28.03.2019

KINDERWUNSCH UND WIRKLICHKEIT PASSEN NICHT ZUSAMMEN

Frauen in Europa haben weniger Kinder als sie sich eigentlich wünschen. In Österreich bleiben insbesondere Akademikerinnen hinter ihren Vorstellungen zurück. Dies zeigt eine neue Vergleichsstudie von Demographinnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Der „Fertility Gap“ bezeichnet die Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl. Die Vermutung, dass der Kinderwunsch von Frauen höher liege als ihre Kinderzahl, wird oft als Argument für familienpolitische Maßnahmen angeführt. Doch ist dem auch tatsächlich so? Die Demographinnen Eva Beaujouan und Caroline Berghammer wollten es für eine Studie des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) genauer wissen: Sie haben den in früheren Umfragen angegebenen Kinderwunsch und die tatsächlich erreichte Kinderzahl von Tausenden Frauen in 19 Ländern Europas sowie in den USA miteinander verglichen.
 
Als Grundlage für die Studie wurden die Daten von insgesamt 12.574 Frauen herangezogen, die in den 1990er Jahren im Alter von 20 bis 24 Jahren sowie von 25 bis 29 Jahren für die „Fertility and Family Surveys“ der UN-Wirtschaftskommission für Europa nach ihrem Kinderwunsch befragt worden sind. In der aktuellen Studie haben Beaujouan, die seit kurzem an der Wirtschaftsuniversität Wien forscht, und die ÖAW-Demographin Caroline Berghammer untersucht, wie sich die damals abgefragten Zahlen zu den tatsächlichen Geburtenraten in den 20 untersuchten Ländern verhalten. Ihre Ergebnisse haben die Forscherinnen nun im Fachjournal „Population Research and Policy Review“ veröffentlicht

Diskrepanz bei gewünschter Kinderzahl

Die Kurzfassung: Es existiert tatsächlich eine Diskrepanz zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl. So gaben die in den 1990ern befragten, damals 20 bis 24 Jahre alten Frauen aus Österreich an, im Durchschnitt zwei Kinder zu wollen. Wie die Geburtenraten für diese Jahrgänge heute zeigen, bekamen sie aber durchschnittlich nur 1,7. Am größten ist der Unterschied bei österreichischen Akademikerinnen: Jene, die im Alter von 25 bis 29 Jahren befragt wurden, wünschten sich im Durchschnitt 1,8 Kinder. Bekommen haben Akademikerinnen dieser Jahrgänge durchschnittlich aber nur 1,5. Bei den Frauen mit mittlerer (gewünscht: 1,9 / realisiert: 1,8) und niedriger formaler Ausbildung (gewünscht: 2,0 / realisiert 1,8) ist dieser Unterschied weniger stark ausgeprägt, aber dennoch vorhanden.    

Einen Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit gibt es auch bei der Kinderlosigkeit: So wollten in Österreich, Deutschland und der Schweiz rund fünf Prozent der befragten Frauen im Alter von 20 bis 24 Jahren kinderlos bleiben, tatsächlich ist die spätere Kinderlosigkeit mit rund 20 Prozent aber viermal so hoch. Auch in Mittel- und Osteuropa – wo aktuell, wie in Ungarn, über „Babyprämien“ diskutiert wird – wollten ursprünglich rund fünf Prozent kinderlos bleiben (in Ungarn sogar nur ein Prozent), in der Realität bleiben aber zehn Prozent, also doppelt so viele, ohne eigenen Nachwuchs.

Bei Akademikerinnen ist diese Lücke besonders in Österreich sowie in der Schweiz, Deutschland, Italien und Spanien am größten: Von den höher gebildeten 25- bis 29-jährigen Frauen gaben ebenfalls fünf Prozent an, keine Kinder zu wollen, tatsächlich bleiben aber 26 bis 30 Prozent im Lauf ihres Lebens kinderlos. In anderen europäischen Ländern wie Norwegen, Belgien, Tschechien und Ungarn besteht hingegen kaum ein Bildungsgefälle: Niedriger gebildete Frauen bleiben ähnlich oft kinderlos wie Akademikerinnen.

Familienpolitische Maßnahmen

Am Gesamtbild ändere dies aber wenig, sagt Studien-Erstautorin Eva Beaujouan: „Akademikerinnen bleiben weitaus häufiger hinter ihrem Kinderwunsch zurück als niedriger gebildete Frauen. Deswegen sollte Familienpolitik bei ihnen ansetzen.“ Besonders Maßnahmen, die eine Kombination von Karriere und Kindern ermöglichen, seien wichtig, ergänzt ÖAW-Demographin Caroline Berghammer: „Dazu zählen ein gut ausgebautes Kinderbetreuungssystem,  einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld, wie es in Österreich bereits existiert, sowie eine höhere Flexibilität von Arbeitszeiten und Arbeitsort.“ Maßnahmen der Vereinbarkeit sollten auch Männer berücksichtigen, zum Beispiel durch die arbeitsmarktpolitische Förderung der Väterbeteiligung in der Familie, sind sich die Forscherinnen einig.