12.08.2020

„Kein zweiter Lockdown – ohne wirtschaftlichen Kollaps“

Welche wirtschaftlichen Folgen die Corona-Pandemie und ein möglicher zweiter flächendeckender Lockdown zeitigen könnten, erklärt Ökonom und ÖAW-Mitglied Josef Zechner im Interview.

Bei einem zweiten Lockdown und seinen wirtschaftlichen Folgen könnte es in Branchen, die besonders von der Pandemie betroffen sind, zu Kündigungswellen kommen. © Shutterstock

Das Coronavirus bedroht nicht nur die Gesundheit – es hat auch die Wirtschaft massiv ins Taumeln gebracht. Über die Auswirkungen von COVID-19 auf Unternehmen, Finanzmärkte und Anleger sowie die Bedeutung von wirtschaftlichen Hilfsprogrammen spricht Josef Zechner, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor am Institute for Finance, Banking und Insurance der Wirtschaftsuniversität Wien sowie Sprecher der Vienna Graduate School of Finance, im Interview. Er ist überzeugt: Einen zweiten, länger andauernden und flächendeckenden, Lockdown kann sich Österreich nicht mehr leisten, „ohne einen wirtschaftlichen Kollaps herbeizuführen.“

Gegenwärtig wird viel über eine zweite Welle diskutiert. Was würde eine zweite Welle für die Wirtschaft bedeuten?

Josef Zechner: Eine zweite COVID-19-Welle würde dazu führen, dass die sich gerade erst erholenden Unternehmensumsätze wieder wegbrechen, wobei aber die Kosten zu einem großen Teil weiter anfallen. Eine aktuelle Studie zur italienischen Wirtschaft zeigt, dass der auf die erste Welle folgende dreimonatige Lockdown dazu führen wird, dass ohne Rettungsprogramme durch den italienischen Staat oder die EU circa 17 Prozent der italienischen Unternehmen mit Ende des Geschäftsjahres negatives Eigenkapital haben werden, also insolvent wären. An diesen Unternehmen hängen aber rund 800.000 Arbeitsplätze. Bei einer zweiten Welle wäre also der Zielkonflikt zwischen den medizinisch sinnvollen Lockdownmaßnahmen und den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen noch viel schärfer.     

Bei einer zweiten Welle wäre der Zielkonflikt zwischen den medizinisch sinnvollen Lockdownmaßnahmen und den negativen wirtschaftlichen Auswirkungen noch viel schärfer. 

Wirtschaftlich gesehen kann man sich also keinen zweiten Lockdown leisten?

Zechner: Man könnte sich im Herbst oder im Winter sicher keinen zweiten, länger andauernden, flächendeckenden Lockdown mehr leisten, ohne einen wirtschaftlichen Kollaps herbeizuführen.

Folgt auf die COVID-19-Krise zwangsläufig eine neue Finanzkrise – oder ist die wirtschaftliche Abwärtsspirale noch zu stoppen?

Zechner: Dazu ist zunächst festzuhalten, dass die aktuelle Krise nicht durch das Finanzsystem verursacht wurde. Zu Beginn der COVID-19-Krise war das Bankensystem weltweit wesentlich widerstandsfähiger als dies vor der globalen Finanzkrise 2007 der Fall war. Banken müssen nun weitaus mehr Eigenmittel haben als dies früher der Fall war. Natürlich hängt die Antwort aber auch von den medizinischen Entwicklungen ab. Sollte die Pandemie noch in das kommende Jahr andauern und erneut einen weitreichenden Lockdown erfordern, so wäre eine Insolvenzwelle die Konsequenz. Diese könnte Banken in Schieflagen bringen und dadurch das gesamte Finanzsystem erschüttern.

In einem Worst-Case-Szenario könnten die steigenden Verschuldungen von Unternehmen und Staaten zu Insolvenzen führen.

Aber: Derzeit gehen wir nicht von diesem Worst-Case-Szenario gehen aus. Da die Krise eben nicht endogen durch Schwächen im Wirtschafts- beziehungsweise Finanzsystem verursacht ist, sollte es nach Fortschritten an der medizinischen Front zu einer raschen Erholung kommen und eine Finanzkrise würde sich nicht abzeichnen. 

Falls nicht abwendbar: Wie wird uns diese Finanzkrise als Gesellschaft betreffen? Sind alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen betroffen?

Zechner: In einem Worst-Case-Szenario könnten die steigenden Verschuldungen von Unternehmen und Staaten zu Insolvenzen führen. Ist erst einmal das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems erschüttert, so würde sich die Wirtschaftskrise signifikant verschärfen. Vor allem in jenen Branchen, die von der Pandemie am stärksten betroffen sind, würde es zu Kündigungswellen kommen. Die Aktiendynamik spiegelt das auch wider, wie ich in einer kürzlich publizierten Studie zu „Disaster Resilience and Asset Prices“ gemeinsam mit Marco Pagano und Christian Wagner zeige. Betroffen wären vor allem Arbeitnehmer/innen in den Sektoren Tourismus und Transport, während Arbeitnehmer/innen in Sektoren wie etwa Online Services und die pharmazeutische Industrie von der Pandemie eher profitieren.

Der erste Lockdown hat in Branchen wie dem Tourismus, dem Luftverkehr und Teilen des Handels sowohl zu Produktionsausfällen als auch ausbleibender Nachfrage geführt. Welche Maßnahmen sind hier sinnvoll, damit es nicht zu Liquiditätsengpässen kommt?

Zechner: In Reaktion auf die Krise stellen die Europäische Union, die nationalen Regierungen und auch Zentralbanken den europäischen Unternehmen direkt und indirekt Liquidität zur Verfügung. Die österreichische Regierung vergibt unter anderem Kreditgarantien, um Unternehmen weiterhin Zugang zu günstigen Bankkrediten zu ermöglichen. So werden zum Beispiel zur Deckung des kurzfristigen Liquiditätsbedarfs von Unternehmen aufgrund der Coronavirus-Krise bundesbesicherte Betriebsmittelkredite vergeben.

Hohe Unternehmensverschuldungen verlangsamen zukünftige Investitionen und zukünftiges Wachstum.

Die Kreditvergabe durch Banken wird auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) massiv unterstützt. Sie führt zum Beispiel sogenannte gezielte längerfristige Refinanzierungs­geschäfte durch. Diese Maßnahmen sind einerseits sinnvoll, weil sie die Liquiditätsengpässe der Unternehmen abfedern. Andererseits steigt durch diese Liquiditätshilfen der Verschuldungsgrad von Unternehmen signifikant, da die Liquidität fast ausschließlich in Form von Fremdkapital zur Verfügung gestellt wird. Zahlreiche theoretische und empirische Forschungen zeigen aber, dass hohe Unternehmensverschuldungen zukünftige Investitionen und zukünftiges Wachstum verlangsamen. Dieser Effekt wird in der Finanzwirtschaft als Debt Overhang Problem bezeichnet. 

Jetzt wäre es besonders wichtig, den Unternehmen nicht nur Zugang zu Fremdkapital zu erleichtern, sondern auch den Aufbau von Eigenkapital.

Wie soll man hier gegensteuern?

Zechner: Jetzt wäre es besonders wichtig, den Unternehmen nicht nur Zugang zu Fremdkapital zu erleichtern, sondern auch den Aufbau von Eigenkapital. Eine Möglichkeit ist es, die steuerliche Benachteiligung von Eigenkapital zu reduzieren. Eine weitere Möglichkeit: Hilfsprogramme teilweise über eigenkapitalähnliche Beteiligungen der öffentlichen Hand zu strukturieren. Dazu gibt es auch aus dem akademischen Umfeld interessante Vorschläge, etwa das Konzept eines European Pandemic Equity Fund, der auch kleineren und mittleren Unternehmen eigenkapitalähnliche Kapitalzuschüsse ermöglichen soll. Die betroffenen Unternehmen könnten dann die empfangenen Mittel über eine temporäre Erhöhung des Körperschafts- oder Umsatzsteuersatzes zurückzahlen.

Warum ist es wichtig, dass Regierungen in Krisenzeiten öffentliche Gelder für Unternehmen bereitstellen?

Zechner: Unterstützungen durch öffentliche Gelder können gerechtfertigt sein, wenn es sogenannte negative Externalitäten gibt. Das heißt, wenn etwa die Insolvenz eines Unternehmens auch negative Auswirkungen auf andere Unternehmen oder Finanzinstitutionen hat und dadurch die Fragilität des gesamten Wirtschaftssystems erhöht. Dies ist bei einem Lockdown, wie er in Folge von COVID-19 erfolgte, sehr plausibel. Ohne Hilfsprogramme der öffentlichen Hand hätte die Pandemie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems erschüttert. Marktteilnehmer hätten dann hohe Insolvenzwahrscheinlichkeiten erwartet und die Finanzierung von Unternehmen und Staaten wäre nur noch zu sehr ungünstigen Konditionen möglich gewesen. Dadurch würde genau die befürchtete Insolvenzwelle ausgelöst, es wäre also zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung gekommen. Ein entschlossenes Handeln der öffentlichen Hand beziehungsweise der Zentralbanken kann solche „schlechten Gleichgewichte“ unter Umständen verhindern, indem sie das Vertrauen in die Stabilität des Systems wiederherstellt.

Ohne Hilfsprogramme der öffentlichen Hand, hätte die Pandemie mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems erschüttert.

Und welche Probleme sind damit verbunden? 

Zechner: Werden solche Hilfsprogramme von vorn herein von der Wirtschaft erwartet, dann werden zu hohe Risiken eingegangen – frei nach dem Motto: Wenn es gut geht, machen wir Gewinne. Wenn es schlecht geht, werden wir vom Staat gerettet. Dieses Problem wird von Ökonomen als Moral Hazard bezeichnet. Es ist daher wichtig, dass die großen Empfänger solcher Hilfsprogramme, also große Finanzinstitutionen, Unternehmen oder hoch verschuldete Staaten langfristig auch für diese Programme aufkommen. Das ist die Herausforderung, der sich die Politik und die Regulatoren stellen müssen, nachdem diese Krise überwunden ist.  

 

AUF EINEN BLICK

Josef Zechner ist Professor of Finance and Investments an der Wirtschaftsuniversität Wien. Zuvor war er Professor of Finance an der Universität Wien und an der University of British Columbia in Kanada. Zechner ist seit 2004 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

 


Newsletter
Forschungs-News, Science Events & Co: Jetzt zum ÖAW-Newsletter anmelden!