05.03.2020

„Gender Bias schadet der Qualität der Wissenschaft“

Stereotype Annahmen von Männlichkeit und Weiblichkeit sind nicht nur im Alltagsleben verbreitet, der Gender Bias wirkt sich auch in der Wissenschaft aus. Welche diskriminierenden kulturellen Normen heute noch im Wissenschaftsbetrieb zu finden sind, erzählt Umwelthistorikerin und ÖAW-Mitglied Verena Winiwarter.

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Seit Ende der 1990er-Jahre stellen Frauen in Österreich die Mehrheit unter Studierenden, doch mit jeder Stufe auf der wissenschaftlichen Karriereleiter verringert sich die Zahl der Frauen dramatisch. Dieses Phänomen wird metaphorisch als Leaky Pipeline beschrieben. Durch dieses „Versickern“ geht beträchtliches wissenschaftliches Potenzial verloren. Dass fest verankerte und wirksame Annahmen und Stereotype über Männlichkeit und Weiblichkeit unser Handeln beeinflussen, ist längst empirisch belegt. Wie sich dieser Gender Bias in der Wissenschaft auswirkt und warum er sich so hartnäckig hält, erklärt Verena Winiwarter, Umwelthistorikerin an der Universität für Bodenkultur Wien und wirkliches Mitglied der ÖAW, im Interview.

Frau Winiwarter, wie wirkt sich der Gender Bias, also der Verzerrungseffekt durch stereotype Annahmen von Männlichkeit und Weiblichkeit,in der Wissenschaft aus?

Verena Winiwarter: Er führt dazu, dass Forschungseinrichtungen und Universitäten für Forscherinnen nicht die gleichen Möglichkeitsstrukturen bieten wie für Forscher, sondern schlechtere. Solange der Gender Bias eine feststellbare Tatsache ist, wird das Exzellenzpotential der Frauen nicht ausreichend gewürdigt. Das ist ein Schaden für die Exzellenz und die Qualität der Wissenschaft insgesamt.

Inwiefern hat das Einfluss auf die Arbeitsrealität von Frauen in der Wissenschaft?

Winiwarter: Der Gender Bias beeinflusst, welche Arbeitsbedingungen Frauen vorfinden, wie sie bezahlt werden, welche Karrierechancen sie haben – und wie viele Anträge sie einreichen müssen, bevor sie einen positiv beschieden bekommen. Es gibt das berühmte Phänomen der Leaky Pipeline: Wir fangen mit mehr Bachelorabschlüssen von Frauen an, aber auf der Ebene der Professuren ist das Verhältnis sehr zu Gunsten der Männer verzerrt. Da müssen uns exzellente Frauen durch die Lappen gegangen sein.

Es gibt das berühmte Phänomen der Leaky Pipeline: Wir fangen mit mehr Bachelorabschlüssen von Frauen an, aber auf der Ebene der Professuren ist das Verhältnis sehr zu Gunsten der Männer verzerrt.

Welche Schritte sollten gegen karrierehemmende Phänomene wie Leaky Pipeline unternommen werden?

Winiwarter: Wir haben innerhalb der ÖAW konkrete Schritte diskutiert. Einige Kolleginnen, die auch jüngere Forscherinnen betreuen, sagen, dass es längere Förderungszeiträume bräuchte. Frauen, die in der Postdoc-Phase Kinder bekommen, haben durch Schwangerschaft und Geburt längere Abwesenheiten. Wenn man etwa im Labor mit gefährlichen Substanzen arbeitet, darf man es ab dem Zeitpunkt der Schwangerschaft nicht mehr betreten. Hier gibt es eine körperlich bedingte Ungleichheit, die auf der institutionellen Ebene ausgeglichen werden kann. Darum geht es: Dass man institutionell eingreift, um gleiche Möglichkeiten herzustellen.

Können Mentoring und Förderschienen für Frauen dem Gender Bias entgegenwirken?

Winiwarter: Nur teilweise. Die geradezu offensive Mentoringlandschaft und die vielen Förderprogramme, die auf Frauen zugeschnitten sind, rütteln nicht an der patriarchal-hegemonialen Männlichkeit, die der Kultur des akademischen Lebens eingeschrieben ist. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass gelegentlich eine Frau Rektorin wird.

Geschlechterdiskriminierung ist viel weniger offensichtlich als früher, sie ist unauffälliger geworden.

Die derzeitigen Standards für Evaluierungen sind nach Männern als Norm ausgerichtet. Ein Beispiel dafür sind Reviewer für Journals: Männliche Herausgeber suchen sich nachweislich überproportional oft männliche Begutachter. Wie oft man eingeladen wurde, eine Begutachtung zu schreiben, ist aber Teil der Evaluationskriterien. Ein anderes Beispiel: Wenn es um die Vergabe einer Professur geht, bekommt sie eher die Person mit den höheren Impact-Faktoren des Journals und nicht die Person, die mehr in Beiräten für Gender und Diversity gearbeitet hat.

Sie sagen, die Geschlechterdiskriminierung sei „untergetaucht“. Was meinen Sie damit?

Winiwarter: Geschlechterdiskriminierung ist viel weniger offensichtlich als früher, sie ist unauffälliger geworden. Sie ist in den diskursiven Praktiken und den Bewertungen von Personen eingeschrieben. Dass zwei identische Bewerbungsschreiben, einmal mit dem Vornamen Julia, einmal mit Julian, unterschiedlich bewertet werden, ist ein mehrfach empirisch belegtes Beispiel für dieses Problem.

Der Bias ist also ein blinder Fleck?

Winiwarter: Der Gender Bias ist in die Institutionen derart eingeschrieben, dass es unsere Aufgabe als Personen in diesen Institutionen ist, immer wieder darauf hinzuweisen. Es geht darum eigene Stereotype oder Wahrnehmungsverbiegungen gezielt zu bekämpfen. Aber es ist nicht nur eine persönliche Aufgabe, sondern die Aufgabe der Institutionen, dafür zu sorgen Schieflagen zu erkennen. Dabei ist es egal, wodurch ein Bias zustande kommt, ob durch Alter, Einkommen, ethnische Herkunft oder Migrationshintergrund. Jede Art von Bias erzeugt ein Problem.

Die Forschungs- und Wissenschaftsinstitutionen dieses Landes haben eine Vorbildfunktion. Und wir Frauen haben eine Botschafterinnenrolle.

Wird in anderen Ländern mehr unternommen? Kennen Sie ermutigende Beispiele?

Winiwarter: Der schwedische Forschungsfonds etwa zeigt, wenn er ein internationales Gremium zur Begutachtung einlädt, zu Beginn einen Film über Bias. Das regt die Menschen zum Nachdenken an. Oder die Intervention der Leopoldina, der Akademie der Wissenschaften in Deutschland: Um ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis zu erreichen und mehr exzellente Frauen als Mitglieder aufnehmen zu können, wird eine Frau, wenn sie von einer disziplinären Fachgruppe als Mitglied vorschlagen wird, bei ihrer Aufnahme nicht zur Gesamtsumme der Mitglieder addiert, sondern zusätzlich aufgenommen. Denn, laut Leopoldina, ist es die Aufgabe der Akademie als gesellschaftliches Vorbild zu wirken.

Wie sehen Sie die gesellschaftliche Vorbildwirkung von Universitäten und Akademien? 

Winiwarter: Universitäten sind nach Paragraph 1 des Universitätsgesetzes dazu aufgerufen, sich um die Verbesserung gesellschaftlicher Bedingungen zu kümmern. Mutatis mutandis würde ich das auch auf die ÖAW als eine Exzellenzeinrichtung umlegen und sagen: Die Forschungs- und Wissenschaftsinstitutionen dieses Landes haben in jedem Fall eine Vorbildfunktion – und das sollten sie bewusst tun. Und wir Frauen haben eine Botschafterinnenrolle, egal aus welcher Fachdisziplin wir kommen. Wenn wir nichts sagen, ist unser Schweigen auch als Zustimmung interpretierbar.

 

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Die Geschichte von Frauen an der ÖAW arbeiten die beiden Historikerinnen Doris Corradini und Katja Geiger im Rahmen der AG Geschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1847-2022 auf. Ihre Erkenntnisse fließen in das zweibändige Werk ein, das 2022 zum 175-jährigen Bestehen der Akademie erscheint. 

Im Zuge des Projekts haben Corradini und Geiger biografische Aufsätze zu weiblichen Mitgliedern der ÖAW in der Geschichte zusammengestellt, die hier zum Nachlesen zu finden sind. Der neueste Aufsatz über die Physikerin Berta Karlik wurde von der Historikerin Veronika Duma recherchiert und verfasst.

Berta Karlik

Lise Meitner

Christine Mohrmann und JaCqueline de Romilly