Tag 13:
Der Wetterbericht hat sich bewahrheitet und unser Flug nach Somerset Island musste wegen Sturmwarnungen abgesagt werden. Abgesehen davon, dass wir dadurch dort keine Proben nehmen können, enttäuscht uns vor allem eines: Erstmals werden wir keine Wale zu Gesicht bekommen.
Beim Flug über die Barrow Strait war es uns schon mehrfach vergönnt, Narwale, die „Ritter des Meeres“, zu sehen. Die flache Bucht Cunningham Inlet an der Nordküste von Somerset Island ist nichts Geringeres als der Schauplatz eines der spektakulärsten Schauspiele in der Tierwelt: In dieser flachen Bucht versammeln sich im Sommer mehr als 2.000 Belugawale, um im wärmeren Wasser ihre Kälber aufzuziehen und auch, um sich am Boden der flachen Meeresbucht die alte, gelblich gefärbte Haut abzureiben und wieder „belugaweiß“ zu werden.
Bunte Tierwelt
Auf der weiteren Flugroute entlang eines Flusses Richtung Boomerang Lake sehen wir auch regelmäßig die urtümlichen Moschusochsen, die beim Herannahen unseres Hubschraubers sofort ihre typische halbkreisförmige Abwehrstellung bilden, um die Jungtiere in der Mitte zu schützen.
Aufgrund der Nähe zum Meer ziehen hier auch immer wieder Eisbären durch. Vor einigen Jahren hatten wir besonderes Glück, als wir eine Bärin mit zwei Jungen beobachten konnten. Im Lauf der letzten 18 Expeditionsjahre durften wir einen großen Ausschnitt der arktischen Tierwelt sehen: verschiedenste Vogelarten, Polarhasen, Lemminge, Hermelin, Polarfüchse - und Arktische Wölfe.
Wolfsabwehr per Schuh
Einem Vertreter dieser wunderschönen Wolfsart dürfte ich vor einigen Jahren besonders nahe kommen: Bei einem unserer Aufenthalte am vom Nordpol etwa 900 Kilometer entfernten Lake Hazen ist, während ich im Schlafsack lag, ein großer Wolf laut knurrend und zähnefletschend durch den offenen Zelteingang in mein Zelt gekommen. Ich konnte ihn gerade noch abwehren, indem ich ihm meinen Bergschuh über den Schädel gezogen und laut angeschrien habe. Gemeinsam mit meinen mittlerweile erwachten Kollegen konnten wir dann den aggressiven Wolf mit seinem Rudel aus dem Lager verscheuchen.
Diese Geschichte hat es in der kanadischen Arktis-Community zu einiger Berühmtheit gebracht. Wölfe sind normalerweise sehr scheu und wir Menschen passen eigentlich nicht in ihr Beuteschema. Zum Glück ist es damals noch gelungen, ein Erinnerungsfoto von meinem Besucher zu schießen – das nicht zuletzt als Beweis dient.
Datenjahr an der Angel
Da es mit den Tierbeobachten heute also nichts wird, wenden wir uns profaneren Dingen zu und beginnen mit dem Zusammenräumen. Da am Abend überraschend die Sonne auftaucht und auch der Wind einschläft, fahren Paul, Karista und ich noch einmal zum Small Lake. Vielleicht können wir ja doch noch die Sensorkette bergen! Und tatsächlich, der Sturm hat die Eisdecke aufgebrochen, und wir können mit Boot und GPS die Stelle ansteuern, an der die Kette in elf Metern Tiefe verankert ist. Und wir haben Glück, nach wenigen Minuten finden wir die etwa zwei Meter unter der Wasseroberfläche schwimmende Boje. Jubelnd ziehen wir die Sensorkette in das Schlauchboot und fahren an Land, um die Daten eines ganzen Jahres herunterzuladen. Mit neuen Batterien bestückt versenken wir dann die Kette an derselben Stelle wieder im See und fahren hochzufrieden zur Station zurück. Partytime!
Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:
ÖAW-Gebirgsforscher
Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit
einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für
die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.
Kontakt:
Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
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