17.12.2020

Klimawandel: Ötzi musste sich warm anziehen

Die Gipfel der Ostalpen waren in den vergangenen 10.000 Jahren schon einmal eisfrei. Das belegen neue Daten von Gletscherforscher/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Erst vor rund 5.900 Jahren wurde das Klima langsam wieder kälter und die Gletscher begannen erneut zu wachsen, berichten die Wissenschaftler/innen in Nature Scientific Reports.

© ÖAW/Daniel Hinterramskogler

Eiskernbohrungen an der Weißseespitze im Tiroler Kaunertal belegen, dass natürliche Klimaschwankungen, die die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung verstärken können, beachtliche Auswirkungen auf die Gletscher auch in hohen Lagen haben können. So waren die Gipfel der Ostalpen in den vergangenen 10.000 Jahren schon einmal eisfrei. Zu Ötzis Lebzeiten kühlte sich das Klima ab und die Gletscher rückten vor. Diese neuen Erkenntnisse wurden nun von Forscher/innen um Pascal Bohleber vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in der Fachzeitschrift Nature Scientific Reports veröffentlicht.

Innerhalb des Holozäns, das die vergangenen 11.700 Jahre umfasst, kam es in Europa wiederholt zu Klimaveränderungen. “Wir wissen zum Beispiel durch vom sich zurückziehenden Eis freigelegte Bäume, die datiert werden konnten, sowie aus anderen Klimaarchiven, dass es vor etwa 6.000 Jahren ein sogenanntes Klimaoptimum gab. Unsere neuesten Eiskernbohrungen legen nahe, dass damals auch hochgelegene Gipfel in den Ostalpen eisfrei waren”, sagt Pascal Bohleber.

Die Bohrungen wurden am Gletscher der 3.518 Meter hohen Weißseespitze durchgeführt. Durch im Eis eingeschlossenen Kohlenstoff konnten die ältesten Schichten, die sich am felsigen Untergrund befinden, datiert werden. Das älteste Eis im Gletscher ist demnach rund 5.900 Jahre alt, mit einer Schwankungsbreite von etwa 700 Jahren. “Das legt nahe, dass der Gipfel davor eisfrei war. Unsere Hypothese ist, dass damals auch in hohen Lagen kein für dauerhafte Vergletscherung günstiges Klima vorlag, etwa weil es zu warm war. Danach müssen sich wieder bessere Bedingungen für das Gletscherwachstum eingestellt haben”, sagt Bohleber.

Frierender Ötzi

Das heißt, dass die Gletscher in den Ostalpen ungefähr zu Lebzeiten von Ötzi, der nur wenige Kilometer von der Weißseespitze entfernt gefunden wurde, angewachsen sind. “Ötzi hat vor etwa 5.300 Jahren gelebt. Die Eiskerne deuten darauf hin, dass sich das Klima zu dieser Zeit verändert hat. Es wurde kühler und die Gletscher wuchsen wieder an. Das hieß für die Menschen damals, dass die Überquerung der Alpen wahrscheinlich gefährlicher wurde”, sagt Bohleber. Die Weißseespitze liegt höher als der Fundort von Ötzi und dürfte daher früher wieder vereist sein. Ob Ötzi im Eis starb oder ob sein Körper erst nach seinem Tod vom EIs eingeschlossen wurde, ist unklar. Das Eis, in dem Ötzi konserviert war, wurde nie datiert und ist heute nicht mehr vorhanden.

Die Ergebnisse der Forscher/innen passen gut zu den Daten, die aus anderen Klimaarchiven gewonnen wurden. “Die Rekonstruktionen von Gletscherminimalständen aus anderen Archiven stimmen sehr gut mit unseren Ergebnissen überein. Die Warmphase vor 5.900 Jahren ist damit gut gesichert, jetzt auch regional bis in die Gipfellagen”, sagt Bohleber. In den Ostalpen gab es bisher kaum belastbare Daten zur Gletscherentwicklung in hohen Lagen. Neben der Weißseespitze gibt es nur noch am nicht weit entfernten Ortler eine geeignete Stelle, um Bohrungen vorzunehmen. “Der Ortler ist ein wenig höher und das Eis etwas älter, die Daten passen aber sehr gut mit denen von der Weißseespitze zusammen”, sagt Bohleber.

Eis verschwindet wieder

Wenn die aktuelle Klimaerwärmung weiter geht, wird die Weißseespitze schon bald wieder eisfrei sein. “Wir haben Glück, überhaupt noch Bohrkerne entnehmen zu können. Die Zeit rennt uns davon. Es gibt nur noch zehn bis zwölf Meter Eis, schon in wenigen Jahren könnte dieses Klimaarchiv verschwunden sein”, so Bohleber. Dass die Gipfel um die Weißseespitze im Holozän schon einmal eisfrei waren, heißt nicht, dass es damals wärmer war als heute. “Wir können auf Basis unserer Daten nur sagen, dass die Gletscher vor etwa 5.900 Jahren wieder zu wachsen begonnen haben. Was davor war, lässt sich aus Eiskernen nicht rekonstruieren.”

Oberhalb von 4.000 Metern dürften hingegen die Gipfel der Westalpen vielerorts über das komplette Holozän hinweg vereist gewesen sein. Ob das auch in Zukunft so bleibt, ist ungewiss. “Die Geschwindigkeit, mit der die Gletscher derzeit zurückgehen, ist dramatisch und sollte dringend weiter erforscht werden. Die Gletschervergangenheit des Holozäns ist ein wichtiger Hintergrund dafür”, sagt Bohleber.

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Publikation

"New glacier evidence for ice‑free summits during the life of the Tyrolean Iceman", Pascal Bohleber, Margit Schwikowski, Martin Stocker‑Waldhuber, Ling Fang & Andrea Fischer, Nature Scientific Reports, 2020
DOI: https://doi.org/10.1038/s41598-020-77518-9

Rückfragehinweis

Sven Hartwig
Leiter Öffentlichkeit & Kommunikation
Österreichische Akademie der Wissenschaften
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T +43 1 51581-1331
sven.hartwig(at)oeaw.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:

Pascal Bohleber
Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Technikerstraße 21a, 6020 Innsbruck
T +43 512 507 49410
pascal.bohleber(at)oeaw.ac.at

 


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