30.07.2020

Europas ständige Unruhe

Die Wanderausstellung „Europa - Erbe der Humanisten“ porträtiert Gelehrte aus über 20 Ländern, die in der Renaissance Werte wie kritisches Denken, Demokratie, Menschenwürde und Emanzipation propagierten - und damit die Schienen für ein modernes Europa legten. Die ÖAW ist maßgeblich an der Ausstellung beteiligt. Nun ist sie in Buchform auch im Web zu sehen.

Bildnis von Johanna Elisabetha Westonia
Johanna Elisabetha Westonia (1582-1612) war eine der bedeutendsten Denker/innen des Späthumanismus. © Wikimedia Commons

Obwohl Jahrhunderte zwischen den damaligen Humanisten und dem Heute liegen, klingt manches ungemein modern. Einige Beispiele vielleicht? Bereits im 16. Jahrhundert betonte der Humanist Juan Luis Vives aus Flandern, die Ehe sei nicht vorrangig zur Produktion einer Nachkommenschaft da. Für ihn ist sie eine „Lebensgemeinschaft“, er lobt die „untrennbare Kameradschaft“ zwischen den Partnern. Vives vertrat zudem die Meinung, dass Mädchen und Burschen in ihren intellektuellen Fähigkeiten gleich sind, und setzte sich für eine Literaturausbildung von Mädchen ein.

Der Italiener Guarino da Verona wiederum unterschied sich von seinen Zeitgenoss/innen darin, dass er auf literarische Polemik verzichtete. Er lese fremde Schriften, um sich selbst zu korrigieren und zu verbessern, schrieb er 1416. Eine Haltung, die man sich auch heute vor allem in den Sozialen Medien wünschen würde. Und Johanna Elisabetha Westonia, die englisch-böhmische Naturforscherin und Dichterin, wurde von den Menschen im 16. Jahrhundert mehr bewundert als William Shakespeare. Dank eines Privatlehrers sprach sie mehrere Sprachen, eine internationale Gelehrtengemeinschaft wetteiferte darin, mit der „Prager Sappho“ in Kontakt zu treten.

Geistige Pionier/innen online entdecken

44 Vordenkerinnen und Vordenker aus 21 Ländern werden in dem gerade vom Goethe-Institut Schweden, Stockholm publizierten Buch „Europa - Erbe der Humanisten“, das online in drei Sprachen zur Verfügung steht, vorgestellt. Neben bekannten Gelehrten wie Baruch de Spinoza und Thomas Morus sind es vor allem Humanist/innen, die mittlerweile weitgehend in Vergessenheit geraten sind, aber dennoch geistige Pionier/innen eines Europas waren, das seine Stärke durch zukunftsweisende Ideen manifestierte.

„Uns war wichtig, nicht wie im Schulunterricht nur die berühmten Gelehrten abzuhaken“, erklärt Christian Gastgeber, Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Initiator des Projekts. „Wir wollten prägende Humanisten und Humanistinnen mit dem modernen Europa in Verbindung bringen und zeigen, welch mühsamen Weg sie zurücklegen mussten, um zu schaffen, was uns heute selbstverständlich erscheint“, so Gastgeber. Ziel ist freilich auch, ein Bewusstsein für die positiven Aspekte von Europa zu wecken.

Alles darf hinterfragt werden

Die Ausstellung „Europa - Erbe der Humanisten“ war 2017 zunächst in der Wiener Hauptbücherei zu sehen, auf Initiative des Goethe-Institutes Schweden in Stockholm wurden die Texte übersetzt und seitdem tourt die Schau durch Europa. Demnächst wird sie in Slowenien zu sehen sein. Ausgangspunkt war die Frage, wie jene Werte entstanden sind, für die Europa nach wie vor steht: kritisches Denken, Demokratie, Menschenwürde, Toleranz, Mehrsprachigkeit, Mobilität und Emanzipation.

Arpad-Andreas Sölter, Leiter des schwedischen Goethe-Instituts versucht im Vorwort des Online-Buches darauf Antworten zu finden, ohne die Geschichte der Gewalt, die Europa ebenfalls geprägt hat - von Genoziden bis zu Kolonialismus und Rassismus - auszublenden. Er betont, wie zentral die Tradition einer „Kultur des Infragestellens“ in Europa ist, wie es die französische Philosophin Julia Kristeva auf den Punkt brachte. Ständige Unruhe als Motto, alles darf hinterfragt werden, sogar Gott.

Europa ist für Überraschungen gut

Der „gewaltige Chor der humanistischen Stimmen“, wie es im Buch heißt, pflegte kulturellen Austausch über Grenzen hinweg. Die Gelehrten reisten durch ganz Europa, unterrichteten an Universitäten und Höfen. „Auch das war uns wichtig zu zeigen: Wie stark der Humanismus von Mobilität lebte, wie zentral Netzwerke waren“, so ÖAW-Wissenschaftler Gastgeber. „Die Länder hatten völlig freie Wahl, von einigen Humanisten aus Osteuropa hatte ich zuvor noch nie etwas gehört“, gesteht der Initiator. Auch das ist erfreulich: Europa ist noch immer für Überraschungen gut.

 

AUF EINEN BLICK

Die Ausstellung „Europa - Erbe der Humanisten“ würdigt das europäische Erbe des Humanismus und stellt dabei humanistische Vordenker Europas der letzten Jahrhunderte vor. Basierend auf einer Idee von Christian Gastgeber von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und entstanden aus einer Kooperation mit EUNIC Austria, dem Dachverband der nationalen Kulturinstitute, reist die Schau seit 2017 durch Europa. Nun ist sie in Buchform auch kostenlos online zu besichtigen.

Online-Buch „Europa - Erbe der Humanisten“

 


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