklärt.
Neue Erkenntnisse dazu versprechen moderne Methoden der Archäologie. Mit ihrer Hilfe ist es Forscher/innen am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nun gelungen, eiszeitliche Knochenfunde neu zu analysieren – und damit wertvolle Hinweise auf die ältesten Menschen im Wiener Raum zu gewinnen. Im Gespräch erläutert OREA-Forscherin Christine Neugebauer-Maresch, wie bedeutend die Fundstellen sind – und was es zwischen Donau und Wiener Wald noch alles zu entdecken gibt.
Frau Neugebauer-Maresch, Sie haben nun erste Hinweise auf Menschen gefunden, die während der Eiszeit im Raum Wien gelebt haben. Haben Sie Menschenknochen gefunden?
Nein. Alles, was wir zur Verfügung haben, sind Knochenfunde von Tieren. Das meiste stammt von Mammuts, aber auch Wildpferden und Rentieren, auch vom Wollnashorn, also eiszeitlichem Jagdwild. Das sind aber keine neuen Funde, sondern gehen bis auf das Jahr 1443 zurück, als man beim Aushub des Stephansdoms auf einen Mammutknochen gestoßen ist. Das meiste wurde allerdings um 1900 herum zufällig entdeckt.
Warum gibt es keine Menschenknochen?
Es gab doch viel mehr Tiere als Menschen. Einen Menschenknochen zu finden, wäre wie ein Sechser im Lotto.
Was ist in der Zwischenzeit mit den Knochen passiert – warum wurden sie bisher nicht analysiert?
Die Knochen sind im Naturhistorischen Museum sowie in einzelnen Bezirksmuseen und Sammlungen archiviert worden. Es gab zwar immer wieder einzelne Aktionen aber keine systematische Aufarbeitung. Wir haben in Österreich ein enormes Defizit, was die Analyse eiszeitlicher Spuren anbelangt. Vor allem bis Mitte der 1980er Jahre tat sich in diesem Bereich nichts. Umso glücklicher bin ich jetzt, dass es nun möglich ist, sich ihrer anzunehmen.
Im Ausland beneidet man uns übrigens um die Reichhaltigkeit und Vielfältigkeit dieser eiszeitlichen Fundstellen in Österreich.
Wo befinden sich die Wiener Fundstellen?
Es gibt zunächst viele Funde durch verschiedenste Bauarbeiten aus der Inneren Stadt. Darüber hinaus zieht sich ein großer Bogen vom Bisamberg über Stammersdorf und Floridsdorf. Ein weiterer spannt sich über den 19., 18. und 17. Bezirk – hier vor allem Heiligenstadt und die Hänge von Nußdorf – teilweise bis in die Weingärten hinauf. Abgesehen davon war auch der Wienerberg sowie der 13. und 14. Bezirk bedeutend.
Warum dort?
Wir haben mit der Wiener Pforte, wenn man von der ungarischen Ebene die Donau entlang herauf kommt, eine bedeutende Landmarke. Orte, die besonders häufig aufgesucht wurden und vermutlich auch der Orientierung dienten.
Stellt sich nun die Frage: Wo war der Mensch?
Meine Kolleginnen und Kollegen haben zwar keine Menschenknochen, aber Schnittspuren in Mammut- sowie Pferdeknochen gefunden, die nur ein Mensch gemacht haben kann. Die große Frage ist: Von welcher Zeit stammen diese Schnitte? Um das herauszufinden, werden die 14C-Proben gerade in Oxford analysiert. Wir vermuten, die Funde stammen aus der jüngeren Altsteinzeit vor 20 000 bis 40 000 Jahren. Wir können aber auch nicht ausschließen, dass die Spuren viel älter sind – warum soll schließlich nicht auch der Neandertaler hier durchmarschiert sein? Mammuts hat es schließlich auch damals gegeben.
Könnte man heute noch Knochen in Wien finden?
Wien ist stark verbaut. Hoffnung besteht daher dort, wo etwa alte Weinkeller erweitert werden oder in einem Garten ein Swimming Pool angelegt wird. Aber hier sind wir darauf angewiesen, dass mögliche Funde auch gemeldet werden. In Stammersdorf hat beispielsweise ein Weinbauer bei der Kellererweiterung vor vielen Jahren schon Knochen gefunden und zur Bestimmung ins Museum gebracht. Eine Nachuntersuchung in diesem Keller ließ uns tatsächlich die eiszeitlichen Schichten wieder freilegen.
Auf der anderen Seite ist für uns Hietzing, und zwar die Antonshöhe, bei Mauer sehr interessant. Hier war ein jungsteinzeitliches Radiolarit-Bergwerk. Ein Rohstoff, der auch auch schon in der Eiszeit verwendet wurde. Kollegen haben in dieser Region bei Prospektionen vermehrt Hinweise auf Rohmateriallagerstätten gefunden. Wir hoffen, diese in einem Nachfolgeprojekt untersuchen zu können.
Warum ist das so bedeutend?
Wir wollen die dort vorhandenen Rohstoffe, aus denen die Steingeräte hergestellt wurden, genau analysieren und definieren. Dann könnte man in vergleichenden Studien herausfinden, wohin und zu welchen Zeiten dieser Rohstoff gebracht und verarbeitet wurde. Daraus wiederum lassen sich grundlegende Informationen zur Mobilität und den kulturellen und wirtschaftlichen Kontakten der Steinzeitmenschen gewinnen. Das darf man keinesfalls unterschätzen - auch in der Altsteinzeit hat man hunderte Kilometer weit Material gebracht! Radiolarit wäre damit der älteste Exportschlager Wiens. Dem wollen wir natürlich nachgehen!
Die am OREA betriebenen archäologischen Forschungen im Raum Wien werden auch durch die Kulturabteilung der Stadt Wien finanziert.
Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der ÖAW