Zurück

Gene der Eiszeit

Einer der prähistorischen Säuglinge, deren Grab vor zehn Jahren von ÖAW-Achäolog/innen nahe Krems freigelegt wurde, ist ein Junge. Das berichtet ein internationales Team in „Nature“. Neue DNA-Analysen erhellen zudem die komplexe Abstammung der heutigen Europäer/innen.

03.05.2016
Der Fund von Krems: ein über 30.000 Jahre altes Skelett. Bild: NHM Wien
Der Fund von Krems: ein über 30.000 Jahre altes Skelett. Bild: NHM Wien

Es ist ein Junge! Mehr als 30.000 Jahre sind die Sensationsfunde alt, die Wissenschaftler/innen des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) 2005 und 2006 bei Ausgrabungen am Kremser Wachtberg in Niederösterreich entdeckten. Damals wurde, neben einer Doppelbestattung zweier Säuglinge, das Grab eines drei Monate alten Neugeborenen freigelegt. Unklar war bis heute, welches Geschlecht das Kind hatte. Ein nun im Wissenschaftsmagazin „Nature“ veröffentlichter Beitrag kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Der prähistorische Säugling war ein Knabe.

Das ist allerdings nicht das einzige Ergebnis der unter dem Titel „The Genetic history of Ice Age Europe“ veröffentlichten umfangreichen Studie eines internationalen Teams, an dem auch die österreichischen Wissenschaftler/innen Christine Neugebauer-Maresch von der ÖAW und Maria Teschler-Nicola, die am Naturhistorischen Museum Wien und an der Universität Wien tätig ist, beteiligt waren.

So war die aus Knochen gewonnene Genprobe des glücklosen Jünglings Teil eines Samples von insgesamt 51 Datensätzen von Skelettfunden aus ganz Europa, deren zeitliche Bandbreite von 45.000 bis 7.000 Jahre reichte. Deren Analyse sollte Licht in das Dunkel der genetischen Geschichte des eiszeitlichen Menschen in Eurasien bringen.

Neandertaler im heutigen Menschen
So konnte etwa mittels der Gene aus der Eiszeit anhand eines chronologischen und regionalen Vergleichs gezeigt werden, dass der heutige Mensch nur wenig mit den ersten anatomisch modernen Menschen, die vor 45.000 Jahren in Europa lebten, zu tun hat. Denn deren Genvarianten sind beim Menschen der Gegenwart nicht mehr zu finden. Dafür steckt in jedem von uns noch immer ein kleines Stück Neandertaler. Immerhin rund zwei Prozent beträgt sein Anteil am Erbgut heutiger Europäer/innen.

Gegenüber der Frühzeit des modernen Menschen ist das ein Rückgang, wie nicht zuletzt erneut die genetische Analyse des Knaben von Krems-Wachtberg nachweisen konnte. Er hatte noch 3,9 Prozent Neandertal-Anteil in seiner genetischen Ausstattung. Trotzdem zählt er bereits zu den Vorfahren des heutigen Europäers, dessen erste Ahnen vor etwa 37.000 Jahren in Erscheinung traten. Diese wiederum, auch das berichten die Forscher/innen in „Nature“, weisen ab etwa 14.000 Jahren eine Affinität zu eingewanderten Gruppen aus dem Nahen Osten auf. Ein überraschendes Ergebnis, da man bisher davon ausging, dass dieser genetische Beitrag erst vor rund 9.000 Jahren erfolgte.

Wanderndes Venus-Wissen
Ebenso überraschend ist auch die Lösung eines kulturellen Rätsels mithilfe der modernen Genetik. Die gestalterische Ähnlichkeit von Venus-Figuren im niederösterreichischen Willendorf und dem russischen Kostenki wurde lange Zeit auf eine Bevölkerungswanderung zurückgeführt. Tatsächlich gewandert dürfte allerdings, das legen die genetischen Unterschiede bei den betreffenden Skelettfunden nahe, nur das Wissen zur Herstellung sein. Kurz: Kulturtransfer statt Gentransfer.

 

The genetic history of Ice Age Europe. Qiaomei Fu, […],

Christine Neugebauer-Maresch, Maria Teschler-Nicola […], Johannes

Krause, Svante Pääbo, David Reich. Nature, 2016
DOI: 10.1038/nature17993

ÖAW-Institut für Orientalische und Europäische Archäologie