Tag 15:
Der Tag des Abschieds. Als ich um 4:30 aufstehe, traue ich zunächst meinen Augen nicht. Der Nebel ist so dicht, dass man nicht einmal die umliegenden Gebäude sehen kann. Haben wir denn schon wieder Pech mit dem Flug? Entmutigt laden wir unsere Kisten auf den Pickup, fahren zum Flughafen und checken ein. Der First Air-Manager spricht aus, was wir alle befürchten: An einen Start ist derzeit nicht zu denken. Er sei aber zuversichtlich, dass der angekündigte Nordwind den Nebel verblasen wird. Also zurück zur Forschungsstation, um auf seinen Anruf zu warten.
Dort will uns das Frühstück nicht so richtig schmecken. Wir starren zum Fenster hinaus, als könnten wir den Nebel mit unseren Blicken vertreiben. Und es scheint, wir können: Plötzlich lichtet sich der Nebel und das Ende der Landebahn ist in Sicht – das reicht! Schon klingelt das Telefon und wir eilen zurück zum Flughafen. „Let´s get out of here!“, lachen auch die Piloten erleichtert.
Zeit der Trennung
Zehn Minuten später heben wir ab. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Arctic Bay erreichen wir nach etwa dreieinhalb Stunden Iqaluit. Dort haben wir - im Gegensatz zur Anreise - nur noch Zeit für einen schnellen Kaffee und schon beginnt das Boarding für den Flug nach Ottawa, wo wir am späten Nachmittag eintreffen. Hier trennen sich unsere Wege.
Derek wird gleich weiter nach Toronto fliegen, während Paul mit dem Auto zu einer zehnstündigen Fahrt nach Ann Arbor aufbricht. Wir sind uns einig: Es war eine spannende und trotz aller Probleme erfolgreiche Expedition. Wir umarmen uns. „Good bye, old friend! See you next year“!
Zeit zum Resümieren
Zwei Wochen voller Anspannung, Freude, Sorge und Erleichterung liegen hinter uns. Die Probleme bei der Anreise verkürzten unseren Aufenthalt in der Forschungsstation in Resolute Bay um eine Woche. Und doch konnten wir dank exzellenter Kooperation im Team den größten Teil unseres Arbeitsprogramms erledigen. Natürlich zerrte die wetterbedingt schwierige Situationen an den Nerven aller Teammitglieder und es bedurfte schon einiges an Vertrauen und persönlicher Freundschaft, um das Beste aus der Lage zu machen.
Schade, dass aufgrund der Eisverhältnisse Temperatursensoren nun schon zum zweiten Jahr in Folge in zwei Seen bleiben müssen. Der Ladezustand der Batterien aus den geborgenen Sensoren stimmt uns jedoch zuversichtlich, dass die zurückgelassenen Messgeräte auch bis zum nächsten Sommer einwandfrei arbeiten werden. Uns bleibt die Hoffnung, dass 2015 das Wetter wieder etwas freundlicher ist. Nach der aufregenden Feldforschung ist jetzt erst einmal Routinearbeit in den Labors angesagt. Aber sobald die Computer die Daten ausspucken, wird es wieder spannend!
Eine Frage der Gesundheit
Wenn Sie sich fragen, was denn der unmittelbare Nutzen unserer Forschungsarbeit ist, könnte ich mit einem Essay über Langzeitforschung, Klimawandel und seine Auswirkungen auf Gewässerökosysteme antworten. Aber es steht noch etwas viel Unmittelbareres auf dem Spiel: die Gesundheit der Inuit. Die einheimische Bevölkerung sitzt ernährungstechnisch zwischen zwei Stühlen. Einerseits führt die westliche, im Supermarkt erhältliche Nahrung bei den Einheimischen zu denselben Zivilisationskrankheiten (z. B. erhöhter Cholesterinspiegel, Übergewicht, Herz-und Kreislauferkrankungen) wie in unserer Gesellschaft. Andererseits ist die traditionelle Nahrung der Inuit, die für die Identifikation der Menschen mit ihrer Kultur sehr wichtig ist, wie etwa Fleisch und Fett von Walen und Robben und eben auch Fische stark mit Schwermetallen wie Quecksilber sowie organischen Schadstoffen belastet. In einigen von uns untersuchten Seen liegen die Quecksilberkonzentrationen in den Fischen erheblich über den von der kanadischen Regierung zugelassenen Grenzwerten. Die von uns ermittelten Daten spielen daher eine entscheidende Rolle für die Anstrengungen der Behörden zur Verbesserung der Ernährungssituation und der Gesundheit der Inuit.
Dankeschön
Und damit komme ich zum Ende meines Expeditionsberichts. Die Intention dieses Blogs war es, Sie auf eine Forschungsreise in die kanadische Arktis mitzunehmen und Ihnen alle Facetten einer Forschungsexpedition möglichst authentisch näher zu bringen. Gleichzeitig habe ich versucht, Ihnen die Faszination einer der einsamsten, aber auch schönsten Gegenden der Welt zu vermitteln. Sollte jemand Interesse haben, mehr über unsere Forschungsarbeit zu erfahren, stehe ich unter guenter.koeck(at)oeae.ac.at für Auskünfte zur Verfügung. Abschließend möchte ich mich bei Ihnen, liebe Leser(innen), für ihr Interesse bedanken.
Der „High Arctic“-Blog von Günter Köck:
ÖAW-Gebirgsforscher Günther Köck forschte in der kanadischen Arktis. Er untersuchte mit einem internationalen Team die Auswirkungen der globalen Erwärmung. Für die ÖAW berichtete er über den Alltag in Resolute Bay.
Kontakt:
Dr. Günter Köck
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
T +43 1 51581-1271
guenter.koeck(at)oeaw.ac.at