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„High Arctic“-Blog

ÖAW-Gebirgsforscher Günther Köck ist dem Ende der Welt nahe

11.08.2014

Heute steht der etwas über 50 Kilometer nordwestlich von der Forschungsstation Resolute Bay gelegene Amituk Lake auf dem Programm. Die Saiblinge in diesem See, den wir seit vielen Jahren untersuchen, weisen aus noch nicht ganz geklärten Gründen erheblich höhere Quecksilberkonzentrationen auf als in den anderen Seen. Dem wollen wir auf den Grund gehen.

Als Kollege Derek und ich zum täglichen Wetterbriefing kommen, diskutieren die Stationsmanager bereits mit dem Hubschrauberpiloten die Situation. Schon jetzt knattert die Fahne am Gebäude unserer Forschungsstation wie ein Maschinengewehr und ab Mittag soll der Wind bis auf 50 km/h auffrischen. Der Pilot beschließt, uns bei vernünftigen Bedingungen am See abzusetzen und uns nach getaner Arbeit oder bei plötzlicher Wetterverschlechterung wieder abzuholen. Wir laden also unsere Ausrüstung mithilfe einer Checkliste in den Hubschrauber.

Gerüstet für Eisbärenbesuch

Einen Ausrüstungsgegenstand zu vergessen, käme teuer - dann müsste nämlich jemand zur Station zurückfliegen. Diesmal haben wir für den Fall eines Eisbärenbesuchs wieder ein Gewehr und für den Fall, dass  sich unsere Abholung verzögert, ein Zelt dabei. Zum Glück ist die Wettersituation am Amituk Lake aber deutlich besser als in Resolute Bay. Der See liegt in einem Tal und ist vom Wind geschützt. Als der Lärm des Hubschraubers nach wenigen Minuten verebbt, kehrt absolute Stille ein. Nur ab und zu hört man das Klingeln der Eisschollen, das an das Kuhglocken-Gebimmel eines Almabtriebs erinnert. Das Gefühl absoluter Einsamkeit macht sich breit. Ein gleichermaßen beklemmendes wie schönes Gefühl. Mir fällt ein Spruch eines meiner T-Shirts ein: „Resolute Bay is not the end of the world, but you can see it from here“. Wie wahr!

Alter Meeresboden

Obwohl auch dieser See noch fast zur Gänze zugefroren ist, finden wir einen guten Platz für unsere Netze.  Um uns die Wartezeit zu verkürzen, führe ich Debbie und Derek in einen kleinen Canyon in der Nähe des Sees, den Paul, Karista und ich im Vorjahr für uns entdeckt haben. Nach einer kurzen Kraxlerei öffnet sich die Schlucht und wir stehen vor einem schönen Wasserfall. Das Erstaunlichste ist aber die Tatsache, dass die über 15 Meter hohen Wände der Schlucht und auch der Boden massenhaft Fossilien (zumeist Brachiopoden – „Armfüßer“ aber auch langestreckte Cephalopoden- „Kopffüßer“) aufweisen. Fossilien in der Zentralarktis zu finden, ist an sich nichts wirklich Weltbewegendes, weil das Gebiet ja alter Meeresboden ist, der sich nach dem Abschmelzen der riesigen Gletschermassen der letzten Eiszeit gehoben hat. Aber dieser „Fossilienfriedhof“  hier ist zumindest für mich wirklich etwas Besonderes. In jedem anderen, leichter erreichbaren Gebiet  wäre das wohl eine Touristenattraktion.

Heute ist uns das Fischerglück hold und wir können rascher als erwartet zehn Seesaiblinge aus den Maschen lösen. Per Satellitentelefon bitte ich die Forschungsstation um Abholung und eine Stunde später sind wir pünktlich zum Abendessen zurück. Als wir aus dem Hubschrauber steigen, reißt uns der Wind fast um. Paul und Karista erzählen, dass der Wind tagsüber immer stärker wurde und sie ihre Arbeit, sie waren heute am Small Lake, beenden mussten, weil es im Schlauchboot zu gefährlich geworden wäre. Für morgen sind sogar Windspitzen bis 90 km/h vorhergesagt! Sollte sich das bewahrheiten, wäre wohl unser Plan, nach Somerset Island zu fliegen, gestorben. Noch aber können wir hoffen…

 

Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:

ÖAW-Gebirgsforscher

Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit

einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für

die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.

Kontakt:

Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at