17.06.2020

Lehren aus Corona

Was können wir aus dem Umgang mit der Coronapandemie für zukünftige Krisen lernen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Dialogformats „Wissenschaft und Politik im Gespräch“, bei dem sich auf Einladung von ÖAW und Nationalrat Wissenschaftler/innen und Parlamentarier/innen zum Austausch trafen. Ein Fazit: Das Wissen über Infektionen und die Daten dazu sollten besser zugänglich sein.

ÖAW-Präsident Anton Zeilinger und der Präsident des Nationalrats, Wolfgang Sobotka, luden bereits zum dritten Mal zum Dialogformat „Wissenschaft und Politik im Gespräch“ ein. Thema diesmal: COVID-19 - Lehren für die Zukunft. © Parlamentsdirektion/Johannes Zinner

Die Coronakrise hat es auf geradezu beispiellose Weise vor Augen geführt: Drängende gesellschaftliche Fragen erfordern den faktengeleiteten Austausch zwischen politischen Entscheidungsträger/innen und wissenschaftlichen Expert/innen. Diesen Dialog zu intensivieren, ist das Ziel der Reihe „Wissenschaft und Politik im Gespräch“, die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Parlament ins Leben gerufen wurde und nun am 16. Juni bereits zum dritten Mal im Palais Epstein in Wien stattfand. Diesmal auf der Agenda: Die Coronakrise und die Frage, welche Lehren aus dem Umgang mit der Pandemie gezogen werden können.

Von Medizin bis Wirtschaft

Dazu trafen Forscher/innen der ÖAW und weiterer österreichischer Wissenschaftseinrichtungen Nationalratsabgeordnete aus allen im Parlament vertretenen Fraktionen sowie Mitglieder des Bundesrats zum inhaltlichen Austausch. Diskutiert wurden dabei Perspektiven aus Medizin und Life-Sciences, Modelle aus der Mathematik zur Ausbreitung des Coronavirus und der Einsatz künstlicher Intelligenz, Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft sowie die Folgen für die Volks- und Geldwirtschaft.

Beim anschließenden Pressegespräch zeigte sich Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka überzeugt: „Dieser Austausch wird für die politische Arbeit einen Mehrwert stiften.“ Denn die Analyse, welche Faktoren es sind, um erfolgreich durch und aus der Krise zu kommen, sei jetzt besonders wichtig. Ähnlich sieht das auch ÖAW-Präsident Anton Zeilinger, der zudem betonte, dass der Dialog ein „multidisziplinäres Format“ ist. Dadurch lasse sich umfassend diskutieren, was man aus der Coronapandemie für ähnliche zukünftige Situationen lernen könne – und das nicht nur für Österreich, sondern auch international.

Der Akademiepräsident machte aber auch klar, dass die Wissenschaft keine einfachen Antworten präsentieren könne. Jedes neue Wissen erzeuge auch neues Nicht-Wissen, jede Antwort werfe neue Fragen auf. Die Wissenschaft könne Expertise, Fakten und einen Stand der Forschung zur Verfügung stellen, kann der Politik aber nicht die Verantwortung abnehmen, unter Unsicherheit zu entscheiden. Gerade das mache den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik so wichtig.

Neben Sobotka und Zeilinger, auf deren Initiative das Gesprächsformat zurück geht, waren auch vier Wissenschaftler/innen am Podium, die sich zuvor gemeinsam mit weiteren Forscher/innen mit den Parlamentariern ausgetauscht hatten. Sie zogen aus der Perspektive ihres jeweiligen Faches ein Fazit aus der Coronakrise.

Bündelung von Expertentum, klare Corona-Normen

Sylvia Knapp, Forschungsgruppenleiterin am CeMM – Forschungszentraum für Molekulare Medizin der ÖAW und Professorin an der Medizinischen Universität Wien, bewertete den wissenschaftlichen Umgang mit der Pandemie zunächst positiv: „Die Krise hat gezeigt, wozu die Wissenschaft innerhalb kürzester Zeit in der Lage ist“. Allerdings, so betonte sie, habe COVID-19 auch Veränderungspotentiale für Österreich aufgezeigt: „Wir haben bemerkt, dass unser Expertentum sehr verstreut ist.“ Es brauche daher eine strukturelle Bündelung des Wissens über Infektionen in Österreich. Auch bei der Datenlage sieht Knapp noch Verbesserungsmöglichkeiten: Ein digitaler Zugang zu medizinischen Daten unter Wahrung des Datenschutzes zur raschen Erfassung von Krankheitsverläufen und Risikogruppen sei dringend notwendig. Und: „Die Rückkehr zur Nationalstaatlichkeit kam überraschend schnell. Die globale Herausforderung der Pandemie ist aber nur gemeinsam zu schaffen“, so die Infektionsbiologin.

Die Auswirkungen der Coronakrise auf Mensch und Gesellschaft standen denn auch im Mittelpunkt der Ausführungen von Magdalena Pöschl vom Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien. Sie nahm insbesondere die rechtliche Seite der Corona-Gesetzgebungen in den Blick und betonte, dass die Krise gezeigt hätte, dass die Kommunikation und die Klarheit von Normen einen entscheidenden Punkt darstellten. „Dass die Maßnahmen zur Bewältigung der Coronakrise jetzt evaluiert werden, ist sehr zu begrüßen“, so ÖAW-Mitglied Pöschl. Das ermögliche zu reflektieren, wie in Zukunft die Rechtssicherheit bei neuen Normen auch unter dem Zeitdruck einer Pandemie gewahrt und die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber den gesetzten Maßnahmen hoch gehalten werden kann.

Vergleichbare Daten, resilientes Wirtschaftssystem

Eine zentrale Frage für Martin Posch vom Zentrum für Medizinische Statistik, Informatik und Intelligente Systeme der Medizinischen Universität Wien ist: Welche Maßnahmen waren bei der Eindämmung der Epidemie am wirksamsten? Um dies herauszufinden, brauche die Forschung Zugang zu vergleichbaren Daten. Die Vergleichbarkeit von Daten sei aber nicht immer gegeben, so der Statistiker. „Auch in Europa sind viele Zahlen, wie etwa die Erhebung der Sterbezahlen, nicht standardisiert.“ Derzeit herrsche zwar Konsens, dass die in Österreich gesetzten Schritte insgesamt wirkungsvoll waren. Unklar sei aber noch, welche der zahlreichen Maßnahmen, welche konkreten Auswirkungen hatten.

Ebenfalls unklar ist auch, welche Folgen die Pandemie für die Volkswirtschaft haben wird. Wichtig für zukünftige Krisen oder eine „zweite Welle“ sei, so Sigrid Stagl vom Institute for Ecological Economics der Wirtschaftsuniversität Wien daher die Steigerung von Resilienz: Die Belastbarkeit des Wirtschaftssystems gegenüber Krisen müsse langfristig gestärkt werden.

All dies, ein resilientes Wirtschaftssystem, eine gute Datenlage, klare Rechtsnormen und die Bündelung von wissenschaftlicher Expertise für Bevölkerung und Politik sei im Übrigen, so war sich das Podium einig, nicht nur für die Coronakrise wichtig, sondern auch für die Bekämpfung einer anderen, ebenfalls andauernden Krise: dem Klimawandel. Denn, so Magdalena Pöschl: „Die Klimakrise wird uns noch länger beschäftigen als die Suche nach einem Impfstoff.“

 

 

AUF EINEN BLICK

Das Dialogformat „Wissenschaft und Politik im Gespräch“ bringt Mandatar/inne/n und Forscher/innen auf Einladung von österreichischem Parlament und ÖAW zum persönlichen Austausch zusammen. Das Ziel ist, der Politik fundiertes Wissen zur Verfügung zu stellen als Grundlage für die Entscheidungsfindung. Nach dem Auftakt im November 2018 fand am 18. Juni 2019 die zweite Veranstaltung der Gesprächsreihe zum Thema Digitalisierung statt. Der dritte Termin widmete sich nun am 16. Juni 2020 der Coronakrise.

 


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