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Waldbrände in Europa: “Wir müssen lernen, mit dem Feuer zu leben”

Waldbrände sind in vielen Gegenden der Welt keine Seltenheit mehr – auch in Europa. Anlässlich eines neuen EASAC-Reports erklärt Thomas Elmqvist, der Direktor des Environment Programme bei EASAC, wie wir in Zukunft mit dem Feuer umgehen sollten.

19.05.2025
Waldbrände, wie hier in Guadalajara, Spanien, werden durch den Klimawandel immer intensiver.
© Adobe Stock

"Dieses Problem wird uns über Jahrzehnte begleiten, deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt anfangen, es zu lösen," so Thomas Elmqvist, der Direktor des Environment Programme bei EASAC. Ein neuer Report des European Academies Science Advisory Council (EASAC) zu  “Changing Wildfires in Europe“ soll Hintergründe zum Thema Waldbrände klären und Handlungsempfehlungen für die Politik abgeben. Warum die Gefahr durch Wald- und Buschbrände in Europa steigt und welche Empfehlungen im Bericht an europäische PolitikerInnen abgegeben werden, erklärt Thomas Elmqvist im Interview. 

Wie entstehen die Brände?

Thomas Elmqvist: Ein Großteil wird vermutlich absichtlich oder unabsichtlich von Menschen entfacht. Durch den Klimawandel gibt es aber auch mehr Blitzeinschläge, höhere Temperaturen und längere Trockenheit, was ebenfalls zu einem höheren Risiko für Brände führt. Das Klima wird sich nicht abkühlen, es gibt also keine schnellen Lösungen. Dieses Problem wird uns über Jahrzehnte begleiten, deshalb ist es so wichtig, dass wir jetzt anfangen, es zu lösen.

Unsere Ökosysteme waren früher vielfältiger, kleinzelliger strukturiert und damit widerstandsfähiger gegen Brände mit nicht allzu hoher Intensität.

Wie lange dauert es, bis die Flächen sich vom Feuer erholen?

Elmqvist: Intensive Feuer reduzieren die Fähigkeit der Böden, CO2 aufzunehmen. Es kann bis zu hundert Jahre dauern, bis die Böden wieder Kohlenstoffsenken werden. Das führt zu einem Teufelskreis, in dem Feuer immer mehr CO2 ausstoßen und die Böden immer weniger davon wieder aufnehmen können. Aber Brände gibt es auf unserem Planeten, seit es Biomasse an Land gibt und natürliche Feuer sind nicht immer schlecht. Unsere Ökosysteme waren früher allerdings vielfältiger, kleinzelliger strukturiert und damit widerstandsfähiger gegen Brände mit nicht allzu hoher Intensität.

Das Spiel mit dem Feuer

Wie sind Menschen früher mit Bränden umgegangen?

Elmqvist: Menschen haben lange in kalten oder nassen Phasen absichtlich Feuer mit niedriger Intensität entfacht, um die Vegetation zu managen. In Australien hat die indigene Bevölkerung über zehntausende Jahre die Landschaft mit Feuer geformt, indem sie Platz und fruchtbaren Boden für neues Gras geschaffen haben. Als die Europäer kamen, haben sie das kontrollierte Verbrennen des Unterbuschs verboten. Dadurch baut sich regelmäßig eine enorme Menge von trockenem, brennbarem Material auf, die zu den riesigen, intensiven Flächenbränden führt, die wir heute in Australien sehen. Es gibt vereinzelt Bestrebungen, wieder zurück zu den kontrollierten, kleineren Bränden zu gehen, aber das hat sich noch nicht durchgesetzt.

Wahrscheinlich werden wir nicht umhinkommen, solche Methoden in Zukunft wieder zu beleben und zu lernen, mit dem Feuer zu leben.

Auch in den Alpen wird teilweise noch Vegetation verbrannt, um die Weideflächen zu erhalten.

Elmqvist: Ja, auch dort wird die Gefahr von großen Bränden so reduziert. In der Bevölkerung gibt es natürlich oft Widerstand gegen die Praxis, willkürlich Feuern zu legen. Wahrscheinlich werden wir aber nicht umhinkommen, solche Methoden in Zukunft wieder zu beleben und zu lernen, mit dem Feuer zu leben, um große, intensive Brände und enorme Schäden an unseren Ökosystemen und an der Infrastruktur zu verhindern.

Wie kann die Politik reagieren?

Elmqvist: In Nordamerika und Europa gibt es schon lange einen starken Trend, in die Bekämpfung von Bränden zu investieren, statt präventiv zu agieren. Auch die Koordination zwischen den europäischen Staaten ist darauf ausgelegt. Wir brauchen aber eine Balance, die auch proaktive Ansätze berücksichtigt. Wenn wir die Landnutzung umgestalten, können wir Feuer in Zukunft in vielen Fällen managen, statt sie zu bekämpfen. Mehr Weideland, eine Reduktion von holziger Vegetation und regelmäßige, geplante Feuer würden helfen. Eine möglichst diverse Bepflanzung, feuerhemmende Schneisen in der Vegetation und eine mosaikartige Anordnung verschiedener Nutzflächen sind ebenfalls ratsam. Nadelbaum-Monokulturen erhöhen das Risiko für riesige Flächenbrände hingegen enorm.

Politische Lösungen gegen Waldbrände

Was kann ein EASAC-Bericht bewirken?

Elmqvist: EASAC erstellt zu vielen Umweltthemen Berichte und formuliert evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für die Politik. In der Vergangenheit haben wir damit durchaus Aufmerksamkeit von der EU-Kommission und dem Parlament bekommen, zum Beispiel für einen Report, der festgestellt hat, dass es nicht klug ist, Biomasse zur Energiegewinnung zu verbrennen. Wenn wir uns dringlich mit einem aktuellen Thema an die Kommission wenden, funktioniert das normalerweise gut.

Worum geht es im Bericht zu Flächenbränden?

Elmqvist: Wir analysieren die Ursachen für die Brände und die Auswirkungen auf Waldbestände, Grün- und Torfflächen, sowohl in der Wildnis als auch in Siedlungsgebieten. Dabei spielen sowohl der Klimawandel als auch die veränderte Landnutzung eine große Rolle. Auf aufgegebenen Ackerflächen sammelt sich zum Beispiel mit der Zeit trockene, holzige Vegetation, die in Dürrephasen wie ein Brandbeschleuniger wirken kann. Das sehen wir besonders im europäischen Mittelmeerraum.

Diese extrem heißen Brände können alles abtöten, von den Bäumen bis zu den Mikroorganismen im Boden.

Welche Auswirkungen hat das?

Elmqvist: Der Klimawandel und die veränderte Landnutzung führen dazu, dass die Brände viel intensiver werden. Die Feuer, die wir in den vergangenen Jahren in Griechenland gesehen haben, sind riesig und von hoher Intensität. Deshalb sind auch die Schäden größer: Diese extrem heißen Brände können alles abtöten, von den Bäumen bis zu den Mikroorganismen im Boden. Auch der CO2-Ausstoß ist riesig: Die Feuer im vergangenen Jahr in Kanada haben eine Fläche in der Größe Finnlands vernichtet und so viel CO2 freigesetzt, wie Indien in einem ganzen Jahr ausstößt.

Wie überzeugt man die EU, dass Präventionsmaßnahmen lohnen, auch wenn sie kurzfristig zu wirtschaftlichen Einbußen führen?

Elmqvist: Investitionen in proaktive Praktiken, die das Risiko für Brände mit hoher Intensität reduzieren, haben viele positive Nebeneffekte und unterstützen wichtige EU-Ziele wie die grüne Wirtschaftswende, nachhaltige Waldwirtschaft, Biodiversität und die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme. Wir wollen dem EU-Parlament und der Kommission erklären. wo die Vorteile liegen. Ein geringeres Risiko für Brände mit hoher Intensität bedeutet gleichzeitig weniger CO2-Emissionen und mehr CO2-Speicherung im Boden. Es gibt auch Interesse aus der Versicherungsbranche, Maßnahmen einzuführen, um Brände zu reduzieren, etwa indem den Landbesitzern Anreize für proaktive Maßnahmen geboten werden. Der Übergang zu nachhaltigen Ansätzen wird wahrscheinlich sowohl Gewinner als auch Verlierer hervorbringen, deshalb ist es wichtig, dass wir offen und transparent kommunizieren und sicherstellen, dass die Bevölkerung fair eingebunden wird.

Was passiert, wenn wir nichts gegen die steigende Brandgefahr unternehmen?

Elmqvist: Im schlimmsten Szenario erleben Teile der EU häufig Brände mit hoher Intensität, die einige Gebiete unbewohnbar machen würden und zur Verdrängung der lokalen Bevölkerung und einem Verlust der landwirtschaftlichen Produktion führen können.

 

Auf einen Blick

Thomas Elmqvist ist ordentlicher Professor am Stockholm Resilience Centre der Universität Stockholm und Fellow am Stellenbosch Institute of Advanced Studies (STIAS) in Südafrika, außerordentlicher Professor am Fachbereich Naturressourcen der Cornell University in den USA, Gastprofessor am Institut für Zukunftsinitiativen der Universität Tokio in Japan und Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie für Land- und Forstwirtschaft.

EASAC ist ein Netzwerk der nationalen Wissenschaftsakademien der EU-Mitgliedstaaten, Norwegens, der Schweiz und des Vereinigten Königreichs sowie der Academia Europaea und ALLEA und bietet politischen Entscheidungsträgern in Europa unabhängige wissenschaftliche Beratung in den Bereichen Energie, Umwelt sowie Biowissenschaften und Öffentlicher Gesundheit. Die EASAC Geschäftsstelle ist derzeit an der ÖAW in Wien angesiedelt.

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