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DemographieCare-Arbeit

Frauen über 50 in Europa sozial weniger integriert

Eine internationale Vergleichsstudie in 21 Ländern unter Beteiligung von Demograph:innen der ÖAW zeigt: Frauen sind im Alter durchschnittlich weniger sozial integriert – besonders dort, wo viel Betreuungsarbeit auf ihnen lastet.

10.07.2025
Eine von hinten fotografierte Frau blickt auf einen See
© AdobeStock

Über 50-jährige Frauen sind in Europa im Durchschnitt weniger sozial integriert als Männer – besonders im Bereich gemeinschaftlicher Aktivitäten. Das zeigt eine neue Studie unter Beteiligung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Analysiert wurde die soziale Integration älterer Menschen in 21 europäischen Ländern – unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede.

Das Ergebnis habe schon überrascht, sagt Melanie Wagner, Forscherin am Institut für Demographie der ÖAW, die die Studie mitverfasst hat: „Eigentlich weiß man aus anderer Forschung, dass Frauen die größeren sozialen Netzwerke haben und engere soziale Bindungen.“ Dennoch zeigen die Daten: Frauen sind insgesamt weniger stark in das gesellschaftliche Leben eingebunden.

Die Erklärung liegt für Wagner und dem Forschungsteam in der ungleichen Verteilung unbezahlter Pflege- und Betreuungsarbeit: „In den Ländern, wo viel Care-Arbeit auf Frauen lastet, haben die Frauen weniger zeitliche Ressourcen, sind stark an Familie und Haushalt gebunden und können sich weniger sozial engagieren.“ Das wirke sich direkt auf ihre soziale Integration aus, die in familienorientierten Gesellschaften demnach geringer ist. Die Geschlechterunterschiede sind laut Studie in familienorientierten Gesellschaften besonders ausgeprägt – zulasten von Frauen.

Skandinavien als Positivbeispiel

Dabei zeigen die Daten auch, dass es anders geht. In skandinavischen Ländern sei die soziale Integration älterer Menschen insgesamt höher – und vor allem gleichmäßiger zwischen den Geschlechtern verteilt. Wagner erklärt: „Dort ist es selbstverständlich, dass schon sehr kleine Kinder in den Kindergarten gehen oder Ältere institutionell betreut werden. Die Last liegt nicht allein auf den Frauen – auch Männer engagieren sich mehr und alle werden vom Staat mehr unterstützt.“

Auch Österreich wurde in der Studie berücksichtigt. Es zeige sich, so Wagner, als „ein sehr familienorientiertes Land, aber mit einem gewissen Maß an staatlicher beziehungsweise institutioneller Unterstützung“. Die Angehörigen seien „meist die ersten Bezugspersonen, aber sie werden nicht ganz allein gelassen“. Dennoch: Auch in Österreich hätten Männer tendenziell mehr Möglichkeiten, sich beruflich und sozial - sei es unter Kollegen, Freunden, im Vereinsleben oder bei der Feuerwehr - zu engagieren. Die Folge: „Frauen sind dadurch natürlich weniger stark in der Gesellschaft vertreten als Männer, sie haben weniger Teilhabe und sind stärker in ihrer familiären Rolle gebunden“, so Wagner.

Vergleichbarer Index erstmals für Europa angepasst

Grundlage der Studie ist ein vom Forschungsteam aus dem US-amerikanischen Kontext adaptierter Index, der erstmals die soziale Integration älterer Menschen ab 50 Jahren in 21 europäischen Ländern vergleicht. Der Index misst sowohl enge soziale Bindungen – etwa zu Partner:innen oder Freund:innen – als auch die Teilnahme an erweiterten sozialen Aktivitäten wie Vereinsmitgliedschaften oder Ehrenämtern.

„Dieser Index steht nun im Rahmen der SHARE-Studie für die weitere Forschung zur Verfügung“, betont Wagner. Er ermögliche nicht nur den internationalen Vergleich,  sondern auch die Untersuchung von Veränderungen sozialer Integration über Zeit. „Da gibt es noch viel Potenzial. Wir hoffen, dass der Index andere Forschende dazu anregt, ländervergleichende Analysen weiterzuführen.“ 

Wagner verbindet mit den Ergebnissen auch eine gesellschaftspolitische Hoffnung: „Wenn ein Land erkennt, dass es stark familienorientiert ist und dass viel Verantwortung auf den Frauen lastet, könnte das ein Umdenken anstoßen. Wie können wir diese Last gerechter verteilen? Wie könnte man Pflegearbeit anders organisieren? Das wäre wünschenswert.“

 

Auf einen Blick

Publikation

Levinsky, M., Wagner, M., Schmitz, A. et al. Introducing the Social Integration Index for Older Europeans: The Role of Gender and Care Regimes. Soc Indic Res (2025).
DOI: 10.1007/s11205-025-03635-5