

Wer „erfand“ den Kaiser von China? Vielleicht die Europäer, meint der Historiker Mark Elliott. Bei einem Vortrag an der ÖAW, der zugleich den Auftakt zu einer neuen Vortragsserie des ÖAW-Instituts für Iranistik darstellte, räumte der Harvard-Professor und Direktor des Fairbank Center for Chinese Studies mit so manchen tief verwurzelten Vorstellungen auf und beleuchtete auch die Rolle eines Österreichers bei deren Entstehung.
„Über China als Reich zu sprechen, ist eine alte Gewohnheit“, stellte Elliott bei seinem Vortrag „Was China an Empire?“ fest. Und doch könnte das Reich der Mitte in mehreren Perioden seiner Vergangenheit viel eher ein Königreich der Mitte als ein Imperium klassischen Zuschnitts gewesen sein. Denn der Begriff des Kaiserreiches China, so Mark Elliott, scheint nicht viel mehr zu sein als ein – vergleichsweise junger – Import spezifisch westeuropäischer Vorstellungen.
Innovative Denkanstöße
Eine geeignete Gelegenheit zur Vorstellung und Argumentation dieser unkonventionellen Perspektive bot sich Elliott bei der ersten JESHO (Journal of the Economic and Social History of the Orient) Lecture Series on Asian History in Wien. Veranstaltet vom Institut für Iranistik der ÖAW und Brill Academic Publishers zielt diese neue Vortragsserie darauf ab, „die innovativste, neue Denkanstöße gebende Forschung zur asiatischen Geschichte vorzustellen“, wie ÖAW-Vizepräsident Michael Alram betonte.
„Es gibt im vormodernen Chinesisch kein Wort, das Imperium bedeutet“, verdeutlichte also Elliott die historische Problematik den Besuchern der ersten JESHO Lecture. Tatsächlich, so die Forschungen des Harvard-Professors, ist die heute für Europäer selbstverständliche Wahrnehmung Chinas als Kaiserreich erst eine Erfindung des 17. Jahrhunderts. Bis dahin betrachteten sowohl Chinesen als auch Europäer das Reich der Mitte als Königreich.
Österreichische Erfindung?
Das Umdenken setzte erst mit einer militärischen Umwälzung in China und dem Werk eines österreichischen Jesuiten dazu ein: Der China-Reisende Martino Martini verfasste 1654 eine Darstellung der Eroberung Chinas durch die Qing-Dynastie, die ein Jahrzehnt zuvor stattfand. Der rücksichtslose, grausame und machtbewusste Ablauf dieser Eroberung veranlasste Martini und andere Beobachter dazu, das neue China der Qing-Dynastie mit Begriffen wie Reich bzw. Imperium zu versehen – einerseits in Rückgriff auf Vorstellungswelten der europäischen Antike, andererseits in Anlehnung an das zeitgenössische englische, französische, iberische und habsburgische Streben nach imperialer Herrschaft. In kürzester Zeit in die meisten großen Sprachen Europas übersetzt, leitete Martinis Buch eine neue Einordnung und Einschätzung des Reichs der Mitte in den Augen der Europäer ein.
In China selbst dauerte es freilich noch knappe zwei Jahrhunderte, bis Begriffe wie Imperium oder Kaiser in die Landessprache übertragen wurden. Der entsprechende Terminus „diguo“ kam im 19. Jahrhundert auf, doch auch dieser konnte sich erst nach einem Krieg durchsetzen: dem von 1894 bis 1895 geführten Japanisch-Chinesischen Krieg, der China zwar eine schmerzliche Niederlage bereitete, zugleich aber mit einem Friedensvertrag abgeschlossen wurde, in dem erstmals – auf Chinesisch – von einem Kaiserreich China die Rede ist.
Rezente Wiederauferstehung
Nicht weniger überraschend als die späte „Erfindung“ des chinesischen Imperiums sei dessen Wiederauferstehung in der jüngsten Vergangenheit. Im 20. Jahrhundert - nicht zuletzt aufgrund der Nähe zu ideologisch aufgeladenen Begrifflichkeiten wie dem Imperialismus - lange verdrängt, ist der Begriff des chinesischen Kaiserreiches seit den späten 1990er Jahren in China wieder in Gebrauch gekommen. Auch diesmal könnte die westliche Wahrnehmung wieder eine Rolle gespielt haben, wie Elliott mutmaßt. Der sich intensivierende Austausch mit China könnte angesichts des im Westen vielfach thematisierten Erstarkens des Landes dazu beigetragen haben, dass die Außenwahrnehmung erneut Einfluss auf die Eigenwahrnehmung genommen hat.
Dass es bei der Untersuchung von Begrifflichkeiten wie Reich bzw. Imperium um weit mehr als um Worte geht, sondern nicht zuletzt um die differenzierte Erfassung und angemessene Einordnungen der historischen Realitäten Chinas und damit um neue Anstöße für die Forschung, machte Elliot Besucher/inne/n der JESHO Lecture klar: „Von China nur als Reich zu denken, ist eine Falle“, betonte der Historiker. Denn nicht alle chinesischen Staaten der Vergangenheit wären notwendigerweise tatsächlich als Kaiserreiche zu sehen. Eine Erkenntnis, die in künftigen Forschungen selbst den sprichwörtlichen Kaiser von China in Verlegenheit bringen könnte.