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USA │ Rechtspopulismus

Historiker: „Rechte Bewegungen waren schon immer gut darin, neue Medien zu nutzen“

Wie nehmen amerikanische Universitäten den Amtsantritt von Donald Trump und seine enge Verknüpfung zur Tech-Szene wahr? ÖAW-Historiker Martin Tschiggerl ist aktuell als Fulbright Visiting Professor an der University of Minnesota und analysiert den Status-Quo in den USA.

05.02.2025
Silhouetten von Donald Trump und Elon Musk vor dem Hintergrund einer US-Flagge
Die Nähe zwischen Donald Trump und Elon Musk zeigt, wie Medien in den USA politisch genutzt werden.
© Shutterstock

Warum steht Silicon Valley beinahe geschlossen hinter Donald Trump? Welche Strategien haben rechte Parteien, um soziale Medien zu nutzen? Und wie gelingt es ihnen, sich als Fürsprecher des „kleinen Mannes“ und der „kleinen Frau“ zu inszenieren, obwohl sie auf radikale Deregulierung des Staates setzen? Antworten darauf versucht der Historiker Martin Tschiggerl zu finden. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und gerade als Gastprofessor an der University of Minnesota tätig.

Kollektiver Schock an den Universitäten

Wie wurde Elon Musks „Roman Salute“ in den USA aufgenommen?

Martin Tschiggerl: Ich unterrichte in Minneapolis, Minnesota, das ist trotz der Lage im Mittleren Westen auch bei dieser Wahl ein Staat mit starken demokratischen Wurzeln geblieben. Wahrscheinlich hat kaum jemand an der Universität Donald Trump gewählt. Die Menschen begegnen mir mit einem Gefühl der Scham über das, was in ihrem Land gerade passiert. Ich sage dann immer, dass es dafür keinen Grund gibt, schließlich bin ich Österreicher. Wir kennen das. Aber natürlich herrscht in den USA auch eine große Angst, dass relativ schnell universitäre Förderungen und Sozialleistungen eingestellt werden. Ich glaube, es ist so etwas wie ein kollektiver Schock, den ich gerade wahrnehme.

Es herrschteine große Angst, dass relativ schnell universitäre Förderungen und Sozialleistungen eingestellt werden.

Die Universitäten stellen sich also auf massive Einsparungen ein?

Tschiggerl: Laut dem „Projekt 2025“, das von einem Think Tank aus Trumps Umfeld stammt, wäre es ein logischer erster Schritt, dass kritische Universitäten auf Linie gebracht werden. Er hat immer wieder angekündigt, dass es zuerst die kritischen Institutionen treffen wird. In seinen Dekreten ist die Rede davon, dass der „woken Agenda“ das Geld abgedreht werden soll.  Aber, um auf ihre vorhergehende Frage zu antworten: Elon Musk ist nur ein Problem von vielen. Dass er mit der AfD sympathisiert, wird zwar wahrgenommen, aber es bleibt eine Marginalie. Man ist darauf fokussiert, was im eigenen Land passiert. Die Sorgen um die eigene Zukunft dominieren. 

Die Tech-Bros wollen einen schwachen Staat

Wie sehen Sie die enge Verknüpfung mit der amerikanischen Tech-Szene?

Tschiggerl: Da hat sich viel verändert, wenn man es mit 2016 vergleicht, als viele der großen Tech-Firmen noch beinahe geschlossen gegen Trump auftraten. Mittlerweile sind fast alle auf Linie, was nicht verwundert, da es ihnen hauptsächlich um Kapitalanhäufung und Deregulierung geht. Ich denke, dass die Regierung Trump beides umsetzen wird. Ein schwacher, deregulierter Staat wird ihnen zwar kurzfristig nutzen, aber letztendlich zu unser aller Schaden werden.

Den großen Tech-Firmen geht es hauptsächlich um Kapitalanhäufung und Deregulierung.

Ist das nicht ein Paradoxon an der neuen Rechten, dass sie verstärkt auf Nationalismus setzen, aber im Grunde einen extremen Wirtschaftsliberalismus umsetzen?

Tschiggerl: Natürlich ist es absurd, dass sich rechte Parteien als Fürsprecher des „kleinen Mannes“ und der „kleinen Frau“ inszenieren und dabei die Handlanger des Großkapitals sind. Sie machen in erster Linie Politik gegen die Interessen ihrer Wähler:innen, die schnell in ihren Geldbörsen merken werden, dass sie massiv von den Einsparungen betroffen sind. Viele haben gegen ihre eigenen Interessen gewählt, was schwer verständlich ist. Das wird die Forschung noch lange beschäftigen, warum das so ist.

MAGA: Zurück in die Vergangenheit

Was ist Ihre Theorie?

Tschiggerl: Es ist im Wahlkampf stark um das Alltagsleben gelangen. Durch die Inflation sind die Preise von Grundnahrungsmitteln in den letzten Jahren angestiegen. Der Slogan „Make America Great Again“ vermittelt das Gefühl, dass einem zumindest wahrgenommenen kollektiven Niedergang Einhalt geboten werden muss. Ich denke auch, dass die Unterstützung von Hollywood-Stars und Musiker:innen den Demokraten eher geschadet und das Narrativ verfestigt hat, dass sie eine „abgehobene Elite“ sind. Das Absurde daran ist, dass Trump sofort seine Millionärs-Freund:innen an wichtige Posten gesetzt hat. Vielmehr Elite als Musk, Bezos oder Zuckerberg geht eigentlich gar nicht.

Trump verspricht eine Rückkehr in eine vermeintlich goldene Vergangenheit.

Trump ist sogar gelungen, die queere Hymne „YMCA“ von den Village People für sich zu vereinnahmen. Was hat sich an den Methoden der rechten Politik geändert?

Tschiggerl: Rechte Bewegungen waren schon immer sehr, sehr gut darin, neue Medien für sich zu nutzen. Joseph Goebbels hat von Anfang an Radio, Wochenschauen und Filme instrumentalisiert, weil die Nationalsozialist:innen damit viele Menschen erreichen konnten. Der klassische Faschismus Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte einen Futurismus der neuen Zeit, die anbrechen muss. Ähnlich messianisch agiert auch Trump, verspricht gleichzeitig aber auch eine Rückkehr in eine vermeintlich goldene Vergangenheit. Man sieht aber auch bei neofaschistischen Bewegungen wie den Identitären in Deutschland und Österreich, dass sie sich Strategien und Techniken der Linken angeeignet haben. Sie setzen zum Beispiel auf Straßenaktivismus, den früher klassisch linke Bewegungen gemacht haben. 

Und wie sieht es mit den neuen Sozialen Medien aus?

Tschiggerl: Auch darin sind rechte Parteien überaus innovativ, Trump hat viele junge Stimmen gewonnen, weil er und sein Umfeld wussten wie man Soziale Medien und Memes nutzt. Unser Bild der digitalen Transformation als kulturelles Phänomen hat sich maßgeblich verändert. Wenn man Texte aus den 1990er-Jahren liest, gab es diese starke Euphorie und utopische Hoffnung, dass neue Zeiten anbrechen, weil plötzlich die Menschen miteinander vernetzt sind und alles Wissen der Welt für alle verfügbar ist. Man hoffte auf einer Ära der Neo-Aufklärung. Gut drei Jahrzehnte später ist das genaue Gegenteil eingetroffen. Es ist ein sehr dunkles, dystopisches Bild entstanden.

 

Auf einen Blick

Martin Tschiggerl promovierte im Fach Geschichte an der Universität Wien, wo er von 2017 bis 2020 Wissenschaftstheorie und vergleichende Mediengeschichte lehrte. Forschungsaufenthalte führten ihn an die Humboldt Universität zu Berlin und die University of Chicago. Bis 2022 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an Universität des Saarlandes, seitdem forscht er am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).