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Grönland: Wird die NATO auf Eis gelegt?

Im Gespräch mit der ÖAW analysiert der norwegische Politikwissenschafter Paal Sigurd Hilde, was die Besetzung Grönlands durch die USA für NATO, Europa und die atomare Abschreckung bedeuten würde.

14.01.2026
Die Schulter eines Soldaten in Militäruniform mit aufgedruckter EU-Flagge
Grönland ist zu einem Zankapfel zwischen Europa und den USA geworden.
© AdobeStock

Was wäre, wenn ein NATO-Staat einen anderen angreift? Diese Frage ist inzwischen alles andere als hypothetisch, wie der aktuelle Konflikt um Grönland beweist. Nach Ankündigungen von US-Präsident Donald Trump die Insel den USA einzuverleiben, schicken europäische Staaten wie Schweden, Deutschland und Frankreich nun erste Truppen. Sie sollen die Zugehörigkeit Grönlands zu Dänemark bekräftigen. Wie es mit der größten Insel der Welt weitergeht, ist ungeachtet dessen weiterhin völlig offen. Auf dem Spiel steht nicht nur das Schicksal Grönlands - sondern auch das der NATO: Das Militärbündnis könnte mit einem eskalierenden Konflikt auf Eis gelegt werden, analysiert Paal Sigurd Hilde. 

Im Interview mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) skizziert der Politikwissenschafter vom Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien, welche Auswirkungen ein hypothetischer Angriff der USA auf Grönland für das Bündnis, die europäische Sicherheit und die nukleare Abschreckung hätte. Er erklärt, welchen Nutzen Russland daraus ziehen könnte, wie realistisch eine militärische Eigenständigkeit Europas ist – und warum Europa trotz allem einen „Plan B“ braucht.

NATO im Winterschlaf?

Welche sicherheitspolitische Bedeutung hat Grönland über seine geografische Lage hinaus?

Paal Sigurd Hilde: Grönlands Bedeutung für die nordamerikanische und die nordatlantische Sicherheit im traditionellen, militärischen Sinne ergibt sich ausschließlich aus seiner geografischen Lage. Aus nordamerikanischer Perspektive ist Grönland wichtig für die hemisphärische Luft- und Raketenabwehr – in Form der US-amerikanischen Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base). Aus nordatlantischer Perspektive bildet Grönland den westlichsten Rand der sogenannten GIUK-Lücke – der Grönland-Island-UK-Lücke –, die historisch wie auch heute für die maritime Verteidigung der nordatlantischen Seewege von Bedeutung ist. In einer weiter gefassten Auslegung des Sicherheitsbegriffs, die auch „wirtschaftliche Sicherheit“ umfasst, ließe sich argumentieren, dass die vermutlich großen Vorkommen wichtiger natürlicher Ressourcen wie etwa seltener Erden Grönland ebenfalls bedeutsam machen.

Die NATO würde wohl in eine Art „Winterschlaf“ fallen, bis die US-Aggression rückgängig gemacht ist und Trump als Präsident abgelöst wird.

Was würde ein hypothetischer US-Angriff auf Grönland für die NATO bedeuten? Wäre das Bündnis in einem solchen Szenario politisch oder faktisch handlungsunfähig?

Hilde: Sollten die Vereinigten Staaten Grönland angreifen und besetzen, würde dies das Ende jeder praktischen Zusammenarbeit in der NATO bedeuten. Der Nordatlantikvertrag verpflichtet alle Mitgliedstaaten, einander einzeln und gemeinsam gegen jeden bewaffneten Angriff auf ein oder mehrere Mitglieder zu unterstützen. Wenn ein Mitglied des Bündnisses ein anderes angreift, wäre dies ein fundamentaler Bruch der Grundprinzipien des Vertrags – ganz zu schweigen vom Vertrauensverhältnis – und würde ihn faktisch wertlos machen. Ein solcher Angriff würde die Staaten zwar vermutlich nicht zum Austritt aus der NATO bewegen, doch jede praktische Zusammenarbeit unter Beteiligung der Vereinigten wäre inakzeptabel. Da die NATO auf Konsens beruht, würde Dänemark – wie Ministerpräsidentin Mette Frederiksen angedeutet hat – die Zusammenarbeit wahrscheinlich beenden  – vermutlich mit Unterstützung der meisten anderen Verbündeten. Die NATO würde dann wohl in eine Art „Winterschlaf“ fallen, bis die US-Aggression rückgängig gemacht ist und Trump als Präsident abgelöst wird.

Russland als Nutznießer

In welchem Ausmaß bezieht Russland interne Spannungen innerhalb des westlichen Bündnisses bewusst in seine Strategie ein – und wie gefährlich sind solche politischen Bruchlinien aus militärstrategischer Sicht?

Hilde: Ich weiß nicht, in welchem Ausmaß Russland interne Spannungen zwischen NATO-Staaten tatsächlich „in seine Strategie einpreist“, doch es besteht kaum Zweifel, dass die von Trump und seiner Regierung verursachten Konflikte in Moskau willkommen sind. Russland versucht seit Langem, Spaltungen im Westen zu säen, und tut dies weiterhin aktiv – unter anderem mit dem, was häufig als „hybride“ oder „Grauzonen“-Operationen bezeichnet wird. Trumps Pläne in Bezug auf Grönland sowie unter anderem sein Schwanken in der Frage des russischen Krieges gegen die Ukraine untergraben eindeutig den Zusammenhalt der NATO und „des Westens“ insgesamt. Das kommt Russland zugute.

Es ist schwer vorstellbar, dass europäische Staaten die baltischen Länder kampflos ihrem Schicksal überlassen würden.

Teilen Sie die Einschätzung, dass Russland bislang vor allem wegen der von den USA geführten NATO von einer Invasion der baltischen Staaten abgesehen hat?

Hilde: Es besteht kaum Zweifel, dass die Mitgliedschaft der baltischen Staaten in der NATO eine wirksame Abschreckung gegen russische Aggression darstellt. Sollte die NATO zerfallen, würde diese Abschreckung offensichtlich geschwächt, doch das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Russland sofort angreifen würde. Zwar ist die EU militärisch nicht so schlagkräftig wie die NATO, doch enthält auch der Vertrag von Lissabon eine Solidaritätsklausel, und es ist schwer vorstellbar, dass europäische Staaten die baltischen Länder kampflos ihrem Schicksal überlassen würden. Zudem ist Russland, solange Putins Krieg in der Ukraine andauert, militärisch nicht in der Lage, ein weiteres Land anzugreifen.

Unabhängiges Europa

Realistisch betrachtet: Wie lange würde es dauern, bis Europa militärisch unabhängig von den Vereinigten Staaten wäre?

Hilde: Das hängt davon ab, was man unter militärischer Unabhängigkeit versteht. Wenn damit gemeint ist, „das leisten zu können, was Europa gemeinsam mit den USA in der NATO militärisch leisten kann“, dann lautet die Antwort möglicherweise: nie. Europa allein ist jedoch keineswegs wehrlos. Selbst wenn die USA all ihre Truppen und ihre Unterstützung abziehen würden, wären die europäischen Staaten in der Lage, Widerstand zu leisten. Angesichts der Tatsache, dass Russland es in fast vier Jahren Angriffskrieg nicht geschafft hat, die Ukraine zu besiegen, gibt es keinen Hinweis darauf, dass es in einem Konflikt gegen ein geeintes Rest-NATO- bzw. EU-Europa erfolgreich wäre. Europa könnte also relativ schnell militärisch unabhängig von den USA werden – im Sinne der Fähigkeit, Russland von einem Angriff abzuschrecken und sich im Ernstfall zu verteidigen. Dafür wären politischer Wille zu einer glaubwürdigen kollektiven Verteidigung, weiterhin hohe Verteidigungsausgaben und insbesondere eine stärkere Integration der europäischen Verteidigung erforderlich, etwa durch den Aufbau einer integrierten europäischen Kommandostruktur.

Die europäische Sicherheit befindet sich in ihrer schwersten Krise seit dem Kalten Krieg – und vielleicht noch länger.

Und in puncto Atomwaffen?

Hilde: Die erweiterte nukleare Abschreckung der USA spielt in der russischen Militärplanung höchstwahrscheinlich eine wichtige Rolle, und ein Europa ohne glaubwürdige nukleare Abschreckung wäre aus russischer Sicht nuklearer Erpressung ausgesetzt. Dann stellt sich die Frage, welche Rolle die französischen und britischen Atomwaffen spielen könnten und ob diese Abschreckung glaubwürdig wäre. Fiele die Antwort negativ aus, könnte ein Rückzug der USA aus Europa dazu führen, dass andere Länder, etwa Polen, eigene Atomwaffen entwickeln.

Wird die Bedrohungslage in Europa eher politisch verharmlost oder instrumentalisiert?

Hilde: Die europäische Sicherheit befindet sich in ihrer schwersten Krise seit dem Kalten Krieg – und vielleicht noch länger: mit einem umfassenden Krieg in der Ukraine und einer US-Regierung, die die NATO und die transatlantische Einheit aktiv und bewusst untergräbt. Wie angedeutet, halte ich die Gefahr eines bewaffneten russischen Angriffs auf andere europäische Länder bisweilen für übertrieben dargestellt. Ich bleibe Optimist in dem Sinne, dass ich nicht glaube, dass aus Trumps Gerede über eine Übernahme Grönlands etwas wird und dass sowohl die NATO als auch das Engagement der USA für die europäische Sicherheit diese zweite Trump-Periode überstehen werden, wie schon die erste. Was wir in Europa jedoch tun sollten, ist, das bis vor Kurzem Undenkbare zu denken und einen Plan B auszuarbeiten: Wie wir die europäische Sicherheit und Freiheit ohne die Vereinigten Staaten schützen und bewahren können. Hoffentlich ist es ein Plan, den wir nie brauchen werden – aber einen Plan zu haben, ist immer gut.

 

Informationen

Paal Sigurd Hilde forscht am Norwegischen Institut für Verteidigungsstudien in Lillehammer. Er studierte Russisch- und Osteuropastudien sowie Politikwissenschaft an der University of Oxford. Er arbeitete u.a. im norwegischen Verteidigungsministerium sowie für mehrere staatliche Kommissionen, darunter zur Afghanistan-Mission.