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Forschungsraum Europa zwischen Anspruch & Realität

Europäische Zusammenarbeit ist für Spitzenforschung unverzichtbar - bei Investitionen besteht aber Aufholbedarf

09.05.2014

Der 9. Februar 2014 ist ein denkwürdiger Tag für die Schweizer Forschung. Mit ihrem „Nein“ zu mehr Einwanderung brachten sich die Schweizer vorerst um ihre Sonderstellung im europäischen Forschungsraum.

Seit 2004 konnten Schweizer Forscher und wissenschaftliche Institutionen dank bilateraler Abkommen an den alle sieben Jahre ausgeschriebenen EU-Forschungsrahmenprogrammen (FRPs) teilnehmen. Zwischen 2007 und 2013 bezogen Schweizer Spitzenforscher bezogen 1,7 Milliarden Euro aus dem gemeinsamen Topf, mit einer Erfolgsquote von 23 Prozent belegte das Land den ersten Platz beim Erhalt von  europäischen Forschungsgrants des ERC.  

Spitzenforschung braucht Vernetzung

Der Europäische Forschungsrat reagierte prompt auf den Beschluss der Schweizer Bürger – aus dem assoziierten Mitglied ist nun wieder ein Drittstaat wie die USA oder Japan geworden. Auch wenn der Schweizerische Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF)  sofort die Aufstellung neuer, temporärer Gelder für die Wissenschaft zusicherte, ist die Schweizer Forschungslandschaft in Aufruhr. „Die Schweiz wird den ökonomischen Verlust vermutlich gut verkraften“, sagt die Leiterin des Salzburg Centre of European Union Studies, Sonja Puntscher-Riekmann. „Die Schweizer Kollegen beklagen allerdings, dass der Ausschluss aus europäischen Förderprogrammen auch ein Ausschluss aus den internationalen Konsortien für Spitzenforschung bedeuten kann“, fügt EU-Expertin und ÖAW-Mitglied Puntscher-Riekmann hinzu.

Der Blick in die Schweiz lohnt sich. Dennauch für österreichische Forscher ist der europäische Forschungsraum nicht nur von finanzieller Bedeutung. Nationale Forschungsinseln funktionieren heute nicht mehr. Viele Forschungsvorhaben sind aufgrund ihrer Dimension oder thematischen Ausrichtung ohne die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Institutionen nicht mehr durchführbar. Zu den transnationalen Fragestellungen zählen unter anderem die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Klimaschutz, Rohstoffe oder Gesundheit und demographischer Wandel.

Mitarbeit auf EU-Ebene

TU-Professorin und ÖAW-Mitglied Alexia Fürnkranz-Prskawetz weiß, dass die ökonomischen Auswirkung der Bevölkerungsalterung ein Thema sind, „das man eigentlich nur auf europäischer Ebene angehen kann.“ Aus diesem Grund engagiert sich die Wirtschaftsmathematikerin neben Forschung und Lehre auch in der Wissenschaftspolitik. „Nur wer auf EU-Ebene mitarbeitet, kann sich dort auch an der Gestaltung von Ausschreibungen beteiligen“, ist sie überzeugt.

Anfang 2014 startete das achte EU-Rahmenprogramm unter dem zukunftsweisenden Namen „Horizon 2020“. Bis 2020 sollen rund 80 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung fließen. Dies sind um rund 30 Prozent mehr als in der vorigen Forschungsperiode zwischen 2007 und Ende 2013. Eine Zahl, die auf den ersten Blick beeindrucken mag; die das europäische Parlament dennoch nicht sofort zufrieden stellte. „Das EU-Parlament ist unterstützend und großzügig in Bezug auf die Forschungsförderung“, betont Sonja Puntscher-Riekmann. Ursprünglich forderte das Parlament eine Summe von rund 100 Milliarden Euro, vor allem um die Kluft zu anderen großen Playern wie den USA zu schließen. In der Tat investierten die USA 2011 bereits 2,31 Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung; die einzelnen EU-Staaten gaben im Vergleich dazu durchschnittlich nur 1,48 Prozent ihres BIP für Forschungsförderung aus.  Österreich lag mit 1,6 Prozent knapp über dem Durchschnitt.  Insgesamt lagen die  österreichischen Ausgaben für F&E dennoch bei über zwei Prozent, da neben dem staatlichen Sektor vor allem Unternehmen in innovative Projekte investierten.

Nationale Förderung als Basis für gelungene EU-Forschung

Dennoch weisen vor allem die österreichischen Forscher selbst darauf hin, dass sich private und öffentliche Gelder, genauso wie nationale und europäische Forschungsförderung in Zukunft weiterhin ergänzen müssen, um die österreichische Erfolgsgeschichte im Bereich der EU-Förderungen fortzuschreiben. Gemeint ist die im 7. Rahmenprogramm verzeichnete Rückflussqote von 126 Prozent gemessen am österreichischen Beitrag für Forschung zum EU-Haushalt. „Ohne eine gute Infrastruktur vor Ort können auch keine EU-Anträge gestellt werden“, ist Christina Binder, Expertin für Völkerrecht und Internationale Entwicklung an der Uni Wien, überzeugt. Für Binder, 2009 zum Mitglied der Jungen Kurie der ÖAW gewählt, ist der Ausbau dieser Infrastruktur bereits gegeben: Am 1. Mai übernahm sie die stellvertretende Leitung des neuen interdisziplinären Forschungszentrums Human Rights an der Universität Wien. Das neue Zentrum soll als Plattform dienen, von der aus EU-Anträge in Kooperation mit anderen europäischen Institutionen lanciert werden können. „Wir sehen einige Bereiche in Horizon 2020, wo wir uns einklinken könnten“, sagt Binder zuversichtlich. (Dagmar Weidinger)

ÖAW-Mitglieder nehmen Stellung:

  • „Die junge Generation lernt ganz selbstverständlich Anträge zu schreiben“ - Alexia Fürnkranz-Prskawetz im Gespräch
  • „Es ist auch auf nationaler Ebene nicht immer alles klar und einfach!“ - Sonja Puntscher-Riekmann im Gespräch
  • Blick über den Tellerrand - Christina Binder im Gespräch