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„High Arctic“-Blog

ÖAW-Gebirgsforscher Günther Köck über Otter-Arbeitspferde und Gehörknöchelchen

05.08.2014

Tag 9:

Endlich wieder einmal ein erfolgreicher Tag! Aber der Reihe nach: Nach dem Frühstück pilgern wir wie praktisch alle Forscherteams zum Wetterbriefing in die „PCSP-Kommandozentrale“. Ein Ritual, das einem fixen Ablauf folgt: Um 8 Uhr wird per Funk mit allen Außencamps Kontakt aufgenommen, um sie über eventuelle Probleme und zur aktuellen Wettersituation zu befragen. Danach erstellen die erfahrenen PCSP(Polar Continental Shelf Program)-Mitarbeiter(innen) anhand der Wetterkarten und Satellitenbilder eine meist sehr präzise Wettervorhersage für die Arbeitsorte der jeweiligen Teams.

Zum Glück ist der Wetterbericht für Melville Island recht gut, sodass Derek, Debbie und Scott Lamoureux' Team nach Cape Bounty fliegen können. Es wird auch allerhöchste Zeit, da Scotts Studenten schön langsam die Nahrung ausgeht und auch das Camp geschlossen werden muss.

Otter-Arbeitspferd

Derartige Flüge werden üblicherweise mit dem „Arbeitspferd der Arktis“, einer zweimotorigen Twin Otter, durchgeführt. Diese Maschinen sind äußerst zuverlässig, benötigen für Start und Landung nur sehr kurze Pisten und können mit ihren dicken Tundrareifen auf sehr holprigem Untergrund landen.

Für die Umgebung von Resolute Bay sind die Aussichten wie gehabt: dichter Nebel und strömender Regen. Wir sind gestern mit unseren Vorbereitungsarbeiten fast fertig geworden und können daher bald zu unserem ersten See aufbrechen. Die beiden Schlauchboote sind aufgepumpt, die Batterien für die beiden Elektrobootsmotoren geladen, Funkgeräte und Satellitentelefon eingepackt, die Fischnetze liegen bereit. Wir steigen in unsere orangefarbenen Floatersuits, isolierte Sicherheits-Overalls, die einen bei einem Sturz ins kalte Wasser an der Oberfläche halten.

Riskantes Fischen

Als Paul, Karista und Joeffrey (ein einheimischer Student des Nunavut Research Institute) den Resolute Lake erreichen, fluchen wir erst einmal lautstark. Der See ist nämlich so wie im Vorjahr noch fast zur Gänze zugefroren, nur am Rand ist ein schmaler Streifen offenes Wasser. Verdammt, wie sollen wir da bloß fischen? Vom Bergen unserer Temperatursensoren sowieso ganz zu schweigen! Die müssen also bis zum nächsten Jahr im See bleiben. Hoffentlich halten die Batterien!

Als wir schon fast am Aufgeben sind, entdecken wir im Eis einen etwa 10 Meter breiten Spalt, der etwa 100 m in die ansonsten geschlossene Eisdecke ragt. Sollen wir da die Netze hineinhängen? Wenn der Wind dreht und sich der Spalt schließt, sind wir geliefert. Andererseits brauchen wir die Proben. Wer wagt, gewinnt! Wir setzen zwei Netze in den Spalt hinein. Nach einer dreiviertel Stunde dreht der Wind und wir kontrollieren die Netze. Unglaublich, in dieser kurzen Zeit sind uns 18 Fische ins Netz gegangen. Wir jubeln! Endlich haben wir Glück!

Während Paul und Karista noch Sedimentproben nehmen und Chironomiden (Larven von Zuckmücken) sammeln wollen, fahren Joeffrey und ich ins Labor zurück, um die Fische zu sezieren. Wir nehmen Fischfilet, Leber, Niere, Mageninhalt als Proben für die Schadstoffanalysen und entnehmen aus dem Kopf die Gehörknöchelchen, anhand derer das Alter der Fische bestimmt wird. Zum Essen bliebe von den Tieren also nicht viel übrig. Als auch Paul und Karista erfolgreich vom See zurückkehren, beschließen wir, zur Belohnung am Abend die in meinem Gepäck befindliche Single Malt Whisky-Flasche zu öffnen.

 

Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:

ÖAW-Gebirgsforscher

Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit

einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für

die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.

Kontakt:

Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at